Schweigen tötet aufs Neue

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Der damalige Stadtarchivar Martin Zimmer bei der Vorbereitung der Ausstellung über ehemalige jüdische Mitbürger im Jahr 1988. Im Vorfeld sah sich Zimmer auch mit Anfeindungen einzelner Bürger konfrontiert.

„Wer vergisst, tötet zum zweiten Mal“, lautet ein jüdisches Sprichwort. Vergessen und Schweigen – darauf stieß auch der damalige Stadtarchivar Martin Zimmer im Rahmen der Vorbereitungen zu seiner Ausstellung über ehemalige jüdische Mitbürger in Plettenberg vor 30 Jahren. Und auch heute, in Zeiten des erstarkenden Rechtspopulismus, gibt es wieder genügend Menschen, die am liebsten den Mantel des Schweigens über die Schrecken des Holocaust legen würden.

Dabei tötet Schweigen die Millionen Toten des NS-Rassenwahns aufs Neue: Menschen wie Martin Zimmer versuchen ihnen eine Stimme zu geben, an die Greul und Unmenschlichkeiten zu erinnern und nicht zuletzt zu veranschaulichen, wie Stigmatisierung, Ausgrenzung und Entrechtung zum Völkermord führen können. Doch davon wollten 1988, über 40 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, manche Plettenberger offensichtlich nichts wissen. So erklärt Zimmer, er sei bei der Recherche zur Ausstellung von manchen Bürgern angefeindet und sogar bedroht worden.

Dies mag vor allem daran liegen, dass viele Plettenberger, die in die NS-Maschinerie verstrickt waren, vor 30 Jahren noch gelebt haben. So wie zum Beispiel der ehemalige Amtsbürgermeister Engelbert Wahle, der 1988 auch zur Ausstellung erschienen war.

Wahle hatte sich in öffentlichen Reden, abgedruckt im Süderländer Tageblatt, als fanatischer Nationalsozialist gezeigt. Dokumente aus dem Stadtarchiv belegen, dass Wahle beispielsweise „Schutzhaft“ für Plettenberger SPD-Abgeordnete gefordert hatte, die nicht für das NS-Winterhilfswerk spenden wollten. Es war Wahle, der einen vor antisemitischen Äußerungen nur so strotzenden Bericht über einen Plettenberger Betrieb mit jüdischem Inhaber verfasst hatte, um die „Arisierung“ voran zu treiben.

Auch Wahle schwieg zeitlebens zu seiner Mitschuld, wurde wohl aber auch nie konkret darauf angesprochen: Der ehemalige Amtsbürgermeister legte im Nachkriegs-Plettenberg noch eine ansehnliche politische Karriere bei CDU (1952 bis 1964 Fraktionsvorsitzender) und UWG hin. Auch mit dem Ehrenring der Stadt wurde Wahle ausgezeichnet.

Auf eine Mauer des Schweigens traf Zimmer auch bei vielen Zeitzeugen. Es habe kaum jemanden gegeben, der mit ihm über die Geschehnisse in Plettenberg in den Jahren 1933 bis 1945 habe sprechen wollen. Dabei wurden in der Pogromnacht 1938 auch in Plettenberg die Läden Sternberg und Löwenthal beschädigt, auch die Plettenberger hatten sich am Boykott jüdischer Geschäfte im April 1933 beteiligt. Und die Bürger der Vier-Täler-Stadt konnten sehen, wie am 10. November 1938 viele jüdische Mitbürger deportiert wurden und als gebrochene Menschen nach Monaten zurückgekehrt waren.

Stattdesssen erreichten den damaligen Stadtarchivaren Anrufe, die zeigen, wie wenig sich manche Plettenberger auch noch 1988 vom Nationalsozialismus entfernt hatten. „Die Sache mit den Juden? Davon weiß ich nichts. Wir in Plettenberg haben davon ja nichts mitbekommen“, sei beispielsweise der Inhalt eines Telefonats gewesen. Es wurde verdrängt, geleugnet, gelogen.

„Adolf hat jedenfalls von 1933 bis 1939 dafür gesorgt, dass es mit uns wieder aufwärts ging“, soll ein anderer Plettenberger Zimmer am Telefon gesagt haben. Das Traurige: Aussagen wie diese haben sich nicht nur bis heute erhalten – sie werden mittlerweile auch „salonfähig“ gemacht. Andere Plettenberger zweifelten dagegen wohl die „Propaganda der Besatzer“ an: „6,5 Millionen Juden in Gaskammern getötet? Das ist Greulpropaganda der damaligen Feinde!“

Unter den Besuchern befand sich auch Engelbert Wahle (hinten), von März 1934 bis Mai 1938 Amtsbürgermeister. Er hatte sich bereitwillig in den Dienst der NS-Ideologie gestellt. Auch er schwieg.


Besonders widerwertige Ausmaße nahmen die Versuche einer Verharmlosung des Holocaust in manchen Leserbriefen an, die im Zuge der Ausstellungseröffnung das Süderländer Tageblatt erreichten. „Im übrigen war ja wohl Jesus von Nazareth der erste Antisemit. Jagte nicht gerade dieser Jesus die Geldwechsler und Juden aus dem Tempel?“, hatte ein Plettenberger geschrieben. Absurde Versuche der Relativierung des Massenmordes fehlten damals ebenso nicht – und auch sie erfahren heute wieder eine Neuauflage.

Trotz aller Widrigkeiten gelang es Martin Zimmer aber dennoch, vom traurigen und unmenschlichen Schicksal der Plettenberger Juden in der Zeit des Nationalsozialismus zu berichten. Über 1 000 Besucher konnten in der Ausstellung gezählt werden, ältere Mitbürger seien klar in der Minderheit gewesen. „Die Meinung, man solle ‘endlich aufhören’ an die Zeit des Nationalsozialismus zu denken und zu erinnern, diese Meinung verrät Unkenntnis. Auch vom Schicksal der Plettenberger Juden, einer kleinen Minderheit, sollten wir betroffen sein“, erklärte Zimmer 1988.

Der damalige Stadtarchivar wollte nicht relativieren, nicht schweigen – er wollte den Millionen sinnlosen Opfern des Rassenwahns eine Stimme geben. Denn die Anhänger des Nationalsozialismus und des Rechtsextremismus würden die ehemaligen jüdischen Mitbürger gerne zum Schweigen bringen – und sie damit aufs Neue töten.

Am heutigen Samstag findet um 14.00 Uhr am jüdischen Friedhof an der Freiligrathstraße die Gedenkveranstaltung der Stadt Plettenberg statt. Im Anschluss, gegen 14.30 Uhr, wird herzlich in den Ratssaal eingeladen, wo Schüler des Albert-Schweitzer-Gymnasiums eine Lesung aus dem Theaterstück "Liebe sucht eine Wohnung" von Jerzy Jurandot veranstalten werden.

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