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„Nicht darauf vorbereitet“: Corona belastet Krankenhäuser enorm

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Von: Johannes Opfermann

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Durch die Impfstoffe keimte im Plettenberger Krankenhaus  Hoffnung auf, mitten in der heftigen dritten Welle Anfang 2021.
Durch die Impfstoffe keimte im Plettenberger Krankenhaus Hoffnung auf, mitten in der heftigen dritten Welle Anfang 2021. © Dickopf, Georg

Wie für das Gesundheitssystem als Ganzes, so waren die zwei Jahre seit Beginn der Corona-Pandemie auch für das Radprax-Krankenhaus eine nie dagewesene Belastungs- und Bewährungsprobe.

Plettenberg - Die Krankenhaus-Verantwortlichen erinnern sich an Unsicherheit und Materialmangel – gerade zu Beginn – , vor allem aber an ein enormes Engagement des Klinikpersonals durch alle Corona-Wellen hindurch.

Für Dr. Andrzej Ploch, Ärztlicher Direktor des Radprax-Krankenhauses, und Pflegedienstleiter Heiko Heseler wird in der gemeinsamen Rückschau noch einmal deutlich, was sich in den – in der eigenen Wahrnehmung – schnell vergangenen zwei Jahren geändert hat und wie stark sich die Situation heute von der Anfang 2020 unterscheidet.

Unsicherheit

Zu Beginn der Pandemie habe niemand gewusst, was auf die Gesellschaften, auf das Gesundheitswesen zukomme, sagen beide. Das Virus war unbekannt, ebenso warum einige Menschen so schwer erkrankten.

„Wir hatten die Bilder von Bergamo vor Augen“, sagt Heiko Heseler. Die Berichte über die zahlreichen Toten dort sorgten auch in Plettenberg für Unsicherheit. Doch Norditalien war da noch weit weg. Anders Heinsberg. „Das war dann direkt vor der Haustür“, sagt der Pflegedienstleiter. Über einen früher im Radprax-Krankenhaus beschäftigten Arzt, der nun in Heinsberg tätig war, erhielt auch die Plettenberger Klinik Informationen aus erster Hand. „Was wir über ihn gehört haben, hat uns sehr verunsichert.“ Denn auch dort liefen Intensivstationen voll und starben Patienten an dem neuartigen Virus.

Bei der ersten Sitzung des Corona-Krisenstabs habe man im Haus feststellen müssen: „Wir sind – wie alle Kliniken in Deutschland – für so eine massive Pandemie gar nicht ausgerüstet, hatten für ein solches Ausmaß gar nicht die richtige Schutzausrüstung“, berichtet Heseler.

Materialmangel

Anfangs wurde alle zwei, drei Tage Inventur gemacht, um sich einen Überblick zu verschaffen, wie viel Ausrüstung noch da war, berichtet Dr. Andrzej Ploch: „Wir haben auf den Liter genau gezählt, wie viel Desinfektionsmittel und wie viele einfache Schutzmasken wir noch hatten.“ Es musste viel improvisiert werden. „Die Regierung konnte uns gar nicht helfen in der ersten Woche.“

Mal freute man sich über 50 Liter Desinfektionsmittel, die die Hochschule in Iserlohn spendete, mal wurde es privat über Apotheken bestellt oder es wurde gegen andere Ausrüstung wie Schutzkittel mit der Feuerwehr getauscht, damit jeder genug Material besaß.

Insbesondere FFP2-Masken waren Mangelware: Am Anfang waren gerade einmal 20 Stück auf Lager, denn vor Corona habe man FFP2-Masken im Krankenhaus praktisch nie gebraucht, erklärt Ploch. Stattdessen waren OP-Masken der übliche Mund-Nasen-Schutz. Doch die Klinik war erfinderisch. „Wir haben uns selbst FFP2-Masken gebastelt: Auf Narkosemasken, die eng am Gesicht anliegen, haben wir FFP3-Filter von Beatmungsgeräten gebaut“, erinnert sich Pflegedienstleiter Heseler. Auch Plettenberger Firmen und einige Privatpersonen unterstützten die Klinik in der schwierigen Anfangszeit mit FFP2-Masken und Desinfektionsmittel aus ihren Beständen, wofür sich die Krankenhausleitung ausdrücklich bedankt.

Später ließen sich dann Masken bestellen, wenn auch zu extrem überhöhten Preisen – 10 Euro pro Stück statt 79 Cent – und noch in begrenztem Umfang. „Wenn es 500 FFP2-Masken gab, sind wir vor Freude in die Luft gesprungen“, so Ploch. Inzwischen sind Bestellungen von 5 000 FFP2-Masken normal und der Verbrauch seit Pandemiebeginn geht in die Hunderttausende. Die Preise sind immer noch hoch, allerdings nicht so wie damals.

Der erste Patient

Der erste Corona-Patient kam mit Verdacht auf eine akute Gallenblasenerkrankung ins Krankenhaus, erinnert sich Ploch. Schon in der Narkose während der OP habe sich der Patient nicht gut führen lassen. „Nach der Extubierung konnte er nicht richtig atmen, und musste erneut intubiert werden. Ein paar Stunden später kam dann die Information von der Hausarztpraxis, dass der Patient coronapositiv war.“

Zu diesem Zeitpunkt hatten mehr als 20 Personen mit dem Patienten Kontakt gehabt, Ploch selbst war die erste Kontaktperson. Er ging in Quarantäne, isolierte sich auch zuhause im Keller, durfte aber weiter zur Arbeit ins Krankenhaus. „Alle haben in den nächsten Tagen immer zuerst auf meinen Test geschaut. Zum Glück hat sich keiner bei dem Patienten angesteckt, bei Omikron wäre das nicht so.“ Die Episode zeigte deutlich, wie wichtig ein umfassender Schutz vor Corona war. Schon in der ersten Welle wurde sehr viel gemacht, sagt Ploch: „Es war wie ein kleiner Krieg, ein Ausnahmezustand.“

Corona-Stationen

Die Pandemie erforderte räumliche Veränderungen. „Wir haben die private Station komplett zu einer Corona-Station umgebaut, auf die eine Seite der Station sollten die Corona-Patienten, auf die andere die Verdachtsfälle“, sagt Ploch.

Auch das Personal wurde anders strukturiert. Trotz geringer Schutzmöglichkeiten und weniger Informationen über die neue Krankheit waren viele zur Arbeit auf der Corona-Station bereit. „Wir haben mit sieben oder acht gerechnet, aber es haben sich 30 Freiwillige gemeldet“, erzählt Heseler. Das ganze Haus habe viel improvisiert und investiert, um ein funktionierendes System zu schaffen.

Im Gegensatz zum stärker betroffenen Nachbarkreis Olpe blieben Plettenberg und das Radprax-Krankenhaus von der ersten Welle noch etwas verschont, sodass das Personal auch die Corona-Prämie nicht erhielt, denn dazu wurden zu wenig Patienten behandelt. Die zweite und dritte Welle trafen das Krankenhaus wesentlich heftiger, besonders die dritte Welle im Februar 2021.

Schnell zeigte sich: Die ursprünglich geschaffenen Corona-Kapazitäten reichten nicht aus, somit wurde dann auf Station 4 die Corona-Station eingerichtet, da dort mehr als 20 Betten zur Verfügung standen – und die waren nötig. Inzwischen befindet sich die Corona-Station übrigens auf Station 2.

„Mit Intensivpatienten hatten wir eine Maximalbelegung von 25 Patienten“, erklärt Ploch. Auch die Intensivstation musste dafür angepasst werden, der enorme Pflegeaufwand erforderte die doppelte Besetzung, damit man sich um die Patienten kümmern konnte.

Personal am Limit

Obwohl das Personal bereits sehr belastet war, wurde weitergemacht. „Wir hatten Arbeitszeiten von 12 bis 16 Stunden“, erzählt Heseler. „Zum Teil haben die Mitarbeiter sechs Wochen lang 12-Stunden-Dienste gemacht, ohne einen freien Tag dazwischen.“

Neben der Arbeit im Krankenhaus und dem Schlaf zur Erholung sei kein Privatleben geblieben. Mitarbeiter traten Urlaube nicht an, weil sie im Krankenhaus gebraucht wurden, und geplante Eingriffe wurden eingestellt, weil sich alle Kräfte auf die Bewältigung von Corona konzentrierten. 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche drehte sich alles um Corona, was das Personal noch mehr zusammenschweißte.

„Die Leistung des Personals ist enorm, insbesondere in der dritten Welle“, betont auch Ploch. So manchen Mitarbeiter habe man von einer anderen Seite kennengelernt. „Wir haben Leute neu entdeckt, die bei der Arbeit sonst eher unauffällig waren. Sie haben eine solche Menschlichkeit, so ein Engagement gezeigt und solch einen Willen, diese Situation zu beherrschen – das war riesig.“

Einsames Sterben

Das zeigte sich auch gerade in den besonders schweren Phasen, als wegen des Besucherstopps auch Sterbende keine letzten Besucher empfangen konnten. „Wenn jemand im Sterben liegt und Familie nicht kommen kann – das ist ein katastrophaler Zustand“, sagt Heseler. Auch bei Ploch hat sich das besonders stark eingeprägt: „Wir haben erlebt, wie Leute allein sterben mussten ohne Familie, nur begleitet vom Pflegepersonal – diese Fälle bleiben im Kopf.“

Für das begleitende Pflegepersonal war dies emotional extrem belastend, Seelsorger betreuten sie daher psychologisch. „Wir haben so etwas noch nie erlebt, auf ein solches Szenario hat uns das Studium oder die Pflegeschule nicht vorbereitet“, sagt der Ärztliche Direktor des Krankenhauses. „Ich hoffe, dass wir so etwas nie wieder erleben.“ Was ihn und Pflegedienstleiter Heseler allerdings freut: Die Abwanderungstendenzen aus dem Pflegeberuf aufgrund der hohen Belastung zeigt sich in Plettenberg noch nicht.

Impfung lässt hoffen

Mit der dritten Welle kam durch die Impfstoffe auch die erste Hoffnung, meint Ploch rückblickend. Obwohl die erste geplante Impfung für das Klinikpersonal mangels Impfstoff wieder abgesagt werden musste, gab es nun doch die Möglichkeit, sich zu schützen. „Und die Leute wollten geimpft werden.“

Die Pandemie war eine große Bewährungsprobe für das gesamte Krankenhaus. Pflegedienstleiter Heiko Heseler (links) und der Ärztliche Direktor Dr. Andrzej Ploch stellen in ihrer Rückschau auf zwei Jahre Corona vor allem die enorme Leistung des Personals unter den extremen Belastungen dieser Zeit in den Mittelpunkt.
Die Pandemie war eine große Bewährungsprobe für das gesamte Krankenhaus. Pflegedienstleiter Heiko Heseler (links) und der Ärztliche Direktor Dr. Andrzej Ploch stellen in ihrer Rückschau auf zwei Jahre Corona vor allem die enorme Leistung des Personals unter den extremen Belastungen dieser Zeit in den Mittelpunkt. © Opfermann, Johannes

Im Sommer 2021 herrschte sogar das Gefühl, die Pandemie sei besiegt, dann kam die Delta-Variante. „Die war auch ziemlich heftig, bei uns wurden bis zu 20 Patienten gleichzeitig behandelt, bei einigen auch mit kritischem Verlauf“, so Ploch. Aber es zeigte sich bereits, dass es bei Geimpften nicht so schwere Verläufe gab. Bei den Verlegungen auf die Intensivstationen sei das Verhältnis zwischen Ungeimpften und Geimpften bei 80 zu 20.

Das Krankenhaus ist inzwischen selbst ein Impfzentrum und hat schon 1 630 Impfungen durchgeführt. Auch das Krankenhaus-Personal ist fast komplett – 98 Prozent der Mitarbeiter – durchgeimpft. Die letzten zwei Prozent warteten laut Ploch noch darauf, dass ein weiterer Impfstoff zur Verfügung stehe. Was die voraussichtlich ab dem 16. März greifende Impfpflicht angeht, hofft das Krankenhaus, noch eine Lösung zu finden, „damit sich die Leute noch für eine Impfung entscheiden“.

Lage bleibt dynamisch

Seit zwei Jahren gibt es wöchentliche Telefonkonferenzen, in denen sich die Krankenhäuser im Märkischen Kreis über ihre Corona-Lage und vorhandene Kapazitäten unterrichten. Entsprechende Datenbanken werden ebenfalls täglich aktualisiert.

Doch allein an der Bettenzahl lassen sich die tatsächlichen Kapazitäten nicht ablesen. „Ein Bett allein nützt nichts, es muss auch versorgt werden von Ärzten und Pflegern. Wenn man da nicht mehr genug zur Verfügung hat, kann man die Betten nicht betreuen“, betont Heseler. Die ansteckendere Omikron-Variante ist gerade in diesem Punkt eine Herausforderung und zeigt, wie dynamisch Corona immer noch ist. In der vorletzten Woche zählte das Krankenhaus wieder zwölf Corona-Patienten – genauer: Patienten, die aus anderen Gründen aufgenommen und bei denen Corona festgestellt wurde. Inzwischen sind es noch sieben, davon ein ungeimpfter Patient auf der Intensivstation.

Nachwirkungen

Nach zwei Jahren Pandemie ist anstelle der einstigen Ohnmacht Routine getreten. „Der Umgang mit Corona ist in Fleisch und Blut übergegangen“, sagt Pflegedienstleiter Heseler. Corona habe das Leben – auch im Privaten – total umgekrempelt. „Wir sind andere Menschen geworden und sehen einige Sachen komplett anders als vor zwei Jahren, setzen andere Prioritäten“, ist sich Ploch sicher.

Er hofft, dass die Pandemie bald vorbei ist, auch wegen der milderen Verläufe der Omikron-Variante, welche Delta weitestgehend verdrängt habe. Die Gefahr durch weitere Virus-Varianten bestehe weiter, doch die Ausgangsbedingungen seien andere. Ein Großteil der Bevölkerung sei geimpft – im Märkischen Kreis sind es etwa 74 Prozent – oder von einer früheren Infektion genesen, erklärt Ploch: „Es wäre eine komplett andere Basis als vor zwei Jahren, denn der neue Virus würde auf eine Bevölkerung treffen, die schon gut geschützt ist.“

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