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„Bürger dritter Klasse?“: Partys, Müll und Raserei lassen Anwohner verzweifeln

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Von: Dirk Grein

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Glück gehabt! Kacper Wieczorek möchte mit seinem Wagen aus der Garage seiner Eltern fahren und kann dies auch ohne unüberwindbare Hindernisse. Das sei am Beiese längst nicht immer der Fall, berichtet der Plettenberger.
Glück gehabt! Kacper Wieczorek möchte mit seinem Wagen aus der Garage seiner Eltern fahren und kann dies auch ohne unüberwindbare Hindernisse. Das sei am Beiese längst nicht immer der Fall, berichtet der Plettenberger. © Grein, Dirk

Als eine Katastrophe bezeichnen einige Anwohner die Parksituation im Bereich Beiese. Oft sei die eigene Einfahrt zugeparkt, sodass das eigene Grundstück per Auto nicht erreicht oder verlassen werden kann oder das Rangieren zur Zentimeterarbeit wird. Die Anwohner befürchten, dass die Parkplatznot noch zunimmt, und vermissen Unterstützung.

Plettenberg – Montagnachmittag am Beiese. Hier und da parken ein paar Autos, gegenüber der Hausnummer 15 steht ein blauer Container, daneben liegt ein Schotterhaufen. Ein Bulli mit Hamburger Kennzeichen brettert in der 30er-Zone über die Straße, muss kurz hinter dem Container abrupt abbremsen, weil ihm ein Auto entgegenkommt. Der Bulli-Fahrer setzt zurück, sucht eine Ausweichfläche, wartet bis der Pkw an ihm vorbeigefahren ist, und düst weiter in Richtung Oestertalstraße.

Situationen wie diese entstehen an der schmalen Straße täglich, erzählt Anwohner Kacper Wieczorek. Doch so unproblematisch wie in dem geschilderten Fall lassen sich diese Begegnungen nicht immer lösen. Oft gebe es keine freien Flächen zum Ausweichen. Die Parksituation sei eine Katastrophe, erzählt der Plettenberger. Seit über sechs Jahren wohnt er mit seinen Eltern in dem Haus am Beiese, wohl fühle man sich hier nur noch selten.

Laute Partys in der Nachbarschaft, sich auftürmender Müll an den Straßen, ständige Raserei – Kacper Wieczorek, sein Vater Gregor und Joanna Arens, eine Freundin der Familie, beschreiben erhebliche Missstände in dem Ortsteil. Das Falschparken wurde in jüngster Vergangenheit zum größten Ärgernis.

„Wir sind schon öfter zugeparkt worden, sodass wir nicht mehr mit unseren Autos unser eigenes Grundstück erreichen oder dieses verlassen konnten“, sagt Kacper Wieczorek. Er zeigt Handybilder von anderen Tagen, an denen zwar eine minimale Lücke an der Einfahrt frei war, doch das Hinausfahren sei durch die vielen geparkten Wagen zur Zentimeterarbeit geworden. Nicht nur die Anwohner sind betroffen: Vor wenigen Tagen sei es zu einem Unfall gekommen, bei dem ein älterer Fahrer mit seinem Wagen ein geparktes Auto beschädigt habe – auf der Suche nach kaum vorhandenen Ausweichflächen.

Die Wieczoreks befürchten, dass sich die Situation bald noch verschärfen könnte: In direkter Nachbarschaft seien Mehrfamilienhäuser renoviert worden. Wenn dort Mieter einziehen, kommen weitere Fahrzeuge hinzu, dürfte die Parkplatznot noch größer werden.

Verständnis für die Fahrer bringen die Anwohner bedingt auf – irgendwo müssen die Fahrzeuge schließlich hin. Doch sie vermissen die Unterstützung: Mehrfach habe Kacper Wieczorek bei der Polizei angerufen, Joanna Arens berichtet vom Mailkontakt mit dem Ordnungsamt. Geändert habe sich die vertrackte Situation nicht, fühlen sich die Wieczoreks im Stich gelassen. Die Familie fragt sich inzwischen, ob es mit ihrer Wohnlage am Beiese zu tun hat: „Sind wir nur Bürger dritter Klasse?“

Eine Aussage, die von behördlicher Seite verneint wird. Wibke Honselmann von der Pressestelle der Polizei MK gibt zu bedenken, dass die Polizei nicht für die Überwachung des ruhenden Verkehrs zuständig sei. Das sei „originäre Aufgabe“ des Ordnungsamtes. Lediglich bei Parkunfällen oder bei Parkproblemen außerhalb der Dienstzeit des Ordnungsamtes widme sich die Polizei derlei Vorkommnissen.

Thorsten Spiegel, Leiter des hiesigen Ordnungsamtes, bestätigte den Eingang der Anwohnerbeschwerden aus dem Bereich Beiese. Diesen sei nachgegangen worden, doch Spiegel betont: „Selbstverständlich kann der ordnungsamtliche Außendienst jeweils nur anlassbezogen einschreiten oder stichprobenhaft kontrollieren.“

Die Parkkontrollen im Stadtgebiet seien – trotz der zusätzlichen Anforderungen durch Corona – erhöht worden. Allein in 2021 habe das Ordnungsamt mehr als 6 000 Parkverstöße geahndet, so viele wie nie zuvor. Diese Zahl zeige aber auch: Das Ordnungsamt könne nicht überall gleichzeitig sein.

Ohnehin, so räumt Spiegel ein, könne man mit den Mitteln des Ordnungsrechts Rücksichtslosigkeiten nur punktuell eindämmen: „Letztlich erscheint es auch wichtig, stadtteilbezogen Aufklärungsarbeit über Gepflogenheiten und Normen weiter zu intensivieren, einige Vermieter – gerade im Mehrfamilienhausbereich – anzuhalten, sich um die Auswahl und Betreuung ihrer Mieter mancherorts nachhaltiger zu kümmern, städteplanerisch wohnumfeldverbessernde Maßnahmen zu prüfen, um möglichst auf eine ausgewogene Bewohnerstruktur hinzuwirken.“

Bedeutet: Das Ordnungsamt nimmt die Beschwerden der Beiese-Anwohner sehr wohl ernst und geht diesen – sofern Kapazitäten bestehen – auch stets nach. Ein kurzfristiges Patent-Rezept zur Lösung des Parkproblems gibt es allerdings nicht.

Die Stellungnahme der Stadt: Überwachung des ruhenden Verkehrs werde keineswegs vernachlässigt

Ordnungsamtsleiter Thorsten Spiegel schreibt: „In der Straße Am Beiese ist eine Halteverbotszone ausgewiesen, das Parken ist dort in den gekennzeichneten Flächen sowie auf den angelegten Parkstreifen erlaubt. Verstöße – ordnungsbehördlich festgestellte oder durch Fremdanzeige bekannt gewordene – werden durch entsprechende Ordnungswidrigkeitsverfahren geahndet.“

Seit Dezember gebe es Beschwerden von Beiese-Anwohnern, die durch das Parkverhalten negativ beeinträchtigt werden. Denen werde nachgegangen, aber: „Selbstverständlich kann der ordnungsamtliche Außendienst jeweils nur anlassbezogen einschreiten oder stichprobenhaft kontrollieren.“

Obwohl der ordnungsamtliche Außendienst durch zusätzliche Corona-Kontrollen bereits gut ausgelastet sei, habe er in 2021 mehr als 6000 Parkverstöße in Plettenberg festgestellt und geahndet. Spiegel: „Mehr als je zuvor, da Kontrollen in Stadtmitte und in Wohngebieten auch abends und am Wochenende erfolgen, um Missständen zu begegnen. Dazu gehören vor allem das Gehwegparken, das Falschparken auf Schwerbehindertenparkplätzen, das (beidseitige) Parken unter übermäßiger Einengung der Fahrbahn, was zu Behinderungen oder Einsatzgefährdungen für Rettungsfahrzeuge führen kann.“

Die Überwachung des ruhenden Verkehrs werde keineswegs vernachlässigt. „Da aber die Kontrollkräfte trotz besten Bemühens ,nicht überall gleichzeitig’ sein können, sind wir selbstverständlich offen für verwertbare Fremdanzeigen, die ja weiterhin jeder Bürger erstatten kann“, betont der Ordnungsamtsleiter.

Er nahm auch Stellung zu der Frage, inwieweit zu Wohnflächen entsprechender Parkraum vorzuhalten oder nachzuweisen ist: „Maßgeblich ist dabei regelmäßig die Rechtslage im Zeitpunkt der Genehmigung eines Gebäudes. Das bedeutet, man kann nicht nachträglich ,mehr Parkraum’ vom Eigentümer verlangen.“ Unabhängig davon seien Hauseigentümer grundsätzlich auch nicht verantwortlich zu machen für etwaig verbotswidriges Parken ihrer Mieterschaft oder ihrer Beauftragten, wie zum Beispiel Handwerker. „Jeder Fahrzeugführer, nachrangig der Halter, ist diesbezüglich persönlich verantwortlich“, erklärt Spiegel.

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