1. come-on.de
  2. Lennetal
  3. Plettenberg

„Arbeit hat angezogen“: Ärztesprecher zu zwei Jahren Corona-Pandemie

Erstellt:

Von: Johannes Opfermann

Kommentare

Zwei Jahre leben mit Corona in Plettenberg: An vieles mussten sich die Bürger erst gewöhnen – wie etwa die Nasenabstriche im Testzentrum.
Zwei Jahre leben mit Corona in Plettenberg: An vieles mussten sich die Bürger erst gewöhnen – wie etwa die Nasenabstriche im Testzentrum. © Dickopf

Zwei Jahre Corona haben die Plettenberger Bevölkerung genauso wie die Ärzteschaft vor große Herausforderungen gestellt. Auch psychisch hat die lange Zeit im Pandemie-Modus ihre Spuren hinterlassen.

Plettenberg – Martin Boncek, selbst Facharzt für psychosomatische Medizin und Psychotherapie, ist Sprecher der Plettenberger Ärzteschaft. „Es ist ein bisschen schwierig, für alle zu sprechen“, gibt er zu bedenken, denn jeder der niedergelassenen Ärzte habe die seit zwei Jahren andauernde Corona-Situation ein bisschen anders wahrgenommen. „Was man sagen kann, ist, dass es eine echte Herausforderung für die Praxen darstellt.“

Mehrbelastung in den Praxen

Das habe auch damit zu tun, dass seit Beginn der Pandemie weitere Praxen weggefallen seien, nämlich die von Rodica Czapo und Ute Hülsmann sowie von Dr. Nicola Cramer. „Die Arbeit ist aber nicht weniger geworden“, erklärt Boncek. „Da kommt zu der täglichen Arbeit der Praxen mit der Patientenversorgung und Vorsorgeuntersuchungen noch eine verstärkte Infektionslage hinzu mit Impfungen und Testungen.“

Die Corona-Pandemie mache es allein schon erforderlich, sich täglich mit der aktuellen Lage zu beschäftigten, was es Neues an Richtlinien, Empfehlungen und Schutzvorkehrungen zu beachten gebe. Eine Viertelstunde täglich müsse man dafür mindestens aufwenden, schätzt Boncek. Das seien alles Dinge, die schon vorher in dem knapp bemessenen Zeiträumen der Praxen kaum unterzubringen gewesen seien. Das gelte umso mehr unter den Bedingungen der Pandemie. „Die Arbeit hat deutlich angezogen.“

Zwei Jahre ist es inzwischen her, seit der erste Coronafall in Deutschland nachgewiesen wurde. „Ich hätte mir am Anfang nicht vorstellen können, dass es so lange dauert“, gibt Boncek zu. „Und es ist noch kein richtiges Ende abzusehen.“ Die Dauer der Pandemie macht sich ebenfalls bemerkbar. „Die permanente Belastung geht nicht spurlos an Ärzten, Pflegern und Praxispersonal vorbei.“ Sie seien zunehmend erschöpft.

Pandemie verstärkt Symptome

Auch bei den Patienten wie auch in der Bevölkerung allgemein sei wahrzunehmen, dass die Menschen ungeduldiger, reizbarer oder auch schon einmal unfreundlicher gegenüber dem Praxispersonal seien, stellt Boncek fest. Als Psychotherapeut nimmt er auch wahr, wie sich dei Pandemie auf die psychische Gesundheit der Menschen auswirkt. „Bei den Patienten, die zu mir kommen, spielt die Pandemie eher eine Rolle als verstärkender Faktor, nicht als auslösender, wobei das bei dem Einzelnen im Alltag anders aussehen kann.“

Bei den lebensälteren Patienten sei es vor allem die Einsamkeit und die Angst sich zu infizieren, weiß Boncek aus seiner Tätigkeit beim DRK und Besuchen im Seniorenheim. „Da spürt man schon die Sorge, wie es weitergeht und wann man wieder in den Alltag zurückkehren kann.“

Daneben gebe es Patienten, die im Homeoffice sind. „Für sie ist es eine doppelte Anstrengung, wenn sie sich wegen Kita- oder Schulschließungen um die Betreuung ihrer Kindern kümmern und gleichzeitig im Beruf funktionieren müssen.“ Insbesondere für Familien mit kleinen und schulpflichtigen Kindern bedeute die langandauernde Pandemie eine große Herausforderung.

Menschen, die wegen einer psychischen Erkrankung eine stationäre Betreuung benötigen, stehen vor dem Problem, dass in den Kliniken wegen Corona nicht ausreichend Therapieangebote vorhanden sind oder zum Beispiel Aktivitäten im Rahmen von Gruppentherapien oder Rehasport nicht durchgeführt werden.

„Das führt zu einer Verstärkung von Symptomatiken“, erklärt Boncek. „Vieles, was zum Beispiel depressive Patienten machen sollten, wie angenehmen sportliche oder kreative Aktivitäten oder der Aufbau von neuen Kontakten, scheitert am mangelnden Angebot.“ Genauso fehlt Menschen, die wegen einer Angststörung in Behandlung sind, durch Corona die Möglichkeit, sich in Alltagssituationen bestimmten Ängsten zu stellen. „All das hat eine gewisse verstärkende Wirkung auf vorherige Erkrankungen.“

Auch interessant

Kommentare