Vom innerlichen Enthusiasmus

Plettenberg - Die gut 70 Besucher, die am Samstag beim „Tag der Kultur“ auf Einladung der Stadtbücherei und der Kunstgemeinde Plettenberg in die Bücherei kamen, erlebten dort zwei echte Größen der Poetry-Slam-Szene sowie zwei Nachwuchsgrößen aus Plettenberg.

Moderator Marian Heuser, selbst Vizemeister im NRW-Slam, präsentierte den Plettenbergern den NRW-Slam-Meister Jean-Philippe Kindler sowie die zweit- und drittplatzierten Gewinnerinnen des U-20-Poetry-Slams, Laurie Hengesbach und Chiara Schöffers, beide vom heimischen Albert-Schweitzer-Gymnasium. 

„Die Beiden sind Backstage fast gestorben vor Nervosität“, verriet Marian Heuser. Doch ihren Auftritt meisterten beide Schülerinnen souverän. Laurie Hengesbach sprach über eine „gestörte Welt“ und sagte Sätze wie diese: „Wir müssen die Schnellsten, Schönsten und Besten sein, um in die Form zu passen. Und dann fliegen wir immer höher, ohne zu wissen, dass wenn wir fallen, uns nichts hält. (...) Und dieser eine, der es schafft, wird dann noch weiter geformt und entstellt, bis er der Gesellschaft gefällt.“ 

Und auch Chiara Schöffers nahm kein Blatt vor dem Mund, als sie folgendes zum Thema Ohnmacht ausführte: „Heutzutage ist Trump Präsident und ich sitze hier und frage mich wie dieser Mensch – ein frauenhassendes, rassistisches Arschloch – gewählt werden konnte. Wie kann es sein, dass die Amerikaner denken, dass er ihrem Land etwas Gutes bringen kann?“ 

Die über 70 begeisterten Zuhörer in der Stadtbücherei forderten am Ende sogar noch eine Zugabe von Slam-Meister Jean-Philippe Kindler.

Marian Heuser, Initiator der Slamreihe „World of WORDcraft“, hatte das Publikum zu Beginn passend eingestimmt. „Ihr dürft hier anders als beim richtigen Poetry-Slam niemanden rausschmeißen.“ Stattdessen übte er mit dem gut aufgelegten Publikum ein Klatschverhalten ein, das auf einer imaginären Skala von eins bis zehn reichte. „Enthusiasmus im Sauerland geht ja manchmal mehr so innerlich vonstatten“, sagte der Münsteraner, der aber eines Besseren belehrt wurde. Nahezu alle Beiträge bekamen fünf bis acht Punkte und manch einer kratzte auch an der Bestnote. 

Heuser selbst sprach über das Älterwerden und das Phänomen, nicht mehr zu Parties eingeladen zu werden. „Und das wird nur übertroffen von Einladungen zu Parties, die keine sind.“ Dabei werde oft über Ernährungsumstellungen gesprochen. „Und wenn die Gespräche versiegen, folgt der Blick aufs Handy, um Kinderbilder zu zeigen. Wir sind nicht mehr bei uns, sondern bei uns ist jeder für sich.“ 

Statt der sonst üblichen sieben Minuten beim Poetry Slam bekam der amtierende NRW-Meister Jean-Philippe Kindler zum Abschluss deutlich mehr Zeit für seine Texte, die er teilweise in atemberaubender Geschwindigkeit und zugleich mit viel Tiefsinn und Humor vortrug. Vor allem seine Ausführungen zum Thema „Mindesthohn“ und den „Wert der Arbeit“ gingen unter die Haut. Die Geschichte handelte von Petra, einer Tankstellenmitarbeiterin und einem Anzugträger, der zu ihr sagt: „Sag mal Petra, machen Sie das hauptberuflich?“ – „Ne, weeßte, ich mach hier mein freiwilliges soziales Jahr, um so neureiche Pflegfälle wie Sie zu betreuen. Hab ich ‘n Ticket fürs Konzert gekauft oder warum spielen Sie die Arschgeige?“ Über den Mindest(h)lohn von Frauen wie Petra lässt sich Kindler in einem sich immer weiter steigernden Rede-Stakkato aus: „8,50 Euro ist ihr Stundenlohn und 14 Cent für den Moment, in dem der Zeiger rund kreist und eine Minute nennt. (...) 14 Cent mal 60 sind 8,50, ja man schätzt dich.“

Moderator Marian Heuser, Laurie Hengesbach, Chiara Schöffers, Brigitta Schulte von der Stadtbücherei und Jean-Philippe Kindler (v.l.) sorgten für einen gelungen Poetry-Slam-Abend.

 Doch Kindler brachte das Publikum auch zum Lachen, als er von seiner Kindheit erzählte und von seinem ersten Wort, das er als Kind sagte. „Das Wort war Wawa und das hieß nicht Mama. Ich meinte das Innenleben eines Brötchens und das habe ich als Kind gerne aus dem Brötchen herausgearbeitet“, so Kindler, der mit seinem Auftritt auch das Thema Poetry-Slam in Plettenberg gut herausarbeitete und Lust machte auf mehr solcher Auftritte.

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