Fall aus Plettenberg

Prozess nach Tod von Pflegekind neu aufgerollt: Quarantäne verhindert Verhandlungen

Der Prozess gegen einen Pflegevater aus Plettenberg wird neu aufgerollt. Der Mann hatte ein Kind so schwer verletzt, das es seinen Verletzungen erlag. Im neuen Prozess geht es nicht um seine Schuld, sondern das Strafmaß.

Update vom 16. Februar, 10.22 Uhr: Eigentlich sollte die Revisionsverhandlung im Pflegekind-Prozess heute am Landgericht in Hagen fortgesetzt werden. Psychotherapeut Dr. Nikolaus Grünherz wollte dabei in seinem Gutachten die Psyche des im Sommer 2019 zu 12 Jahren Haft verurteilten Pflegevaters aus Plettenberg beleuchten. Doch der zweite Verhandlungstag fiel kurzerhand aus, weil sich ein Schöffe coronabedingt in Quarantäne begeben musste. Wann der Termin nachgeholt wird, soll nach entsprechenden Tests festgelegt werden.

Prozess nach Tod von Pflegekind neu aufgerollt: So war der erste Verhandlungstag

Hagen/Plettenberg – Die Kameras klicken, als am Montag um 9.04 Uhr der Pflegevater aus Plettenberg von Justizbeamten in den Saal 247 des Landgerichtes Hagen geführt wird. Der Mann, der am Eröffnungstag des Revisionsverfahrens seinen 31. Geburtstag begehen kann, versteckt sein Gesicht mit dem kahlrasierten Kopf, dem Vollbart und der Brille hinter einem Aktenordner. Grund zum Feiern gab es für den Pflegevater in den letzten anderthalb Jahren nicht, nachdem er im Sommer 2019 zu einer Freiheitsstrafe von 12 Jahren verurteilt wurde.

Doch in der 60-seitigen Urteilsbegründung fanden seine Anwälte Hinweise auf Fehler bei der Strafmaßbeurteilung. Der Bundesgerichtshof prüfte das Urteil und ordnete ein Revisionsverfahren an, das am Montag vor dem 2. Schwurgericht des Landgerichtes Hagen unter großem Medieninteresse verhandelt wurde.

Prozess nach dem Tod eines Kleinkinds: Die Rechtsanwälte Odebralski und Hilleke verteidigen den Pflegevater aus Plettenberg.

In der auf drei Prozesstage angesetzten Verhandlung geht es allein um das Strafmaß. Die am 28. August 2019 verhängte Freiheitsstrafe von zwölf Jahren steht zur Diskussion. Laut Bundesgerichtshof hätte das Nachtatverhalten seinerzeit nicht straferschwerend berücksichtigt werden dürfen. Im umgekehrten Fall, wenn der Plettenberger kooperativ gewesen wäre, hätte sich dies positiv auf das Urteil ausgewirkt.

Der Vorsitzende Richter Potthast beschrieb eingangs der Verhandlung noch einmal den Tathergang und die massiven Verletzungen in den letzen Stunden des Pflegekindes, das am 3. Januar 2019 um 4.44 Uhr im Klinikum Essen verstarb.

Kleinkind geschüttelt und verprügelt: Pflegeeltern sagten nichts über Verletzungen im Krankenhaus

Das Kind habe zahlreiche Hämatome, eine aufgeplatzte Lippe und Einblutungen in der Netzhaut gehabt. „Durch massives Schütteln wurde der Tod des Kindes billigend in Kauf genommen“, so der Richter zu der Tat, bei der der Plettenberger am 2. Januar 2019 nach einem langen Arbeitstag die Geduld mit dem im Nachbarzimmer schreienden Kleinkind verlor.

„Er ließ all seine Wut und Frustration an dem Kind aus“, das mindestens fünf Mal stumpfe Gewalt an Gesicht und Kopf erlitten habe und zahlreiche Prellmarken aufwies. Nachgewiesen werden konnte auch die Nutzung eines Staubsaugerendrohres im Gesicht. Und auch der Mund des Kindes sei gewaltsam zugehalten worden, so der Richter. Drei Hirnverletzungen, die zu einem massiven Hirntrauma geführt hatten, ließen das Kind krampfartig reagieren.

Die leiblichen Eltern des Kleinkindes treten im Prozess als Nebenkläger auf - hier mit ihren Anwälten.

Seiner damals schwangeren Ehefrau, die sich im Herbst letzten Jahres von dem in der JVA Hagen inhaftierten Pflegevater scheiden ließ, habe er direkt nach der Tat gesagt, dass das Kind aus unerklärlichen Gründen zu krampfen angefangen habe. „Es ist nichts passiert“, habe er zu der Mutter gesagt, so der Richter. Auch in den Krankenhäusern in Plettenberg, Lüdenscheid-Hellersen und dem Uniklinikum Essen habe der gelernte Heizungsinstallateur keine konkreten Hinweise zu den Symptomen des Kindes gegeben, das immer apathischer wurde, halbseitige Lähmungs- und Krampfanfälle zeigte und trotz einer nächtlichen Not-OP, bei der die Schädeldecke des Kleinkindes geöffnet wurde, nicht mehr gerettet werden konnte.

Wie Rechtsanwalt Nikolai Odebralski betonte, werde sich der Angeklagte zu der Zeit vor der Tat und danach äußern. Und der Anwalt verriet bei der Gelegenheit auch gleich das angestrebte Strafmaß. „Wir werden am Ende eine Freiheitsstrafe von achteinhalb Jahren fordern. Ich wünsche mir eine einstellige Haftstrafe“, so Odebralski.

Pflegevater aus Plettenberg vor Gericht: Niedrigere Haftstrafe nach Kindstod möglich

Der Angeklagte, der selbst als Pflegekind aufwuchs, wache nach eigener Aussage in der JVA Hagen oft schweißgebadet auf und habe vor Augen, wie er das Kind geschüttelt hat. Sonst habe er nur wenige Erinnerungen an die Tat.

Seine Schilderungen der Stunden zuvor zeichnen das Bild eines komplett überforderten Menschen, der nach zwei Fehlgeburten in Folge, der damaligen Schwangerschaft seiner Frau und nach einem selbst erlittenen Herzinfarkt den Haushalt erledigte, zusätzlich „schwarz“ arbeitete – das verschwieg seine Frau bei der gestrigen Vernehmung – und sich um das Pflegekind kümmerte.

Laut Richter Potthast sei es oft der Pflegevater gewesen, der das Kind beruhigen konnte und der den Jungen bei einem Abendritual ins Bett brachte. „War an diesem Tag etwas anders? Warum haben Sie anders reagiert?“, wollte der Richter wissen.

Der 31-Jährige sagte dazu: „Ich war total gestresst, als ich nach Hause kam. Ich wäre besser erst einmal in meine Werkstatt gegangen, um runterzukommen.“

Der Vorsitzende Richter, der neun Jahre als Familienrichter Urteile fällte, wollte abschließend wissen, ob es Dinge gab, die der Angeklagte nur für sich tun konnte.

„Im letzten halben Jahr nicht. Ich hatte Angst vor einer weiteren Fehlgeburt bei meiner Frau und davor, dass man uns das Pflegekind wegnimmt.“ Es tue ihm unendlich leid was passiert sei. „Ich war wie eine Maschine, die immer funktionieren muss und habe mir zu viel zugemutet. Ich hätte vorher mal sagen müssen, dass es zu viel ist“, so der Plettenberger, der bei der Aussage seiner Frau im Gerichtssaal jeglichen Blickkontakt mied.

Rubriklistenbild: © Georg Dickopf

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