Thorsten Spiegel im Interview

Halten sich alle an die Corona-Einschränkungen? Das sagt der Ordnungsamtsleiter

Ordnungsamt Plettenberg Corona-Kontrollen Wochenmarkt
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Thorsten Spiegel (links) und seine Kollegen vom Ordnungsamt haben in den vergangenen Wochen immer wieder die Einhaltung der Corona-Schutzregeln kontrolliert. Überwiegend positiv fällt das Fazit des Ordnungsamtsleiters aus, der aber auch Verbesserungsbedarf gerade bei Imbissbetrieben sieht.

Sind die Plettenberger in Sachen Corona-Einschränkungen diszipliniert? Oder gibt es auch Ausnahmen? Ordnungsamtsleiter Thorsten Spiegel kann diese Fragen beantworten. Wir trafen ihn zum Interview.

Plettenberg - Im Büro von Thorsten Spiegel stapelt sich die Arbeit. Immerhin wächst und gedeiht seine Zimmerpflanze, ein meterhoher Kaktus, aber daneben liegen Papierberge und Aktenordner auf seinem Schreibtisch und am Monitor steht eine Packung Jacobs-Kaffee als Notration, wenn die Tage mal wieder länger werden. Und das ist in den letzten Wochen und Monaten häufiger der Fall.

Als Ordnungsamtsleiter muss sich Thorsten Spiegel darum kümmern, dass sich die Bürger Plettenbergs an die Corona-Bestimmungen halten. Sein Personal ist dafür auf den Straßen unterwegs, telefoniert mit Menschen in Quarantäne oder informiert Betriebe über die Sicherheitsvorschriften. Und Spiegel selbst? Er muss die Vorschriften, die sich ständig ändern, im Blick behalten, ist verantwortlich für das große Ganze. „Verrückte Zeiten“, sagt er zu Beginn unseres Interview-Termins, bei dem Sebastian Schulz mit ihm über die vergangenen und die kommenden Monate sprach.

Herr Spiegel, wenn man den Inzidenzwert und die Infiziertenzahlen aus den letzten Wochen und Monaten verfolgt hat, könnte man sagen: Plettenberg ist bisher vergleichsweise gut durch die Corona-Zeit gekommen. Sehen Sie das auch so?

Ja, mein Eindruck ist: Die Plettenberger sind überwiegend diszipliniert. Aber ich kann da nur meinem Kollegen Christoph Wilk [Schulamtsleiter] zustimmen, der Ihnen vor einer Woche im Gespräch zu den niedrigen Zahlen in den Plettenberger Schulen gesagt hat, dass da auch viel Glück bei ist. Das, was in anderen Orten passiert ist – die Verbreitung auf Hochzeiten oder Trauerfeiern – ist uns erspart geblieben. Das ist unser Glück.

In welchen Lebensbereichen sind die Plettenberger besonders diszipliniert?

Bei den Kontrollen im Einzelhandel zum Beispiel liegt die Einhaltung bei fast 100 Prozent. Ende Oktober haben wir an einem Freitagabend gemeinsam mit der Polizei Kontrollen unter anderem in einem Supermarkt und in einem Drogeriemarkt durchgeführt. Dabei konnten wir keinen einzigen Verstoß feststellen.

Gibt es auch Fälle, in denen die Regeln nicht so gut eingehalten werden?

Ja, eher im gastronomischen Bereich, insbesondere in einigen Imbissbetrieben wird Corona nur partiell ernst genommen.

Können Sie das näher ausführen?

Es ist vorgekommen, dass Servicepersonal hartnäckig wiederholt keine Maske trägt oder trotz mehrmaliger Aufforderung nicht hinter einer Plexiglasscheibe bleibt oder dass Mindestabstände von 1,5 Metern bei der Übergabe unterschritten werden. In mehreren Fällen mussten wir deshalb Bußgeldverfahren einleiten. Und da werden wir auch weiterhin am Ball bleiben und täglich kontrollieren. Sollte es trotz der Bußgeldverfahren weiterhin zu Verstößen kommen, behalten wir uns vor, diese Betriebe zu schließen.

Sind solche Schließungen schon vorgekommen?

Ja, es hat zwei Fälle im Oktober gegeben. Es handelt sich um einen Imbiss und eine gastronomische Einrichtung, in der vordringlich Getränke angeboten werden. Dort reagierte ein Gast auch sehr aggressiv. Entsprechend lagen wir richtig, die Polizei um Vollzugshilfe zu bitten.

Wie haben Sie diese Betriebe vorgefunden?

Es war eine fast surreale Situation. Wir haben den Imbiss, den wir kontrolliert haben, so vorgefunden, als hätte es Corona in den letzten sechs Monaten nicht gegeben: nirgendwo Piktogramme, keine Beschränkung des Verkaufsraums, sieben Personen, die teilweise ohne Maske dicht gedrängt mit Körperkontakt beieinander standen, Personal ohne Mund-Nasen-Bedeckung.

Welche Voraussetzungen sind zu erfüllen, damit der Imbiss wieder öffnen darf?

In solchen Fällen fordern wir ein schlüssiges Konzept, in dem die Einhaltung der Regeln sichergestellt wird. Da muss wirklich ein gedanklicher Wandel einsetzen, denn es besteht die Gefahr, dass sich durch infiziertes Personal viele Menschen anstecken könnten.

Muss Imbiss- und Gastronomie-Personal den Mund-Nasen-Schutz nur bei der Übergabe oder auch bei der Zubereitung tragen?

Auch wenn die Verordnung das nicht regelt, haben wir immer von Anfang an dafür geworben, den Schutz auch bei der Zubereitung zu tragen. Gerade bei Salaten oder anderen kalten Speisen ist das sinnvoll. Wir haben festgestellt, dass jemand mit der Einhaltung sämtlicher Hygiene-Hinweise sogar Werbung macht. Die Systemgastronomie hat das verstanden, einige Einzelbetriebe leider noch nicht.

Angesichts der ständigen Änderungen der Vorschriften weiß vielleicht auch nicht jeder, was vorgeschrieben und was freiwillig zu leisten ist. Stehen Sie da in einem regelmäßigen Austausch mit gastronomischen und anderen Betrieben?

Ja, und das auch schon seit Beginn der Corona-Pandemie. Wir haben in dieser Phase vor allem Industriebetriebe, Fitnessstudios, Friseure und das AquaMagis, aber auch Vereine, Kulturschaffende und Schulen nachgehend beraten, um eine Optimierung der Hygiene herzustellen. In der eher ruhigen Sommerphase haben wir die Beratungen zum Hygiene- und Infektionsschutz, von denen nach meiner Einschätzung 90 Prozent auch dankbar angenommen worden sind, bis heute fortgesetzt. Denn angesichts von Schulstart und Reiserückkehrern und der Prognosen von Experten war absehbar, dass die Zahlen wieder steigen werden.

Sie haben schon im Spätsommer deutlich gemacht, dass Sie daher von den zwischenzeitlichen Lockerungen überrascht waren...

Ja, vor allem davon, dass die große Politik nach den Sommerferien keine Klassenteilungen mit Digitalunterricht und Lernpaketen wollte und plötzlich auch wieder potentielle Superspreading-Events wie Hochzeiten und runde Geburtstage mit 150 Personen erlaubt waren. Bisher haben sich 20 000 Schüler und 3 000 Lehrer infiziert und private Feiern trugen maßgeblich zum Infektionsgeschehen bei.

Haben Sie auch Hochzeiten oder andere private, größere Veranstaltungen kontrolliert?

Ja, im September und Oktober haben wir auch mehrere Hochzeiten und runde Geburtstagsfeiern besucht. Solche Feiern mussten ja angemeldet werden und in der Mehrzahl der Fälle sind wir auch dort gewesen. Bei zunächst noch zugelassenen bis zu 150 Gästen war uns wichtig, dass die Hygieneregeln wie das Aufstellen von Desinfektionsspendern oder gutes Lüften auch eingehalten werden.

Haben Hochzeiten auch in Plettenberg für höhere Infektionszahlen gesorgt?

Ja, auch in Plettenberg gab es ein Infektionsgeschehen, das aus einer Hochzeitsfeier resultierte. Im Nachgang zu einer Hochzeit hat es drei Erkrankte gegeben, aber ein Superspreading-Event blieb uns glücklicherweise erspart.

Hochzeiten und Gastronomie waren oder sind für Sie ein großes Thema. Gab es darüber hinaus Auffälligkeiten bei Ihren Kontrollen?

Ja, zum Beispiel bei Friseuren, die es nicht für wichtig erachtet haben, den Kunden die Haare zu waschen oder Kontaktlisten zu führen, um dem Gesundheitsamt eine Rückverfolgung zu ermöglichen.

Wie viele Bußgelder hat das Ordnungsamt seit Beginn der Pandemie ausgesprochen?

Wir haben grundsätzlich immer erst Ermahnungen ausgesprochen – bis heute insgesamt 170 Mal. Bei Vorsatz oder hartnäckiger Uneinsichtigkeit haben wir dann Bußgeldverfahren einleiten müssen, die zwischen 200 und 1000 Euro liegen. Von bisher rund 60 Bußgeldverfahren sind mehr als 30 abgeschlossen. Darunter fielen hartnäckige Verweigerer, die gegen die Kontakt- oder Hygienevorschriften verstoßen haben, ebenso wie zum Beispiel der Friseur.

Warum ist diese Sanktionierung aus Ihrer Sicht so wichtig?

Weil jemand, der sich über die Vorschriften hinwegsetzt, nicht nur sich selbst, sondern mittelbar auch andere gefährdet, die im Zweifel schutzbedürftig, einschlägig vorerkrankt oder älter als 60 Jahre alt sind.

Waren oder sind Großfamilien ein Problem?

Nein, es gibt eher Probleme in Stadtteilen mit unterschiedlicher Zusammensetzung, wenn sich dort zum Beispiel 40 Personen auf einem Spielplatz aufhalten, die Abstände nicht einhalten und keinen Mund-Nasen-Schutz tragen. Vielleicht herrscht bei solchen Menschen eine andere Sensibilität, vielleicht kämpfen sie im Alltag besonders existenziell, sodass Corona subjektiv gar nicht als große Bedrohung wahrgenommen wird. Nichtsdestotrotz ist ein solches Verhalten in Zeiten wie diesen völlig inakzeptabel, weshalb wir auch hier Bußgeldverfahren einleiten, um deutlich zu machen, dass das zu missbilligen ist.

Wird auch in diesen Fällen zuvor informiert?

Ja, wir verteilen gemeinsam mit der Polizei, von der wir sehr gut unterstützt werden, Handzettel in verschiedenen Sprachen. Wir wollen ja nicht Bußgelder kassieren, sondern die Menschen schützen.

Bekommen Sie eigentlich auch Hinweise aus der Bevölkerung – nach dem Motto: „Da trägt einer seiner Maske nicht“?

Das gibt es zunehmend, in der Mehrzahl der Fälle aus einer echten Besorgnis heraus und – nach meinem Eindruck – weniger, weil Menschen denunziert werden sollen.

Was schildern Ihnen die Betroffenen?

Dass es zum Beispiel touristische Übernachtungen geben soll. Es melden sich aber auch Mitarbeiter, die Kontakt mit Geschäftspartnern haben und ihr Gegenüber sich nicht an die Vorschriften hält. Die Mitarbeiter stoßen mit ihrer Bitte bei der Geschäftsführung, die Maßnahmen zu verbessern, auf taube Ohren. So einen Fall hatten wir zum Beispiel in einem Speditionsbetrieb. Wir gehen natürlich auch solchen Hinweisen nach.

Wie schaffen Sie das alles? Ihre Personalkapazitäten sind schließlich begrenzt.

Durch eine Umschichtung innerhalb des Ordnungsamtes. Wir haben die Kontrollen der Pandemieentwicklung angepasst und stattdessen die Kontrollen des ruhenden Verkehrs oder in anderen ordnungsrechtlichen Bereichen, wie zum Beispiel beim Landeshundegesetz, zeitweise eingeschränkt.

Und das funktioniert?

Ja, auch durch eine Flexibilität in der Arbeitszeit und es ist den guten Mitarbeitern im Amt geschuldet. Für mich ist das sehr angenehm, dass sich Kollegen von sich aus gemeldet haben, um an Kontrollen teilzunehmen.

Haben Ihre Mitarbeiter noch weitere Aufgaben, die mit Corona zusammenhängen – außer Beratung und den Kontrollen auf den Straßen?

Ja, auch die Überwachung der Einhaltung einer Quarantäne gehört dazu. Diese erfolgt meist telefonisch und in Einzelfällen auch vor Ort. Wir haben dabei übrigens festgestellt, dass die Anrufe in vielen Fällen sehr dankbar entgegen genommen werden – gerade von Menschen, die alleine leben. Sie empfinden es als angenehm, dass sich jemand nach ihrem Gesundheitszustand informiert. In Einzelfällen sind unsere Mitarbeiter sogar für sie einkaufen gegangen. Das zeigt, dass wir nicht nur Kontrolleure sind, sondern auch unterstützende Hilfe bieten.

Was glauben Sie: Wie lange wird uns die Pandemie noch beschäftigen?

Ich rechne mit mindestens zwei Jahren, weil 50 Millionen Menschen geimpft werden müssen, je nach Präparat sogar zwei Mal. Ich glaube, dass die Intensitäten anschwellen und sich wieder abschwächen werden. Wir richten uns darauf ein, dass wir noch lange damit zu tun haben werden.

Dann dürfte Ihre Prognose für Großveranstaltungen im nächsten Jahr auch eher düster aussehen...

Dazu kann ich keine Prognose abgeben. Es hängt vom Infektionsgeschehen ab und den Zu- und Abnahmen der Infektionszahlen. Es gilt jetzt, durch kluge Politik die Kurve abzuflachen.

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