Partnerstadt Schleusingen: Wie engagierte Bürger gegen Rechtsextremismus kämpfen

„Braune Horden“ in der Provinz

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Das Schleusinger „Bündnis gegen Rechtsextremismus“ stellt sich unter anderem mit Gegen-Demos immer wieder Neonazis in den Weg.

Plettenberg - Die thüringische Provinz wäre für viele noch heute ein weißer Fleck auf der Landkarte, doch rechtsextremistische Konzerte machten die Umgebung von Schleusingen deutschlandweit bekannt.

Die meisten Einwohner wollen die „braunen Horden“ aber nicht so einfach gewähren lassen: In der Plettenberger Partnerstadt existiert bereits seit 15 Jahren ein außerordentlich engagiertes Bündnis gegen Rechts.

Die Kleinstadt Themar, nur rund zwölf Kilometer von Schleusingen entfernt, dürfte deutschlandweit (traurige) Bekanntheit erreicht haben. Mehrfach fanden hier in den vergangenen Jahren Rechtsrock-Konzerte statt, Fernseh-Aufnahmen zeigten hunderte Teilnehmer, die den rechten Arm zum Hitler-Gruß in die Luft streckten. „Themar ist zwar die Stadt mit den größten Nazikonzerten. Themar ist aber besonders die Stadt, die sich kreativ, bunt und fröhlich dagegen wehrt“, erklärt Reinhard Hotop, Sprecher des Schleusinger „Bündnis gegen Rechtsextremismus“. 

Gemeinsam mit seinen Mitstreitern hatte Hotop den Bürgern von Themar geholfen, ebenfalls ein Bündnis gegen Rechts zu gründen. Die Schleusinger haben dabei Erfahrung im Kampf gegen Rechts. Im Juni 2003 gründete sich das Bündnis in der Plettenberger Partnerstadt – aus einem ganz bestimmten Anlass. In jenem Sommer sei ein 15-Jähriger auf dem Heimweg von der Schule von einer Gruppe Rechtsextremer verfolgt und in einen Bach geworfen worden. „Es war aber nur der Höhepunkt einer seit langem andauernden Entwicklung“, sagt Hotop. 

Mitglieder der Kirchengemeinde, die Leiterin des Jugendzentrums und viele Jugendliche Schleusingens hatten das Bündnis gegründet. „Zusammengeführt hat uns einzig der Wille, sich gegen Rechtsextremismus und für den Schutz der Demokratie zu engagieren“, erklärt Hotop. Anfangs habe man auch darüber nachgedacht, gegen Linksextremismus einzustehen. 

Anfeindungen gegen den Schleusinger Bürgermeister Klaus Brodführer durch Mitglieder der NPD. Beachtenswert ist die Rechtschreibung der „deutschen Kulturschützer“.

„Es wurde jedoch schnell klar, dass es ein linksextremes Problem in Schleusingen nicht gibt.“ Anders der Rechtsextremismus: Dieser konnte vor allem ab der Jahrhundertwende immer stärker in der thüringischen Provinz Fuß fassen. Bis 1999 sei die rechtsextreme Szene in Schleusingen „eher bieder und kaum gewalttätig“ gewesen, wie Hotop sagt. „In der Umgebung entstanden aber zunehmend militante und gewaltbereite freie Gruppen.“ Bald seien selbst Dorffeste nicht mehr vor den „braunen Horden“ sicher gewesen. 

„Oft kam es zu Körperverletzungen“, erinnert sich Hotop. „Heimatschutz“ auch in Schleusingen aktiv Die Politik habe sich lange Jahre auf dem rechten Auge mal wieder blind gezeigt. Bei einer öffentlichen Podiumsdiskussion 2004, an der auch der Leiter der Polizeiinspektion Hildburghausen teilnahm, erklärte dieser, dass es in Schleusingen absolut kein Problem mit Rechtsextremismus geben würde. 

Die Gegendemonstranten feierten indes ein fröhliches Fest (li. Bild). Zuvor waren auch Plakate an den Straßenlaternen befestigt worden. Die Nazis sollten wissen, dass sie in Themar nicht willkommen sind.  

Kurios: Rund eine halbe Stunde vor Beginn der Veranstaltung hätten deutlich erkennbare Neonazis die ersten Reihen des Veranstaltungsraumes besetzt. Dabei habe schon ab 2000 eine neue Generation Neonazis die thüringische Provinz heimgesucht. Unter dem Wortführer Tommy Frenck hätten sich die Rechtsextremen auch nicht davor gescheut, „Andersdenkende einzuschüchtern und zu bedrohen.“ Die Gruppe um den späteren Gründer des NPD-Kreisverbandes sei immer größer geworden. Die Rechtsextremen hätten sich stets am Schleusinger Marktplatz versammelt. „In angetrunkenem Zustand wurden Passanten und Touristen angepöbelt“, erklärt Hotop. Die Aktionen Frencks machten auch die NPD-Parteizentrale auf die ostdeutsche Provinz aufmerksam: Schleusingen wurde 2005 zur „Frontstadt“ erklärt. 

Wie stark rechtsextremes Gedankengut in Schleusingen und Umgebung verbreitet war, habe sich auch 2002 gezeigt: Damals habe der Thüringer Heimatschutz unzählige Flugblätter in Schleusingen verteilt. Die „Heimatschützer“ stehen in direkter Verbindung zu den Terroristen des „Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU)“. Das „Bündnis gegen Rechtsextremismus“ wurde aktiv: Die Mitglieder veranstalteten fortan immer wieder Ausstellungen, Vorträge, Friedensgebete, Demonstrationen und Diskussionsrunden – man stellte sich den Rechtsextremisten in den Weg. 

Im vergangenen Jahr sollte in Themar ein weiteres Neonazi-Konzert stattfinden. Mehrere Bündnisse veranstalteten daraufhin Kundgebungen an allen Zufahrtsstraßen. Die Polizei musste deshalb die anreisenden Nazis völlig aus der Stadt verbannen.

Neonazi-Party beim AfD-Bürgermeister Seitdem hätten sich die Aktivitäten der Rechtsextremisten verlagert. Tommy Frenck kaufte in Kloster Veßra, einem kleinen Ort zwischen Schleusingen und Themar, eine Gaststätte, in der wöchentlich Nazi-Veranstaltungen stattfinden. „Die Gaststätte ist zum Zentrum der Naziszene in Südthüringen geworden“, sagt Hotop. Von hier aus würden auch die Themar-Konzerte organisiert. Tommy Frenck bleibt bis heute aktiv – auch dank der Unterstützung durch die AfD. 

Noch im vergangenen Jahr organisierte Frenck auf dem privaten Gelände des Bürgermeisters von Grimmelhausen, Bodo Dressel (AfD), das Festival „Rock gegen Überfremdung“. 6 000 Neonazis aus ganz Europa waren in den „Garten“ des AfD-Politikers gekommen. Das Engagement des Schleusinger Bündnisses zeige jedoch Erfolg: Eine nennenswerte rechtsextreme Szene gebe es in Schleusingen und Umgebung nicht mehr. Lediglich im nahen Hildburghausen würde noch eine kleine Gruppe von Neonazis aktiv sein. 

Dank dem Schleusinger Bündnis können auch die Bürger von Themar dafür sorgen, dass ihr kleines Städtchen in der thüringischen Provinz nicht wegen dem ständigen Auflauf von Rechtsextremisten bundesweit bekannt ist, sondern für den Widerstand, der hier geleistet wird. Seit 2012 wird so unter anderem jährlich das Musikfestival „Südthüringen klingt bunt“ organisiert. Hier würden nicht nur Musikschüler oder Volkschöre, sondern beispielsweise auch Punkbands auftreten – ein buntes Programm gegen den Aufmarsch der „braunen Horden“ in der thüringischen Provinz.

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