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„Bin verletzt und wütend“: Katholiken entsetzt über neuen Missbrauchsskandal

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Von: Hartmut Damschen

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Die neuen Enthüllungen zu Missbrauchsskandalen in der katholischen Kirche und dem Umgang mit diesen schockieren auch viele Plettenberger Gläubige.
Die neuen Enthüllungen zu Missbrauchsskandalen in der katholischen Kirche und dem Umgang mit diesen schockieren auch viele Plettenberger Gläubige. © DPA

Das neue Gutachten zu sexuellem Missbrauch im Erzbistum München und Freising erschüttert die Katholische Kirche – und auch die Katholiken vor Ort. Aktuell stehen wieder Vertuschungen oder Wegschauen von diesen abscheulichen Vergehen an Kindern und Jugendlichen von Priestern und anderen Kirchenmitarbeitern am öffentlichen Pranger. Auch in Plettenberg ist das Entsetzen groß.

Plettenberg – Damit wurden viele dieser Unglücklichen allein gelassen oder suchten die Schuld bei sich. Kardinal Ratzinger, der spätere Papst Benedikt XVI., Kardinal Marx, Kardinal Wetter – wie lang ist die Liste derjenigen, die nichts unternahmen und wegschauten, wirklich? Welchen Schaden haben sie der Kirche angetan? Wie sehr sind die Gemeindemitglieder in ihrem Glauben erschüttert worden? Welche Gedanken und eventuelle Konsequenzen sind daraus erwachsen oder werden erwartet? Diese Fragen stellten wir Menschen, die in der Gemeindearbeit sehr engagiert sind.

„Die Missbrauchsmeldungen und der Umgang mit den Tatbeständen haben mich tief erschüttert und ich bin einfach nur fassungslos, wie man mit diesen Taten umgegangen ist“, erklärt Michael Neubauer, Vorsitzender des Pfarrgemeinderats der katholischen Pfarrei St. Laurentius. Für ihn sei Missbrauch grundsätzlich eine Straftat – egal ob in der Kirche oder andernorts. Daher gehöre die Tatverfolgung und Aufarbeitung in die Hände der Justiz.

Kirchenaustritte als Folge

„Der Schaden, der angerichtet wurde, ist immens. Die vielen Kirchenaustritte sprechen eine deutliche Sprache“, sagt Neubauer. Das Fehlverhalten dieser Personen habe einen ganzen Berufsstand in Verruf gebracht. „Den Opfern kann ich nur mein aufrichtiges Mitgefühl aussprechen und hoffen, das es Wege gibt, den entstanden physischen und psychischen Schaden vergessen zu machen“, sagt Michael Neubauer.

Die Leidtragenden seien neben den Opfern und deren Familien die vielen guten und engagierten Priester, Beschäftigten der Kirche und unzähligen Ehrenamtlichen. „Aber ich lasse mir durch diese schändlichen Vorfälle meinen Glauben nicht kaputtmachen, auch wenn das Vertrauen drastisch gelitten hat. Gott hat uns allen die Verantwortung für diese Welt gegeben und deshalb dürfen wir auch nicht aufhören, für das Gute und Richtige zu kämpfen“, erklärt Neubauer.

Wie oft wurde weggeschaut?

Laura Bartz, Gemeindereferentin von St. Laurentius, sieht die Katholische Kirche allgemein in einer „großen und vielfältigen Krise.“ Diese Krise werde deutlich durch den Vertrauensverlust. „Auch ich als Mitarbeiterin der Katholischen Kirche habe in einigen Punkten das Vertrauen in die Institution Kirche verloren. Darf ich, mit dem was geschehen ist, ein Teil der Katholischen Kirche bleiben? Soll ich bleiben oder soll ich gehen?“, fragt sich die Gemeindereferentin. Wie in einer „schlechten Beziehung“ mache sie sich ihre Gedanken. „Jedes Mal, wenn ein neues Gutachten herauskommt, fühle ich mich leer, verletzt und bin einfach wütend“, sagt Bartz. Es sind die Fakten, die sie erschüttern würden: Wie oft wurde weggeschaut, vertuscht und immer noch keine Schuld eingestanden?

„Das ist nicht meine Kirche, für die ich arbeiten und ich meinen Glauben leben möchte“, sagt Bartz. Dabei stelle sie fest, dass für sie ein Christsein nicht ohne Kirche geht – auch wenn sie viele Punkte anzweifle und hinterfrage.

„Die Menschen und Gemeinden vor Ort machen es mir leichter, den Glauben zu leben – auch wenn Vieles passiert ist und viele aus verständlichen Gründen sich von der Kirche abwenden“, erklärt Bartz. Aber sich miteinander über den Glauben auszutauschen, in der Gemeinschaft zu sein und Gott an seiner Seite zu wissen, das sei es, was sie in der Kirche halte und ihr Leben trage. „Für Zusammentreffen, fürs Christsein brauche ich keinen Priester oder Bischof. Der Einzige, der bei uns sein sollte, ist Christus, denn er ist in unserer Mitte und unsere Hoffnung“, erklärt Bartz.

Sie hoffe und glaube daran, dass die Kirche sich in vielen Punkten wandeln wird. „Wenn ich diesen Glauben verliere, dann bin ich nicht mehr richtig in dieser Institution. Ich wünsche mir große Reformen in der Kirche und eine ehrliche, sowie transparente Aufklärung und Aufarbeitung der Skandale – und nicht erst in Jahrzehnten, sondern jetzt. Das ist die Institution Kirche den Opfern schuldig!“, erklärt Bartz abschließend.

„Sehen nur die Spitze des Eisbergs“

Dass Fälle von sexualisierter Gewalt nicht nur in der Katholischen Kirche, sondern ein gesamtgesellschaftliches Problem sind, glaubt Pfarrer Uwe Brühl von der Evangelischen Kirchengemeinde Eiringhausen. „Ob im privaten oder kirchlichen Umfeld oder im Sport, immer noch sehen wir wohl nicht mehr als die Spitze des Eisbergs“, erklärt Pfarrer Brühl. Immer neue Ermittlungsergebnisse offenbarten eine unfassbare Flut von Fällen sexualisierter Gewalt.

Zu den größten Katastrophen gehöre es, wenn vermeintlich vertrauenswürdige Personen zu Tätern werden. „In den allermeisten Fällen trifft Missbrauch besonders Schutzbefohlene, häufig Kinder und jüngere Jugendliche, auch im kirchlichen Umfeld. Unser Kirchenkreis bildet da leider keine Ausnahme“, sagt Pfarrer Brühl. 2020 wurden in Lüdenscheid Missbrauchsfälle durch einen ehrenamtlichen Mitarbeiter bekannt.

Zurecht sorgten laut Brühl Missbrauchsfälle im kirchlichen Umfeld für größeres Entsetzen. „Das liegt natürlich an den strengeren Maßstäben, die an Menschen in der Kirche angelegt werden. Denn, wer von Gottes bedingungsloser Liebe zu den Menschen spricht und Nächstenliebe predigt, muss sich an seinen Worten messen lassen, erst recht im Umgang mit den Opfern von sexualisierter Gewalt“, findet Pfarrer Brühl.

Einmal zerstörtes Vertrauen zurück zu gewinnen, das dauere lange. Bei der Aufarbeitung von Fällen sexualisierter Gewalt, von Missbrauch, müsse darum das Befinden der Opfer an erster Stelle stehen. „Dazu ist ein Höchstmaß an Transparenz und Konsequenz erforderlich, auch um diejenigen vor einem Generalverdacht zu schützen, die sich gerne für Kinder und Jugendliche engagieren“, erklärt Pfarrer Brühl.

„Gehört zu dunkelsten Kapiteln der Kirchen“

Für Peter Winkemann vom Presbyterium der Evangelischen Kirchengemeinde Plettenberg gehören sexualisierte Gewalt und Missbrauch „zu den dunkelsten Kapiteln der Kirchen und ihrer Geschichte“. Die Evangelische Kirche bilde da keine Ausnahme.

Allerdings würde mittlerweile auf allen kirchlichen Ebenen daran gearbeitet, sexualisierte Gewalt zu unterbinden und Opfern beizustehen. „Seit langem haben die Evangelische Kirche Deutschlands und die Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe Meldestellen eingerichtet für Menschen, die sexualisierte Gewalt erlitten haben. Unsere Landeskirche hat eine Beauftragte eingesetzt, die als Ansprechpartnerin ausschließlich für dieses Thema und für betroffene Menschen zur Verfügung steht“, erklärt Winkemann.

Um auch kirchenrechtlich mehr Klarheit, Transparenz und Schutz zu schaffen, wurde von der Landessynode ein Gesetz zum Schutz vor sexualisierter Gewalt beschlossen (wir berichteten). „Auch in Plettenberg beschäftigen wir uns schon länger mit dem Thema und arbeiten an einer Umsetzung des Gesetzes zum Schutz vor sexualisierter Gewalt. Auf Gemeindeebene nutzen wir verschiedene Instrumente und entwickeln Risikoanalysen und Präventionskonzepte“, sagt Winkemann. Schulungen seien ein weiterer Schlüssel, um innergemeindlich für das Thema zu sensibilisieren.

„Menschen, die Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt im kirchlichen Kontext gemacht haben, stehen wir uneingeschränkt zum Gespräch, zur Begleitung und zur Beratung zur Verfügung“, sagt Peter Winkemann. „Wir setzen alles daran, sexualisierte Gewalt zu verhindern und im kirchlichen Bereich unmöglich zu machen.“

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