Gastronomie im Kreis

Restaurant-Sterben: Traditionshaus im MK schließt - Nachfolge unklar

Ehemann Fred Koryciak, Elfriede Wille und Tochter Vera Schöning in der Gastronomieküche.
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Ehemann Fred Koryciak, Elfriede Wille und Tochter Vera Schöning in der Gastronomieküche.

Klaus Holzmann, selbst ein Eiringhauser Urgestein, war ein besonderer Kunde von Elfriede Wille, Inhaberin von Haus Ostermann in Eiringhausen. 

Plettenberg - Am 28. Dezember lieferte die 78-Jährige die letzte von insgesamt 70 Gänsen in der Weihnachtszeit an den Seniorchef von Expert Weyand aus. „Wir essen mit unserer alten Kegeltruppe seit vielen Jahren bei Elfriede – ihre Gans ist einfach die Beste“, findet Klaus Holzmann. 

„Ich habe das Gewerbe am 1. Januar abgemeldet“, erzählt die rüstige Wirtin und man sieht, dass ihr dieser Schritt nicht ganz leicht gefallen ist, auch wenn andere in ihrem Alter schon lange den Ruhestand genießen. „Ich war 50 Jahre lang selbstständig und irgendwann ist es dann auch gut“, findet Elfriede Wille.

Gebürtig stammt sie aus Frankenhausen, einem kleinen Ort in der Nähe von Erfurt. 1957 flüchtete sie noch vor dem Mauerbau (1961) in den Westen und fand zunächst in Bochum eine neue Heimat. Mit 15 Jahren begann sie dort eine Ausbildung im Hotel- und Gaststättengewerbe. 1970 wagte sie mit einer kleinen Gaststätte in Hattingen den Schritt in die Selbstständigkeit. Die Trennung von ihrem damaligen Mann ließ sie schließlich zu neuen Ufern aufbrechen und so stieß sie auf die Plettenberger Immobilie in Bahnhofsnähe.

„Das Haus gefiel mir wegen der Kegelbahn“, erinnert sich Wille, die das Haus Ostermann im April 1985 übernahm und bereits zwei Jahre später in einen Anbau investierte. Unterstützung erfuhr sie durch Tochter Vera Schöning (geb. Wille), die als Restaurantfachfrau bis 1993 mit ihr zusammenarbeitete. „Von 1987 bis zur Euro-Einführung lief es super“, erinnert sich Wille. Die Kegelbahnen waren stets ausgebucht, ihr Essen war beliebt. „Hier waren in den besten Zeiten 60 Kegelclubs aktiv“, sagt Wille mit Blick auf alte Fotos und Pokale. Doch Kegeln war irgendwann nicht mehr angesagt, die Kegelclubs wurden immer älter und schoben im wahrsten Sinne des Wortes eine ruhige Kugel. Im Jahr 2009 war auch dieses Kapitel beendet und die Kegelbahn wurde abgerissen, weil die MEG das Gelände dahinter kaufte.

Eiringhauser sind ein eigenes Völkchen

Wer die Wirtin im Haus Ostermann kannte, wusste, dass sich hinter der bisweilen rauen Schale ein weicher Kern verbarg. Gewurmt hat es die Wirtin trotzdem, dass die Eiringhauser – „das ist ein eigenes Völkchen für sich“ – zum Essen manchmal lieber weite Wege unternahmen. Der Schützenverein hielt dort zwar einige Sitzungen ab, aber eine innige Verbindung war es nicht. „Dafür kamen viele Neuenrader und unzählige SGVer zu uns und ließen sich gerne bewirten“, erinnert sich Wille.

Geschätzt wurde das Haus Ostermann bis zuletzt für die knusprigen Gänsebraten. „Die Gänse hat meine Tochter vor den Gästen am Tisch tranchiert – das war schon hohe Kunst“, findet die Wirtin, die für ihre altdeutsche Küche mit Forellen-, Steak- und Spargelgerichten bekannt und geschätzt war. Stets ausgebucht war sie auch in den Bayerischen Wochen mit Haxen, Knödeln und Bier aus dem Freistaat.

Ich habe mir einfach nicht alles gefallen lassen.

Wirtin Elfriede Wille

Gut sei damals auch noch der Zusammenhalt der heimischen Gastronomen gewesen, den es so heute kaum noch gebe. Es fanden regelmäßige Zusammenkünfte statt, bei denen es mitunter hoch her ging. Doch nicht alles war harmonisch und wenn es sein musste, bewies die Wirtin auch, warum sie manchmal als „die böse Frau aus Eiringhausen“ bezeichnet wurde. „Ich habe mir einfach nicht alles gefallen lassen“, sagt Wille, die sich mit der Plettenberger Stadtverwaltung über Werbeschilder und Luftraumnutzungs-Gebühren stritt und dabei eine zähe Verhandlungsführerin war.

Satzung im Skatclub wegen Elfriede Wille geändert

Eine starke Gegnerin war die 78-Jährige auch beim Skat. Das Haus Ostermann war zwischenzeitlich die Heimat von zwei Skatvereinen und Elfriede Wille mischte selbst kräftig mit. Sie spielte zwischenzeitlich in der 1. Bundesliga bei den Skatfreunden Neuenrade und wurde 2004 und 2006 Deutsche Vizemeisterin mit der Damenmannschaft. „Als ich beim Skatclub Karo Dame spielte, mussten die erst einmal die Satzung ändern, weil eine Frau nicht vorgesehen war“, erinnert sich Wille, die heute manchmal noch Online-Skat spielt.

Das Haus Ostermann mit Kegelbahn, Anbau und Biergarten, festgehalten im Bild im Jahr 1992.

Weil auch eine starke Frau mitunter einmal eine starke Schulter benötigt, war 1999 die Begegnung mit ihrem heutigen Ehemann Fred Koryciak ein Glücksgriff. Mit ihm meisterte die Wirtin, die viele Jahre kaum ein Privatleben hatte, die letzten Jahre, in denen sie das Haus Ostermann als Termingastronomie weiterführte. Gekocht und geöffnet wurde nur auf Vorbestellung. So blieb endlich auch mehr Zeit für private Dinge und Reisen. Und die sind nun auch geplant, wenn die Corona-Pandemie überwunden ist. Und doch fällt es der resoluten Köchin schwer, loszulassen.

Viel Herz unter der rauen Schale

„Ich gehe mit einem lachenden und weinenden Auge, aber das lachende Auge überwiegt. Mir ist es einfach zu viel geworden in den letzten Jahren“, sagt Elfriede Wille und ihre Stimme wird brüchig, als sie mit einer Steakpfanne in ihrer voll ausgestatteten Gastronomieküche nebst Spezialofen steht und sich wehmütig umschaut. Und da zeigt sich wieder, wie viel Herz unter der mitunter rauen Schale steckt.

Ob das Haus Ostermann damit Geschichte ist, bleibt offen, denn Wille würde das traditionsreiche Gebäude, das 1873 erbaut wurde und in dem sich heute im einstigen Speiseraum Wohnungen befinden, verkaufen, wenn sich ein passender Interessent findet. „Ansonsten lässt es sich hier auch ganz gut aushalten.“

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