DNA des Kindes am Staubsaugerrohr festgestellt

Pflegevater-Prozess in Hagen: Das haben Kinderarzt und Rechtsmedizinerin ausgesagt

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Die Rechtsanwälte Christoph Hilleke (li.)  und Nikolai Odebralski bereiten sich auf die Pläydoyers am Montag vor.

Plettenberg/Hagen – Im Pflegevater-Prozess sagten am vierten Prozesstag eine ganze Reihe von Sachverständigen vor Gericht aus. Dazu zählte auch der Plettenberger Kinder- und Jugendarzt Michael Achenbach, der den kleinen Ayden wenige Wochen vor dessen Tod routinemäßig untersucht hatte.

„Er krabbelt seit drei Tagen nicht mehr“, habe die Pflegemutter zu ihm gesagt. Um einen möglichen Belastungsschmerz zu untersuchen, habe er das Kind aufrecht stehen lassen – gehalten an den Händen. Dabei habe das Kind keinerlei Schmerzempfinden gezeigt. Dabei soll der Junge zu dieser Zeit schon eine Fraktur des Schienbeins gehabt haben. 

„Mit einer Fraktur könnte man normalerweise nicht stehen oder würde vor Schmerzen schreien“, sagte Achenbach, der deshalb vermutete, dass das Kind, das auch über eine geringe Muskelgrundspannung verfügte, „krabbelfaul“ sei. Er habe Krankengymnastik und eine Frühförderung für das Kind empfohlen und angeboten, das Kind wenige Tage später erneut zu untersuchen.

Keine Hinweise auf Frakturen

Doch wie eine wenig später von ihm ausgestellte Überweisung zeigte, wurde das Kind kurz darauf von Chirurgen erneut untersucht. Bei dieser Nachuntersuchung der Speiseröhre hätten die Chirurgen auch keinerlei Hinweise auf Frakturen festgestellt. 

Möglicherweise - das hatte Neuropathologin Prof. Dr. Kathy Keyvani am dritten Verhandlungstag ausgesagt - hatte das Kind möglicherweise ein stark vermindertes Schmerzempfinden. Sie habe bei der Obduktion eine Verletzung des Rückenmarks festgestellt, die darauf hindeutete. 

Im  Prozess am Mittwoch hatte Rechtsanwalt Christoph Hilleke dem Plettenberger Kinderarzt abschließend die Frage gestellt, ob es normal sei, dass das Jugendamt bei Pflegekindern mit schweren Krankheiten keine Informationen an den Arzt weitergebe.

Kinderarzt Michael Achenbach sagte vor Gericht aus.

„Vom Plettenberger Jugendamt kenne ich das anders und werde von dort mit allen wichtigen Informationen versorgt“, sagte Achenbach aus. Am Rande des Prozesses gab Achenbach zu verstehen, dass er keinerlei Unterlagen vom Jugendamt Gelsenkirchen bekommen habe, was angesichts der Krankenvorgeschichte des Kindes schon ungewöhnlich sei.

Keinerlei Unterlagen aus Gelsenkirchen

Das Pflegekind sei später nicht mehr in seiner Praxis gewesen. Blaue Flecken habe er an dem Tag nicht feststellen können, aber wenn so etwas vorfalle, werde das Kind meist auch nicht direkt danach zum Arzt gebracht.

Angehört wurde  auch Dr. Janine Helmus, Fachärztin für Rechtsmedizin am Uniklinikum Essen. Sie untersuchte unter anderem das Staubsaugerrohr, das Ermittler bei der Durchsuchung der Wohnung in Plettenberg sichergestellt hatten. 

Verletzungen am Kopf

Der angeklagte Plettenberger hatte bei seiner Einlassung zwar zugegeben, das Kind massiv geschüttelt zu haben. Das Staubsaugerrohr erwähnte er dabei aber nicht. Laut Gutachterin Dr. Helmus wurden aber unzweifelhaft DNA-Spuren des Pflegkindes am Staubsaugerrohr entdeckt, was auch die Verletzungen am Kopf des Kindes erklärt. 

Zum Tod führte – so die Ergebnisse des vierten Prozesstages – das massive Schütteln, das ein diffuses Trauma ausgelöst habe. Weiterhin tödlich war ein stumpfer Schlag gegen den Kopf. 

Der zusätzliche Staubsaugerrohr-Abdruck sei in der seitlichen Wangenregion festgestellt worden. Am Montag wird ein psychiatrisches Gutachten eines Sachverständigen zum Angeklagten erwartet. Danach sollen die Pläydoyers gehalten werden. Die Urteilsverkündung ist für Mittwoch, 28. August geplant.

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