Thema häusliche Gewalt

Niemand wird einfach so gewalttätig: Theaterprojekt mit den Plettenberger Realschülern

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In einer zweiten Version der Szene stehen die Schüler (re.) dem betroffenen Tom (Mitte) mit Tipps und Ideen während eines Streits mit dessen Vater (li.) zur Seite.

„Was glaubt ihr, wie geht es dem?“, fragten die Theaterpädagogen von „Mensch: Theater!“ nach der erste Szene eines Workshops zum Thema Gewalt die 8. Klasse der Realschule in der Böddinghauser Aula. Die Schüler hatten auf der Bühne gesehen, wie ein Junge, der an Neurodermitis leidet, von seinen Mitschülern gemobbt wurde.

„Schlecht“ gehe es dem Jungen, waren sich die Schüler am Mittwoch in der Aula des Gymnasiums einig. Aber was könnte man in so einer Situation tun? Darüber sprachen die Schüler mit den drei Schauspielern von „Mensch: Theater!“ (Canan Kir, Tobias Gestner und Dirk Kaufmann) und suchten nach Lösungen. Organisiert wurde die Veranstaltung von der „Gesprächsrunde gegen häusliche Gewalt“ in Plettenberg.

Insgesamt drei Szenen wurden vorgeführt. Das besondere an diesem Stück war, dass die Schüler in das Geschehen mit einbezogen wurden. „Wir werden die Szenen immer wieder unterbrechen und euch nach eurer Meinung fragen“, hatte Dirk Kaufmann schon zu Beginn angekündigt. So kam es, dass einige Schüler später auf der Bühne standen, um ihre eigenen Lösungsansätze auszuprobieren.

Der erste Fall, in dem ein Junge namens Linus wegen seiner Neurodermitis gehänselt wurde, lief so ab: Seine Mitschülerin Jenny fragt Linus, ob sie die Hausaufgaben abschreiben könne. Ihr Freund Tom kommt dazu und sagt: „Was willst du denn von dem? Der kratzt sich schon wieder und schubbt seine Sachen voll. Das ist ekelig.“ In der ursprünglichen Szene animiert er Jenny, die dadurch zur Mitläuferin wird, Linus gemeinsam mit ihm „Pocking-Face“ zu nennen.

In der ersten der drei Szenen ging es um Mobbing. Die Schüler schlugen in einer zweiten Variante eine Lösung vor.

„Wir könnte man die Situation verbessern?“, wollte Dirk Kaufmann von den Schülern wissen. Da die Situation durch Rache nicht besser würde, kamen die Schüler auf die Idee, dass die Figur Jenny sich anders verhalten und von der Mitläuferin zur Vermittlungsperson werden könnte. Sie ergriff, diesmal gespielt von den Schülern, Partei für Linus und machte Tom begreiflich: „Du willst doch auch nicht, dass man so etwas mit dir macht“. Die Schauspieler vermittelten den Jugendlichen zudem, dass Mobbing und Gewalt extreme Auswirklungen auf das spätere Leben haben können. Wichtig sei, einer müsse den Anfang machen, um etwas zu ändern.

Man kann sich Hilfe suchen

In der zweiten Szene wurde allerdings noch etwas anderes klar: Niemand wird einfach so gewalttätig. Die Theaterpädagogen führten vor, wie bei Tom Zuhause ein Streit eskaliert und Tom von seinem Vater geschlagen wird. Die Situation machte deutlich: Tom lebt in der Schule das aus, was er zuhause erlebt – trotzdem sei es nicht in Ordnung, dies weiter zu geben. Die Frage war: Wie lässt sich das Problem lösen? Diesmal schlüpften die Schüler nicht in eine der Rollen, sondern sie sollten Tom mit Tipps stärken. Anders als in der ersten Version der Szene, verteidigte und erklärte er sich diesmal vor seinen Eltern. Die Schläge des Vaters bleiben aus. „Die Tipps haben geholfen, aber die Situation an sich hat sich nicht geändert und bleibt unerträglich“, erklären die Theaterpädagogen. An dieser Stelle verwiesen sie darauf, dass man sich als Betroffener professionelle Hilfe suchen könne. Die entsprechenden Personen hatten sich den Jugendlichen vor dem Stück vorgestellt.

Für Mareike Masuch, Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Plettenberg, ist das Thema „Häusliche Gewalt“ schon seit 2010 ein intensiver Arbeitsbereich, da viele Menschen und vor allem Frauen davon betroffen seien. Ebenfalls anwesend waren Claudia Petri, Diplompsychologin vom Diakonischen Werk, Karin Feldhaus als Familienberaterin der Caritas und Ansgar Röhrbein vom Kinderschutzbund in Lüdenscheid. „Wenn ihr als Freunde mitbekommt, da stimmt was nicht, könnt ihr raten, sich Hilfe zu suchen“, so Tobias Gerstner.

Die drei achten Klassen der Realschule schauten sich gestern das Theaterprojekt in der Aula an.

Im dritten und letzten Beispiel wurde Tom selbst gewalttätig. Die Szene stellte sich so dar: Tom trifft auf ein Mädchen, das er toll findet, Jenny, und unterhält sich mit ihr über ein Theaterstück, das sie in dem Moment für die Schule liest. Ein Freund von Tom kommt dazu und stört die beiden, was Tom sichtlich missfällt. Dann eröffnet ihm sein Freund auch noch, dass es Ärger geben wird und eine Lehrerin bei ihm Zuhause anrufen wird. Die Schüler im Publikum verstanden nach der vorherigen Szene, im Gegensatz zu Toms Freund, was diese Nachricht in Tom auslöst. „Du hast doch coole Eltern“, meint sein Freund hingegen (der es wohl nicht besser weiß) und wendet sich an Jenny. Er schlägt vor, dass Tom und Jenny das Stück aus dem Buch (Romeo und Julia) spielen sollten und obwohl die beiden nicht wollen, lässt Tom sich von seinem Freund genervt überreden. Kurz danach schubst Jenny, der die Situation ebenfalls unangenehm erschien, Tom. Dieser reagiert aggressiv, schlägt sie und rennt weg. Toms Freund hilft Jenny auf und sagt: „Du musst den anzeigen“, woraufhin diese meint: „Dann kriegt er doch noch mehr Ärger.“

Was sagten die Schüler dazu? Dem Vorschlag, ein Mal ist kein Mal, stimmte kaum einer zu und das sahen die Theaterpädagogen genauso. „Tom könnte denken, die macht nichts. Das kann ich öfter machen“, erklärten diese. Andere Vorschläge waren, zum Lehrer zu gehen oder, dass Tom sich nicht provozieren lassen sollte und zum Beispiel Boxen gehen könnte, um sich abzureagieren. Wichtig sei in der Situation für die anderen Betroffenen, nicht weg zu schauen. „Einer muss den Anfang machen, sonst bist du immer weiter in der Mühle drin“, sagte Dirk Kaufmann.

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