„Zu feines Laub“

Aus planerischer Sicht sei die Anpflanzung von Schnurbäumen nachvollziehbar

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Ein Schnurbaum im Adenauerpark in Speyer. Die Giftigkeit des aus Ostasien stammenden Baumes stelle kein Problem dar, wohl aber sein feines Laub, das aber wiederum viel Licht durchlässt.

Nach den Plänen des Büros bbz sollen die 43 zu fällenden Bäume in der Innenstadt teilweise durch Schnurbäume ersetzt werden. Doch sind diese wirklich so gut für eine Innenstadt-Begrünung geeignet? Eine Plettenberger Fachfrau hat da ihre Zweifel.

„Alle Dinge sind Gift, und nichts ist ohne Gift; allein die Dosis machts, dass ein Ding kein Gift sei“, hatte der Schweizer Alchemist Paracelsus (1493–1541) einst gesagt. Doch nicht die Giftigkeit der Schnurbäume stelle ein Problem dar, sondern vielmehr dessen Laub. 

„Der Schnurbaum hat ganz feines Laub. Bei dem Pflaster in unserer Innenstadt wäre es sehr aufwendig, dieses Laub zu beseitigen“, erklärte eine Plettenberger Fachfrau, die anonym bleiben möchte. Daher könnten hohe Folgekosten entstehen, sollte das kleinteilige Kopfsteinpflaster nicht – wie geplant – durch flachen Bodenbelag mit kleinsten Fugen ersetzt werden. 

Allerdings begünstigt dieses feine Laub auch eine Lichtdurchflutung der öffentlichen Plätze, an denen der Baum angepflanzt wird. Aus rein planerischer Sicht sei die Anpflanzung von Schnurbäumen nachvollziehbar. „Das sind straßenfeste Bäume“, sagte die Fachfrau. 

Die Schnurbäume würden mit wenig Wasser auskommen und sie seien gut für eine gepflasterte Umgebung geeignet. Den Stadtbaum gebe es laut der Plettenberger Fachfrau nicht. „Am besten sind aber immer kleinkronige Bäume“, sagte sie. 

Frosthart und hitzeverträglich 

Der sommergrüne, japanische Schnurbaum kann Höhen von bis zu 30 Metern erreichen, die Baumkrone ist eher breit und rund. Im August und September blühen die Schnurbäume, im Herbst färben sich ihre Blätter leuchtend gelb. Die Hülsenfrüchte erscheinen in der Regel zwischen August und Oktober. Alle Pflanzenteile des Baumes sind giftig, aber hier gilt das Zitat von Paracelsus: Die Dosierung machts. 

Die größte Gefahr geht von den unreifen Früchten aus. Symptome einer Vergiftung können unter anderem Übelkeit, Erbrechen, krampfartige Magenschmerzen und Durchfall sein. In schweren Fällen kann es zu Lähmungserscheinungen und einer Senkung des Blutzuckerspiegels kommen. 

Der Tod ist bei einer Vergiftung nicht auszuschließen, gilt aber als sehr unwahrscheinlich. Übrigens: Vor gar nicht all’ zu langer Zeit war die Anpflanzung des Goldregens in den Innenstädten der Republik Mode – und der ist wesentlich giftiger als der Schnurbaum. „Heute ist der Goldregen in den Städten verboten“, sagte die Fachfrau. 

Der aus Ostasien stammende Schnurbaum ist bereits seit Mitte des 18. Jahrhunderts in Europa heimisch. Er gilt als frosthart und hitzeverträglich. „Und auch bei uns im Sauerland gibt es ja immer mehr Tage mit großer Hitze“, erklärte die Fachfrau. Diese wünscht sich vor allem eine schönere Gestaltung des Kirchplatzes. 

Die hier noch existierenden Beete würden eher chaotisch wirken. „Schöner wäre es, wenn hier Stauden und Blütensträucher angepflanzt würden.“ Pläne, die in diese Richtung gehen, wurden vom Planungsbüro bbz bereits vorgestellt.

Das Beispiel Reutlingen – oder: Wie man es besser nicht machen sollte

- Im Jahr 2011 entschied der Rat der Stadt Reutlingen, im neu entstehenden Bürgerpark japanische Schnurbäume anzupflanzen. Wochenlang wurde die Entscheidung verzögert, nachdem die Öffentlichkeit über die Giftigkeit der Schnurbäume erfahren hatte. 

- Dr. Maren Hermanns-Clausen, Leiterin der Vergiftungs-Informationszentrale Freiburg, konnte jedoch Entwarnung geben: Die Giftigkeit des japanischen Schurbaums sei „nicht als bedrohlich einzustufen.“ 

- Die Stadt Reutlingen wollte Bäume pflanzen, die nur wenig Pflege benötigen: Pro Schnurbaum wurde mit jährlichen Kosten zwischen 100 und 150 Euro gerechnet. 

- Doch es kam alles anders: Fünf Jahre später sei von den grünen Visionen der Architekten nicht viel geblieben. Die Schnurbäume wuchsen nur mickrig. 

- Gutachter enthüllten eine Reihe von Fehlern: So wurden die Schnurbäume nicht, wie vorgesehen, in Pflanzentröge mit zwölf Kubikmetern , sondern mit nur vier Kubikmetern Volumen gesetzt. Darüber hinaus ließ die Oberfläche der Baumquartiere kaum Wasser oder Luft an die Bäume. 

- Die Kronen wurden überhaupt nicht oder nur falsch geschnitten. 

- Nach der Anpflanzung im Winter standen die Bäume tagelang ohne Wurzelschutz auf der Baustelle. 

- Der Schaden für die Stadt Reutlingen, die Schadenersatzklage einreichen wollte, wurde auf rund 360 000 Euro beziffert. 

- Zuletzt wurde beschlossen, dass die Schnurbäume im Reutlinger Bürgerpark vitalisiert werden sollten. Die Skepsis ist jedoch groß, ob die Bäume noch zu retten sind.

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