Das Kriegsende bedeutet nicht das Ende der Sorgen

+
Die Propaganda sollte bis zum letzten Kriegstag wirken und die bereits ab Sommer 1918 abzusehende Niederlage verschleiern: „Wir werden siegen“, steht auf dieser Ansichtskarte aus dem Ersten Weltkrieg, für die Kinder in die Uniformen der verbündeten Truppen von Österreich-Ungarn, dem Deutschen und dem Osmanischen Reich (von links) „gesteckt“ wurden.

Für viele Plettenberger war es ein Schock, manch andere nahmen den Aushang am Geschäftslokal des Süderländer Tageblatt am 11. November 1918 mit Erleichterung auf: „Waffenstillstand im Westen!“, verkündete die Heimatzeitung. Doch das Ende des Krieges bedeutete nicht das Ende der Sorgen für die einfache Bevölkerung.

„Fast vier Jahre schwerster Prüfungszeit, Kampf gegen Waffen, Hunger und Zwietracht; dass wir sie so überstehen würden, das hätte niemand zu hoffen gewagt“, notierte auch der sonst nationalbegeisterte Plettenberger Rektor Ernst Weimann im November 1918 in sein Tagebuch. Vor hundert Jahren hatte das Deutsche Reich mit seiner Unterschrift unter dem Waffenstillstandsvertrag von Compiegne für das Ende des verheerenden Ersten Weltkrieges gesorgt.

Die Blockadepolitik der Alliierten hatte bereits in den Jahren zuvor für Versorgungsengpässe in Deutschland gesorgt. Hunger und Elend herrschten überall, vor allem aber in den Städten. Doch auch im ländlichen Gebiet wussten die Menschen oft nicht, wie sie über die Runden kommen sollten.

Das absehbare Ende des Krieges ließ Anfang November bei vielen auch die letzten Hemmungen fallen – schließlich ging es für die meisten um das nackte Überleben. So wurde in der Nacht zum 8. November 1918 in das städtische Lebensmittelamt Plettenberg eingebrochen. Butter und andere Nahrungsmittel, aber auch Damenhemden und Unterwäsche wurden gestohlen. Die gewaltsame Öffnung des Geldschranks scheiterte.

Am selben Tag wurden zwei Plettenberger Mädchen in Werdohl festgenommen. „Sie haben eine unrechtmäßige Hauskollekte für Kriegsbeschädigte abgehalten. Für den zusammengebrachten Betrag von 500 Mk. haben sie zum Teil Wäsche gekauft. Sie wurden von der Polizei in Haft genommen“, berichtete die Heimatzeitung.

Spätestens Anfang Oktober war den deutschen Militärs klar, dass dieser Krieg gegen die alliierte Übermacht nicht mehr zu gewinnen war. Das Volk wurde jedoch – auch mit Hilfe der Veröffentlichungen in der Heimatzeitung – bis zum letzten Tag getäuscht. Kein Wunder also, dass die Überraschung, aber auch der Zorn am Morgen des 11. November 1918 groß war – und das, obwohl der Kieler Matrosenaufstand Anfang November 1918 bereits deutlich gemacht hatte, dass ein „ehrenvoller Sieg“ in diesem Krieg nicht mehr möglich sein würde.

Das ST hatte die neuesten Meldungen des Tages ausgehangen: „Die meiste Erregung riefen wohl die drakonischen Waffenstillstandsbedingungen hervor, die wir abends in der siebten Stunde bekannt geben konnten und über die ein lebhafter Meinungsaustausch der Leser gepflogen wurde.“

Noch am 6. November war es in Herscheid zu einer Volksversammlung gekommen. Über 400 Einwohner der Ebbegemeinde waren dem Aufruf von Pfarrer Schneider gefolgt, um über die aktuelle Lage zu sprechen. Pfarrer Schneider forderte, die „innere Front“ soll „unerschüttert halten.“ Dennoch: Auch den Teilnehmern der Versammlung war wohl schon bewusst, dass dieser Krieg für Deutschland verloren sein würde. Denn immerhin sollte in den folgenden Friedenszeiten ein „neues, starkes und glückliches Deutschland“ entstehen.

Am Ende der rund vierstündigen Sitzung stand eine Resolution: „Versammlung steht in unerschütterlicher Treue fest zur Person des Kaisers. Das Kaisertum ist unter allen Umständen hochzuhalten.“ Doch der schon längst macht- und einflusslose Kaiser Wilhelm II. saß da schon praktisch auf „gepackten Koffern“. Am 9. November 1918 wurde die Abdankung des Monarchen, der Zuflucht im niederländischen Exil fand, bekannt gegeben.

Auch die Plettenberger schauten in eine ungewisse Zukunft: Noch am Tag der Abdankung verkündete Karl Liebknecht (KPD) in Berlin die Gründung der sozialistischen deutschen Republik. Doch Philipp Scheidemann (SPD) war ihm zuvor gekommen; er rief die deutsche Republik aus: „Seid euch der geschichtlichen Bedeutung dieses Tages bewusst! Das Alte und Morsche, die Monarchie, ist zusammengebrochen! Es lebe das Neue; es lebe die deutsche Republik!“

Deutlich wurden die reichsweiten politischen Umwälzungen in Plettenberg durch die Gründung des Arbeiter- und Soldatenrates am 12. November 1918. Diesem unterstand fortan die Kontrolle sämtlicher Behörden und Einrichtungen der Stadt und der Landgemeinde.

Immer wieder kamen während des Krieges Soldaten auch nach Plettenberg zur Erholung - hier ließen sie sich vor dem einstigen Eiskeller am Hestenberg ablichten.


Der erste Arbeiter- und Soldatenrat hatte sich bereits im Rahmen des Kieler Matrosenaufstandes gebildet. Der Funke sprang schnell auf das gesamte Deutsche Reich über. Fast alle dieser Räte stellten sich in den Dienst der neuen Reichsregierung und begrüßten die Abschaffung der Monarchie. Nur ein geringer Teil dieser Räte verlangte die Einführung einer Diktatur nach sowjetischem Vorbild. Mit den ersten freien Wahlen im Januar 1919 verloren die Arbeiter- und Soldatenräte an Bedeutung, bis Herbst 1919 hatten sich alle aufgelöst.

Ende 1918 bestimmte der Arbeiter- und Soldatenrat jedoch das Leben in Plettenberg. Ihm oblag die Aufrechterhaltung der Ordnung, aber auch die Beseitigung der Versorgungsmisere. Doch auch in der Vier-Täler-Stadt gestaltete sich Letzteres schwierig. So sah sich der Arbeiter- und Soldatenrat per Aufruf im November 1918 genötigt, die Bauern zur „restlosen und freiwilligen“ Ablieferung der Vorräte an die Bevölkerung aufzurufen.

Am 16. November 1918 hatte sich auch in Herscheid ein Arbeiter- und Soldatenrat gebildet. Dieser rief wenige Tage später auch zur Bildung von Bauernräten auf – „zur Sicherung der Volksernährung, der Ruhe und Ordnung auf dem Land.“

Zu den Sorgen um das tägliche Überleben gesellten sich bei der Bevölkerung auch die Ängste um die politische Zukunft des Landes. Zu umfassend waren die Umwälzungen, die binnen weniger Tage stattfanden, zu widersprüchlich die Nachrichten, die Plettenberg aus Berlin erreichten.

Die Stimmung in Plettenberg muss in der Folge des Waffenstillstandes explosiv gewesen sein. So erklärte der Arbeiter- und Soldatenrat, dass viele „unzutreffende Gerüchte“ über dessen Arbeit verbreitet worden seien. „Alle unwahren Gerüchte werden streng verfolgt und die Verbreiter bestraft!“

Zu den Sorgen um die eigene Lebensmittelversorgung und die politische Zukunft gesellte sich auch die bange Frage nach dem Schicksal der Angehörigen, die zum Teil noch auf Frankreichs Boden standen. Noch in den letzten Kriegstagen, so wird aus den Traueranzeigen in der Heimatzeitung ersichtlich, starben viele Plettenberger und Herscheider den vermeintlichen „Heldentod“. Ende November wurde vermeldet, dass die überlebenden Soldaten aus Plettenberg und Umgebung bald zurückkehren würden – man sollte ihnen einen standesgemäßen Empfang bereiten. Dazu prangte Plettenberg ab dem 22. November 1918 im Flaggenschmuck – so wie in den vergangenen vier Jahren, wenn Siegesnachrichten kaum Sorgen an die Zukunft aufkommen ließen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare