Warum die Niederländer „Schuld“ an der weihnachtlichten Verwirrung haben

Nikolaus versus Sinterklaas

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So sollte ein „echter“ Nikolaus aussehen: mit Mitra, Rauchmantel und Hirtenstab. 

Plettenberg - Egal, wo man in diesen Tagen hinguckt: Überall sieht man Weihnachtsmänner! Oder sind es doch Nikoläuse? „Das ist doch das Gleiche“, werden viele sagen – doch weit gefehlt!

Die Vorweihnachtszeit geht in die heiße Phase: Nach reichlich Lebkuchen sitzt die Hose nicht mehr ganz so locker, im Fernsehrprogramm werden Klassiker wie „Der kleine Lord“ beworben und fast täglich hört und ließt man von Weihnachtsfeiern.

Auch die Heimatzeitung bereitete über die zahlreichen vorweihnachtlichen Zusammenkünfte, sei es von Schützen- oder Sportvereinen, SGV oder Sozialverband. Häufiger Gast dieser Feiern war der Nikolaus, der mit seinem Besuch Groß und Klein erfreute; so zum Beispiel auch bei der Caritas-Senioren-Adventsfeier von St. Johann Baptist.

Als ich die Bilder zu dem Artikel betrachtete, fiel mir etwas auf: Dieser Nikolaus sah anders aus, als die Nikoläuse auf den Fotos von den vielen anderen Weihnachtsfeiern. Hat der Nikolaus in St. Johann Baptist nur einen exklusiven Kleidungsgeschmack oder was steckt sonst dahinter?

Pastor Eduard Mühlbacher war an jenem Tag in die Kluft des Nikolaus gestiegen. Er trug Mitra, Rauchmantel und Albe, in der Hand hielt er einen Hirtenstab. Damit entsprach er optisch dem Erscheinungsbild eines Bischofs.

Das ist nicht verwunderlich, denn der Brauch des Nikolaus geht auf den Bischof Nikolaus von Myra zurück, der um das Jahr 300 in der heutigen Türkei gelebt haben soll. Dieser soll sich um Arme und in besonderem Maße auch um Kinder gekümmert haben, indem er ihnen nachts heimlich Geschenke brachte.

Weihnachtsmann: keine Erfindung von Coca Cola

Was ist aber dann mit all’ den anderen Nikoläusen, die sich durch einen roten Mantel mit weißem Kragen und Zipfelmütze auszeichnen? Sind das gar keine Nikoläuse? Und wenn nicht: Was sind sie dann? Es handelt sich um Weihnachtsmänner!

Entgegen der landläufigen Meinung ist der Weihnachtsmann übrigens keine clevere Marketingstrategie der Coca-Cola-Company. Ja, der Getränkehersteller wirbt seit den frühen 1930er Jahren mit dem gemütlichen Herrn in Rot, doch die Figur des Weihnachtsmannes ist rund 100 Jahre älter und geht tatsächlich auf den Nikolaus zurück – genau genommen auf die niederländische Version des Nikolaus: Sinterklaas.

Die nach Amerika ausgewanderten Niederländer hatten ihren Sinterklaas natürlich mit im Gepäck. Aus Sinterklaas wurde allmählich Santa Claus. Dieser verschmolz zunehmend mit Father Christmas, den die Briten mit in die Neue Welt gebracht hatten. Dieser gilt in Großbritannien seit dem 17. Jahrhundert als das personifizierte Weihnachten.

Und das Christkind? Wie passt das eigentlich ins weihnachtliche Gesamtwerk? 

Als ich Kind war, besuchte mich jährlich am 6. Dezember der Nikolaus. Während ich auf seinem Schoß saß, las er aus seinem Goldenen Buch vor, wie ich mich das Jahr über betragen hatte. Beanstandungen wurden freundlich verpackt und bevor er mich mit einem kleinen Geschenk entließ, erinnerte er mich daran, meinen Wunschzettel für das Christkind zu schreiben.

Das Christkind: eine Erfindung Luthers

Das tat ich, legte ihn auf das Fensterbrett und irgendwann war er verschwunden. Dafür erwarteten mich am Heiligen Abend zahlreiche Päckchen unter dem Weihnachtsbaum – ganz offensichtlich vom Christkind gebracht.

Tatsächlich ist das Christkind, anders als der Nikolaus, der auf eine historische Person zurückgeht, oder der Weihnachtsmann, der wiederum auf den Nikolaus zurückgeht reine Erfindung.

Martin Luther, dessen 500-jähriges Thesenanschlagsjubiläum wir im letzten Jahr so groß gefeiert haben, schaffte um das Jahr 1553 für die deutschen Protestanten die Bescherung zum Nikolausabend ab. Denn bei dem Nikolausbrauch handelt es sich um eine Heiligenverehrung – ein „No-Go“ für Luther. Stattdessen sollte Jesus Christus die Geschenke bringen.

Weihnachtsmänner auf Leitern und in Gärten

Doch vergleicht man die Christkinddarstellungen mit Abbildern Jesu, fällt einem sofort die nicht vorhandene Ähnlichkeit auf. Alljährlich eröffnet eine blond gelockte, junge Frau den Nürnberger Christkindlesmarkt. Moment mal: eine Frau? Warum aber kein bärtiger Südländer besagten Markt eröffnet, liegt daran, dass sich die Figur des Christkindes schon früh verselbstständigt hat und die Verbindung zu Jesus Christus immer verschwommener wurde. Wir stellen uns das Christkind als engelsgleiche Person vor: kindlich, doch alterslos, mit Flügeln und blonden Locken.

Interessanterweise glauben heutzutage vor allem Katholiken an das Christkind, während in protestantischen Gegenden der Glaube an den Weihnachtsmann dominiert.

Während das Christkind seinen großen Auftritt erst an Heiligabend hat und der Nikolaus um den 6. Dezember herum wirkt, ist der Weihnachtsmann die gesamte Adventszeit über präsent. Ich muss mich nur in der Nachbarschaft umblicken: im Garten zu meiner linken steht ein rund zwei Meter hoher aufblasbarer Weihnachtsmann, zu meiner rechten klettert ein kleineres Exemplar eine Leiter empor. Und ja: Auch ich habe eine Weihnachtsmannmütze zuhause im Schrank liegen, die ich bei Gelegenheit aufsetze.

Vom Gefühl her denke ich, niemand würde dazu Nikolausmütze sagen, niemand würde behaupten, einen Nikolaus im Garten oder auf dem Balkon stehen zu haben. Viele scheinen unbewusst zu wissen, dass es sich bei Nikolaus und Weihnachtsmann um zwei unterschiedliche Figuren handelt.

Das hat mittlerweile auch die Schokoladenindustrie für sich entdeckt und produziert neben Schokoweihnachtsmännern auch Schokonikoläuse – beide übrigens sehr lecker. Doch wenn auf einer Weihnachtsfeier ein Herr Geschenke verteilt, wird fast immer vom Nikolaus gesprochen – und fast immer handelt es sich genau genommen um einen Weihnachtsmann.

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