Archäologin forscht an Mumien von Riesa

Blick in die Gruft: Diese Mumienforscherin aus dem MK ist bald im Fernsehen zu sehen

Die aus Plettenberg stammende Archäologin Amelie Alterauge bei der Untersuchung der Kindersärge in der Sakristei der Klosterkirche Riesa.
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Die aus Plettenberg stammende Archäologin Amelie Alterauge bei der Untersuchung der Kindersärge in der Sakristei der Klosterkirche Riesa.

Beim Stichwort Mumien denken die meisten an Ägypten, an Pyramiden und Pharaonengräber. Doch auch in Deutschland ruhen in einigen Grüften mumifizierte Tote, unter anderem im sächsischen Riesa. An genau diesen Mumien aus Riesa, über die am 4. August eine TV-Dokumentation ausgestrahlt wird, forscht auch die aus Plettenberg stammende Archäologin Amelie Alterauge.

Plettenberg – Seit 2016 arbeitet die 32-Jährige im Rahmen eines Forschungsprojekts an den Mumien von Riesa, zu dem dort in Kürze eine Ausstellung im Stadtmuseum eröffnet wird und dem sich auch der Mitteldeutsche Rundfunk in einer 30-minütigen Dokumentation namens „Mumien unter Riesa“ widmet.

An das Thema Mumien kam sie über das Studium. Nach dem Abitur am Albert-Schweitzer-Gymnasium studierte sie an den Universitäten Freiburg, Basel und Komotini (Griechenland) die Fächer Urgeschichtliche und Vorderasiatische Archäologie und Biologische Anthropologie. Bei letzterem Fach lag der Schwerpunkt auf der Untersuchung menschlicher Überreste. Im Rahmen eines wissenschaftlichen Volontariats beim German Mummy Project an den Reiss-Engelhorn-Museen in Mannheim kam sie mit dem Thema der europäischen Mumien in Berührung.

Mumien aus Europa kaum erforscht 

„Über ägyptische und südamerikanische Mumien ist schon sehr viel bekannt und geforscht worden, über europäische aber viel weniger“, erzählt Alterauge. Deswegen entschied sie sich, über dieses weniger erforschte Thema ihre Doktorarbeit zu schreiben, und landete im Laufe ihrer Forschungen bei den Mumien von Riesa. Seit 2016 untersucht sie die dortigen Mumien, die ein europaweit einzigartiges Bestattungsensemble mit Mumien aus drei Jahrhunderten darstellen.

Diese ruhten unterhalb der Klosterkirche von Riesa in insgesamt drei Grüften. In den zwei noch erhaltenen Grüften standen ursprünglich 50 Särge in der Gruft unter dem Altar und acht in der Nordgruft. Davon erhalten sind noch 23 aus der ersten und fünf Mumien aus der zweiten. Über die dritte Gruft habe man keinerlei Informationen, so Alterauge.

In den Grüften sind auch mehrere Kinder bestattet: Hier eine Aufnahme und das entsprechende Röntgenbild eines unbekannten, null bis drei Monate alten Säuglings aus einem Sarg aus dem 17. oder 18. Jahrhundert.

Mit Pharaonen vergleichbar waren die dort bestatteten Männer, Frauen und Kinder zwar nicht, doch auch sie gehörten zur gesellschaftlichen Elite, wenn auch als Niederadlige nicht zu deren höchsten Rängen. „In der Kirche bestattet zu werden, war ein Privileg der Geistlichen und des Adels und man musste dafür zahlen“, erklärt Alterauge. Bei den Mumien von Riesa handelt es sich um die Besitzer des dortigen Rittergutes, die über Jahrhunderte auch die Geschicke der sächsischen Stadt mitbestimmten.

Sie gehörten zu drei aufeinanderfolgenden Adelsfamilien. Dies waren die Familie von Felgenhauer, die Familie Hanisch/von Odenleben und die Familie von Welck. Alle drei Familien waren Freiherren, die Familie Hanisch erst nach ihrer Erhebung in den Adelsstand mit dem neuen Familiennamen von Odenleben. Die älteste Mumie stammt von 1637, die jüngste von 1869.

„Anders als ägyptische Mumien wurden diese nicht speziell behandelt, ausgeweidet und einbalsamiert, sondern sind auf natürliche Weise ausgetrocknet“, erklärt Alterauge deren Besonderheit.

Der Grund dafür sind die Grüfte selbst, in denen die Toten bestattet wurden. Diese befinden sich unter oder in Kirchenbauten. Um die schlechten Gerüche und die Feuchtigkeit aus diesen Räumen zu bekommen, verfügten sie meist über ein Belüftungssystem, beispielsweise kaminartige Öffnungen oder Fenster, was zu einer stetigen Lüftung in der Gruft führte. „Es weht immer ein ganz leichter Wind“, so Alterauge.

Da die Feuchtigkeit mit der Luft hinausgetragen wird, trocknen die Körper aus. Schreitet dabei die Austrocknung schneller voran als der Verwesungsprozess, können die Toten mumifizieren, wobei sich Haut und Muskeln verhärten. „Man kann es mit Schinkentrocknen vergleichen“, erklärt Alterauge. Bis auf eine Ausnahme waren alle Toten in den Grüften natürlich mumifiziert, nur bei einer Mumie war die Bauchdecke geöffnet und waren die Eingeweide entfernt worden.

Bei der Forschungsarbeit ging es Alterauge und ihren Kollegen zum Einen um die Bestandsaufnahme, denn eine genauere wissenschaftliche Untersuchung der Mumien hatte es vor 2016 noch nicht gegeben. 1828 hatte der damalige Rittergutsbesitzer Curt Robert Freiherr von Welck (1798-1866) die Gruft erstmals geöffnet und den Zustand der dort gefundenen Särge beschrieben.

Anders als ägyptische Mumien wurden diese nicht speziell behandelt, ausgeweidet und einbalsamiert, sondern sind auf natürliche Weise ausgetrocknet.

Amelie Alterauge, Archäologin 

„Wir vergleichen, was davon noch vorhanden ist und ob wir noch Personen identifizieren können“, erklärt Alterauge. Bei einigen geben Inschriften auf den Särgen Aufschluss über die Identität, bei anderen sind tiefergehende Untersuchungen notwendig. Dabei konnte Alterauge auch auf Methoden zurückgreifen, die ihr, da sie seit 2014 in der Abteilung Anthropologie am Institut für Rechtsmedizin an der Universität Bern tätig ist, dort zur Verfügung stehen.

„Mit einem tragbaren Röntgengerät konnten wir die Mumien vor Ort untersuchen und den Sarg durchleuchten“, erklärt die Archäologin. So blieb den empfindlichen Särgen und ihrem Inhalt ein Transport erspart. Die Röntgenuntersuchung gab unter anderem Aufschluss darüber, wie alt die Bestatteten zum Zeitpunkt ihres Todes waren, ob sie an Krankheiten litten oder Knochenbrüche aufwiesen.

Untersuchung der Ernährung

Auch forensisch-medizinische Methoden kamen zur Anwendung. An unauffälligen Stellen wurden Knochenproben entnommen, um dann mithilfe einer sogenannten stabilen Isotopenuntersuchung zu rekonstruieren, wie sich die Toten zu Lebzeiten ernährten. „Wir schauen, ob sich jemand eher vegetarisch ernährt hat oder viele tierische Proteine – also Fleisch und Milchprodukte – zu sich genommen hat.“ Da in den Grüften in Riesa auch viele Kinder bestattet wurden, interessiert die Forscher zudem, ob und wie lange diese gestillt wurden.

Eine interessante Erkenntnis aus den Untersuchungen: „Diese Adelsfamilien, die zum niederen Adel gehörten, haben sehr qualitätsvolle Speisen zu sich genommen und standen damit Familien aus dem Hochadel wie den Medici in nichts nach. Das hat uns schon überrascht“, sagt Alterauge.

Auch die Särge selbst, die Kleidung der Toten und weitere Beigaben – wie etwa Totenkronen aus Nelken – sind ein Schwerpunkt der Ausstellung „Geschichten über den Tod hinaus“, die ab dem 22. August im Stadtmuseum Riesa zu sehen ist. Diese stellt gewissermaßen das Resultat der mehrjährigen Forschung dar, an der unter anderem auch das Sächsische Landesamt für Denkmalpflege beteiligt war. Bei der kostümhistorischen Bestimmung und Restaurierung der Kleidung wurde mit den Museen der Stadt Dresden zusammengearbeitet.

Neben den beigesetzten Adelsfamilien, ihrer Lebensweise und Totenbrauchtum widmet sich die Ausstellung und die Dokumentation auch der Entdeckungsgeschichte der Mumien und wie mit diesen zu DDR-Zeiten umgegangen wurde. In den 1970er Jahren war in der Gruft nämlich „aufgeräumt“ worden, erzählt Alterauge. Vieles wurde auf den Dachboden der Klosterkirche gebracht und dort unsachgemäß in Kartons und Müllsäcken aufbewahrt. „Wir haben die Sachen wiederentdeckt. Dabei haben sich wahre Schätze aufgetan.“ Unter anderem wurden Reste von Kleidungsstücken aus Samt, Seide und Damaststoffen mit aufwendigen floralen Mustern, wie sie die an dem Projekt beteiligten Kleidungsexperten selbst vom Dresdner Fürstenhof nicht kannten, gefunden und für die Ausstellung mühevoll restauriert. „Für ihre Zeit waren sie sehr kostbar und modisch gekleidet“, sagt Alterauge über die Angehörigen der Riesaer Ritterfamilien. Und in dieser, ihrer besten Kleidung wurden sie auch bestattet.

Ausstellung und Dokumentation

Am Mittwoch, 4. August, strahlt der MDR in der Sendung „Echt“ um 21.15 Uhr die 30-minütige Dokumentation „Mumien unter Riesa“ aus, die außerdem in der ARD-Mediathek abrufbar ist. Die Ausstellung „Geschichten über den Tod hinaus – Die Grüfte in der Klosterkirche Riesa“ ist vom 22. August 2021 bis 16. Januar 2022 im Stadtmuseum Riesa zu sehen. Im Zusammenhang mit der Ausstellung ist mit separater Anmeldung auch ein Besuch der Grüfte möglich.

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