Erkenntnisse aus einem Workshop

Fünf Tipps, um sich gegen Hassparolen und Alltagsrassismus zu wehren

Rassismus am Laternenpfahl, Sticker, Halver
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„Freiheit statt Islam, den Islam konsequent bekämpfen“: Solche Sticker tauchten unlängst in Halver auf.

Nicht jeder hat den Mut dazu, sich gegen Hassparolen zu wehren. Oder es besteht das Problem, dass uns genau in dem Moment der verbalen Konfrontation nichts Schlagfertiges einfallen will. Wir geben Tipps, wie man nicht überrumpelt wird und die richtige Worte findet.

Plettenberg - Die Schauspieler Christine Kättner und Jürgen Albrecht kennen diese Probleme, dass es vielen schwer fällt, auf Hassparolen zu reagieren – und wollen deshalb in Workshops mit dem Titel „Parolen Paroli“ dafür sorgen, dass sich Bürger zur Wehr gegen stupide Stammtischsprüche setzen. Den Rassismus gibt es fast überall - sei es auf Stickern wie unlängst in Halver oder im ganz normalen Alltag, wie bei der Plettenbergerin Gudula Mueller-Töwe, mit der wir ein Interview geführt haben.

Was Parolen ausmacht

„Die Menschen sterben nicht an Corona, sondern am Impfstoff.“ – „Die mit dem Kopftuch nehmen, was sie kriegen können.“ – „Die Ausländer sind an allem schuld.“ Das sind nur drei von etlichen Parolen, die auf der Straße oder im Internet immer wieder die Runde machen. Was sie und die meisten anderen Parolen vereint: Sie machen pauschal einen Sündenbock aus. Und diese Sündenböcke werden mit der Zeit ausgetauscht. Einst waren es die Kommunisten, dann die Juden, später die Gastarbeiter und Türken, heutzutage Hartz-IV-Empfänger, die Flüchtlinge oder die Regierung. Die Rhetorik solcher Sprüche erinnert oft an die Zeit rund um die Machtergreifung von Adolf Hitler. „Es ist erschreckend, wie groß die Parallelen sind“, meinte eine Teilnehmerin des Workshops.

Was Parolen bewirken

Parolen fressen sich langsam in das Bewusstsein ihrer Leser und Hörer ein. Sie werden enttabuisiert. Beispiel: der Begriff Lügenpresse – eine pauschale Beleidigung sondergleichen. Dieses Wort wurde über die letzten Jahre so oft wiederholt, dass es zum verbalen Allgemeingut wurde Das wiederum bewirkt: Beim nächsten Mal kann die Messlatte für den Tabubruch noch ein Stück höher gelegt werden.

Gegenstrategien

Wer schon mal das Problem hatte, dass er gerne auf eine Parole etwas Schlagfertiges entgegnet hätte, ihm aber in diesem Moment nichts eingefallen ist – keine Sorge. „Das ist fast natürlich: Wir gehen erstmal in Deckung, fühlen uns ohnmächtig. Genau das ist oft auch so gewünscht: plattmachen, weitergehen“, sagt Jürgen Albrecht. Ziel muss es also sein, in die kommunikative Handlungsfähigkeit zu kommen. Und das kann mit den folgenden fünf Tipps funktionieren, die nur ein Ausschnitt sind.

1.: Was ist mir wichtig?

Wofür lohnt es sich, sich einzumischen? Was ist meine moralische, ethische Basis? „Wenn ich weiß, was mir wichtig ist, dann kann ich schneller reagieren“, sagt Jürgen Albrecht, der deshalb jedem rät, sich selbst Gedanken zu machen, welches Thema er nicht unkommentiert stehen lassen möchte. Zum Beispiel: die Erhaltung der Demokratie. Dann funktionieren zum Beispiel Argumente wie: „Mir ist wichtig, dass wir in Deutschland weiter pluralistisch diskutieren.“

2.: Konkret nachfragen

Einer der wichtigsten Punkte, um gut und einfach auf Parolen reagieren zu können, ist es, Nachfragen zu stellen: „Wo haben Sie das gelesen oder gehört?“, „Wen meinen Sie mit die?“ oder „Haben Sie das schon einmal persönlich erlebt?“ sind dafür Beispiele. Gleichzeitig verschaffen diese Fragen auch Zeit, um über weitere Argumente nachzudenken.

3.: Perspektivwechsel

Der Experte rät, sich für die Argumentation in die Rolle der Sündenböcke oder in die Situation zu einer bestimmten Zeit hineinzuversetzen. Beispiel: „Wenn ich mir vorstellen würde, ich lebte in einer Diktatur...“ oder „Wenn ich mir vorstellen würde, ich käme in ein fremdes Land und müsste eine neue Sprache lernen...“

4.: Brücken bauen

Wer mit seiner Antwort auf eine Parole sein Gegenüber zum Nachdenken anregen möchte, sollte das nicht mit einem plumpen Gegenschlag versuchen. Den anderen ernst nehmen, sei wichtig, rät Jürgen Albrecht. Nach dem Motto: „Ich kann Sie verstehen, aber Ihre Einschätzung, dass an allem die Migranten schuld sind, kann ich nicht teilen.“ So ungehalten und stupide viele Parolen auch sind, sie bieten laut Albrecht eben auch die Chance, miteinander ins Gespräch zu kommen.

5.: Erfahrungen nennen

Wer sagen kann „Nein, das stimmt so nicht. Ich habe das ganz anders erlebt“ bringt gewichtige Argumente ins Spiel, um Parolen zu entkräften. Menschen, die in der Flüchtlingsarbeit aktiv sind, können hier genauso persönliche Erfahrungen einbringen wie zum Beispiel Menschen, die bereits geimpft worden sind und bei denen alles gut verlaufen ist.

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