Abstandsregeln

Kein Platz zum Singen: Abstandsregeln erschweren Chören das Proben

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Die Four Valleys sind von den Abstandsregelungen für Chöre ebenso betroffen wie andere Sängergruppen. Faktisch sei es nicht möglich, einen Ort zu finden, an dem genügend Platz herrscht, um unter Einhaltung der Corona-Regeln üben zu können (die Aufnahme entstand vor der Pandemie).

Plettenberg/Herscheid – Durch die Corona-Pandemie mussten Chöre eine lange Zwangspause einlegen. Inzwischen ist das Proben wieder erlaubt, zumindest in der Theorie und nur unter Einhaltung strikter Regeln. In der Praxis warten Chöre in Plettenberg und Herscheid noch ab, bis sie den gemeinsamen Probenbetrieb wieder aufnehmen.

Die Vorschriften, die beim Proben zu beachten sind, könne man gar nicht umsetzen, sagt Ai-Lan Na-Schlütter, die beim Chor FemmeVokal für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist. „Wir brauchen zehn Quadratmeter pro Person“, sagt sie. In geschlossenen Räumen müssen die Sänger einen seitlichen Abstand von drei Metern einhalten, der Abstand nach vorne und hinten – in „Ausstoßrichtung“, wie es in der Coronaschutz-Verordnung heißt – wurde zum 30. Mai von ursprünglich sechs auf vier Meter reduziert. Doch das Platzproblem für eine Wiederaufnahme des Probenbetriebs hat sich dadurch kaum gebessert.

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FemmeVokal: Aufgrund der Chorgröße sei der übliche Probenraum im Bürgerhaus schon ohne Abstandsregeln ziemlich eng, mit den Regeln ist ein Proben dort nicht möglich. „Wir müssten gewissermaßen die Schützenhalle mieten, um es umsetzen zu können“, sagt Na-Schlütter. „Da kommt kein Chor-Feeling auf.“ Man müsste sich draußen aufstellen, aber auch da sind Abstände von zwei Metern in alle Richtungen vorgeschrieben. Auch das steht dem normalen Chor-Erlebnis entgegen. „Das Aufeinander-Hören beim Singen fehlt bei dieser Entfernung.“

 In der Zwischenzeit haben die Sängerinnen von der Chorleiterin Übungs-Dateien mit Anleitungen zum Stimmtraining und Noten für die einzelnen Stimmlagen bekommen, um zuhause zu üben. „Damit wir nicht bei Null anfangen, wenn wir wieder proben“, sagt Na-Schlütter. Außerdem schicke die Chorleiterin regelmäßig Mails mit aufmunternden Botschaften an die Sängerinnen, auch per Whatsapp halte man Kontakt. Aber der persönliche Kontakt fehlt trotzdem. „Das, was so ein Chorleben ausmacht, liegt total brach“; sagt Na-Schlütter. „Wir müssen wahrscheinlich erst wieder lernen, was Chorsingen überhaupt ausmacht.“ Wann das sein wird, ist allerdings noch offen. Aufgrund des brachliegenden Probenbetriebs hat FemmeVokal bereits alle diesjährigen Veranstaltungen auf das kommende Jahr verschoben.

Four Valleys: Der Männerchor Four Valleys hat das am Jahresende anstehende Festival „Acappellissimo“, das alle zwei Jahre stattfindet, dagegen noch nicht abgesagt. „Bisher gab es dazu noch keine Veranlassung“, sagt Bernhard Schlütter vom Vorstand des Chors. Noch sei nicht klar, ob eine solche Veranstaltung zum geplanten Zeitpunkt stattfinden könne, bisher habe man aber weder mit dem Vorverkauf, noch mit Werbemaßnahmen begonnen. Musikalische Voraussetzung für das Event ist allerdings, dass die Four Valleys nach den Sommerferien wieder proben können. „Es sollte auch neue Chorliteratur zum Programm gehören, die wir jetzt einüben sollten“, sagt Schlütter. 

Doch der Chor, der wie FemmeVokal normalerweise im Bürgerhaus probt, befindet sich ebenfalls weiterhin in der Probenpause. Denn ob es sich lohne, die Schützenhalle für Chorproben zu mieten, sei fraglich. So bleibt auch den Four-Valleys-Sängern nur das Proben zuhause mit zugeschickten Dateien und Noten. Ob vor der ohnehin bald anstehenden Sommerpause des Chors noch einmal geprobt wird, glaubt Schlütter nicht, vorbehaltlich der Entscheidung auf einer Vorstandssitzung am Dienstagabend, die zu Redaktionsschluss noch nicht feststand. „Ich gehe davon aus, dass wir bis Ende August nicht proben können“, sagt Schlütter.

MGV Rärin: Früher werde auch der MGV Sängerbund 1892 Rärin nicht mit dem Proben beginnen, sagt Jürgen Adamsky, der seit 36 Jahren Vorsitzender des Laienchores ist. „Wir würden alle gerne wieder anfangen.“ Dass der Probenbetrieb weiterhin ruht, hat nicht nur damit zu tun, dass die 23 Sänger – Durchschnittsalter 75 Jahre – zur Hochrisikogruppe gehören und der Chor deswegen vorsichtig ist. 

Wie bei anderen Chören scheitert das Proben – bei gleichzeitiger Beachtung der Abstands- und Hygieneregeln – auch an einem geeigneten Raum, wie Adamsky erklärt: „Wir proben im Schulungsraum im Feuerwehrgerätehaus in Rärin. Der ist nicht so groß angelegt, dass es möglich wäre.“ Da man kein Leistungschor sei, habe man darauf verzichtet, die Sänger mit Übungsmaterial für zuhause zu versorgen. Für die Sänger spiele die Geselligkeit eine große Rolle, die nun neben dem Singen ebenfalls fehle. Denn da die Sänger inzwischen weit verstreut lebten, treffe man sich nur selten, sagt Adamsky. „Ich habe es noch nie erlebt, dass wir so ein Dilemma hatten“, sagt der Sängerbund-Vorsitzende zu der langen Zwangspause. „Seit Mitte März ruht der Betrieb, aber es ist leider nicht anders möglich.“ 

Der Chor hat sämtliche Veranstaltungen – Konzerte, Auftritte bei Hochzeiten und Geburtstagen – abgesagt oder verschoben. Adamsky hofft, dass auf 2021 geschobene Konzerte dann nachgeholt werden können, aber auch das stehe noch in den Sternen. Da das Vereinsleben vieler Vereine unter der Coronakrise leide, macht sich Adamsky zudem Sorgen um den Fortbestand mancher Vereine: „Man muss abwarten, ob sich nicht einige Vereine abmelden und den Sangesbetrieb aufgeben. Das ist leider zu befürchten.“

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