Impfpflicht in Deutschland? Plettenberger Experten sind geteilter Meinung

„Nicht verpflichten – überzeugen!“

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Michael Achenbach und Kathrin Klewe r-Scherer in der Nocken-Apotheke.

Plettenberg – Erst vor wenigen Tagen forderte SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach (SPD) eine Impfpflicht bei Masern in Deutschland einzuführen. Grund dafür ist laut WHO (Weltgesundheitsorganisation) die steigende Zahl von Maserninfektionen – auch bei uns im Märkischen Kreis steigt die Zahl der Erkrankten (wir berichteten). Wir haben uns einmal bei Plettenberger Experten umgehört und Meinungen dazu eingefangen.

Besonders die ganz kleinen Kinder, also die, die noch nicht für eine Impfung in Frage kommen, seien bedroht, weiß Sandra Becker. Die Leiterin des Evangelischen Familienzentrums Mittendrin ist deshalb für die Einführung einer Impfpflicht: „Es gibt immer Eltern, die ihre Kinder nicht impfen lassen. Das muss prinzipiell jedes Elternteil selbst entscheiden. Sollte ein an Masern erkranktes Kind in den Kindergarten geschickt werden, ist es natürlich eine Gefahr für alle Kinder“, so die Pädagogin.

 Es ginge also nicht nur um den Selbstschutz beim Impfen, sondern auch immer um die Gefahr, andere Kinder anstecken zu können, so die Leiterin. Zwingen könne sie die Eltern nicht, deshalb würde sie ganz klar eine Impfpflicht befürworten – der sozialen Verantwortung wegen. Sie als Kita-Leiterin kann lediglich vor der Anmeldung eines Kindes einsehen, ob eine Impfberatung stattgefunden hat. Ob das Kind Impfschutz hat oder nicht, das erfährt sie aus Datenschutzgründen nicht mehr. 

Die soziale Verantwortung, die Becker im Gespräch mit der Heimatzeitung erwähnte, ist es auch, die Kinder- und Jugendarzt Michael Achenbach in den Fokus stellt. „Diese Verantwortung muss mehr ins Bewusstsein der Gesellschaft gerückt werden. Wir müssen nicht verpflichten, sondern überzeugen“, ist Michael Achenbach überzeugt. Eine Impfpflicht würde nur Widerstand bringen – und das brächte keinen weiter. Mit Blick auf den Märkischen Kreis weiß er aus eigener Erfahrung, dass die Zahlen bezüglich der Impfrate nicht gerade überzeugend sind. 

Gerade mal 73,3 Prozent der Bürger aus dem Märkischen Kreis lassen sich gegen Masern impfen. „Ich würde sagen, dass wir uns im Mittelfeld befinden. Wir sind aber noch weit davon entfernt, dass sich nahezu alle Menschen, vor allem Eltern ihre Kinder, impfen lassen“, so Achenbach. „Hysterische Mütter, die googeln“ Kathrin Klewer-Scherer, Apothekerin und Filialleiterin der Apotheke am Nocken, findet eine Impfpflicht sehr hilfreich. „Ich halte das Risiko, ohne Impfung an Masern zu erkranken, für deutlich höher, als das Risiko, Nebenwirkungen von der Impfung zu bekommen“, so die Expertin. Sie habe persönlich noch nie Erfahrungen mit ernsthaften Nebenwirkungen gemacht, die durch eine Impfung ausgelöst wurden.

 Sie glaubt, dass die Impfgegner sich in der heutigen Zeit hauptsächlich durch das Internet verrückt machen. „Das sind oftmals hysterische Mütter, die erst einmal googeln, anstatt sich von Experten vor Ort beraten zu lassen“, so Klewer-Scherer. Impfstoff gegen Masern sei jedenfalls genügend vorhanden. Lediglich beim Vierfach-Stoff (Masern, Mumps, Röteln und Windpocken) würde es eng. 

Da müsse man dann gegebenenfalls zwei verschiedene Impfungen in Kauf nehmen, um den vollen Schutz gegen alle vier Krankheiten zu erhalten. Michael Achenbach appelliert in dem Zusammenhang noch einmal an alle, sich jetzt gegen Grippe impfen zu lassen, denn die zweite Welle dieser Saison sei aktuell im Anmarsch.

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