Auch die Freizeit gehört ganz dem NS-Staat

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„Unserem Onkel Fritz Leuchen zur Erinnerung an feuchtfröhlich verlebte Stunden“, steht auf der Rückseite dieses Fotos. Geschossen wurde es „auf hoher See“ am 17. Mai 1939. Mit auf dem Bild: der oder die Plettenberger/in Klute, wohnhaft an der Maibaumstraße 4.

Was für die Reisenden luxuriöser Urlaub bedeutete, war für das NS-Regime ein Teil der Vorbereitung auf den Krieg: Noch 1939 nahmen auch Plettenberger an einer Fahrt der nationalsozialistischen Freizeit-Organisation „Kraft durch Freude“ (KdF) teil.

Alles war auf die „Vervollkommnung und Veredelung des deutschen Menschen“ ausgerichtet. Für die Teilnehmer waren die KdF-Ausflüge eine zuvor nicht gekannte Unterbrechung des Alltags; für das Regime waren die Reisen die beste Möglichkeit, auch die Freizeit der „Volksgemeinschaft“ zu organisieren und zu überwachen.

Dabei bot die NS-Organisation, die 1933 gegründet worden war, nicht nur Tagesausflüge an; Schiffe wurden für Kreuzfahrten angekauft. Urlaub im heutigen Sinn war für die meisten Deutschen außerhalb der KdF zu jener Zeit unerschwinglich.

Und so arbeitete die Diktatur auch im Bereich der Freizeit – wie in allen gesellschaftlichen Bereichen – unter dem Motto der Verschleierung: Während zahllose Menschen in Konzentrationslagern verschwanden, unbeschreibliches Leid erdulden mussten und schließlich ermordet wurden, ließ sich die „Volksgemeinschaft“ gerne blenden und genoss die trügerische Freiheit während der Ausflugsfahrten.

Noch kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges unternahmen auch Plettenberger eine Kreuzfahrt mit dem KdF-Schiff Stuttgart. Dieses, in den Jahren 1923 und 1924 gebaut, bot den Passagieren einen Luxus, von dem die meisten zuvor nur hätten träumen können.

„Mit der Stuttgart nach Norwegen“ lautet der Titel eines Fotobuches, dass eine Plettenberger Familie dem Heimatkreis übergeben hat. Die Fotos zeigen: Nur allzu gerne gaben sich viele dem schönen Schein des NS-Staates hin. Schließlich wurde den Reisenden allerhand geboten. Kaum jemand von ihnen hätte ohne die KdF jemals die Fjorde Norwegens sehen können. Gedanken um die Verbrechen in der Heimat werden sich – wenn überhaupt – nur die wenigsten gemacht haben.

Die Stuttgart, 1923 und 1924 gebaut, wurde bei einem Luftangriff 1943 schwer beschädigt und anschließend in der Ostsee versenkt.


Nicht das „lasterhafte Vergnügen“, sondern die „gesunde Freude“ sollte bei KdF-Fahrten im Vordergrund stehen. Die Freizeit im Dienste des NS-Staates sollte das Volk gesund halten und motivieren, vor allem im Hinblick auf den bevorstehenden Krieg.

Und das funktionierte, wenn man den Aufnahmen aus dem Plettenberger Fotoalbum Glauben schenkt: Die Fotografierten präsentierten sich in bester Laune.

Nur wenige Monate später brach mit dem Überfall NS-Deutschlands auf Polen der Zweite Weltkrieg aus. Die scheinbar unbeschwerte Zeit der KdF-Ausflüge war vorbei. Die Stuttgart wurde noch 1939 als Lazarettschiff in den Dienst der Kriegsmarine gestellt. Im Oktober 1943 wurde sie bei einem Luftangriff so schwer beschädigt, dass sie anschließend auf die Ostsee geschleppt und versenkt wurde.

Die meisten Ausflügler, die mit der NS-Freizeitorganisation unterwegs waren, kannten den Luxus, der ihnen auf der Stuttgart, wie hier im Raucherzimmer, geboten wurde, von Zuhause nicht.


Der Untergang der Stuttgart steht auch sinnbildlich für das Ende der „Volksgemeinschaft“: Die Verbrechen des NS-Staates traten immer offener zu Tage. Man musste kein Pessimist sein, um zu erkennen, dass der Krieg für Deutschland bereits nicht mehr zu gewinnen war. Einige Menschen ließen sich nicht mehr blenden – doch zu viele hielten noch am vom Unrechtsstaat aufgebauten, schönen Schein fest.

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