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Psychosoziale Hilfen: Neuer Wegweiser soll im Dschungel helfen

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Von: Stefanie Vieregge

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Stellten den Wegweiser „Psychosoziale Hilfen“ im Ratssaal vor: Meryem Yilmaz, Katja Gerecht, Dr. Vera Gerling sowie die beiden Bürgermeister Ulrich Schulte und Uwe Schmalenbach (von links).
Stellten den Wegweiser „Psychosoziale Hilfen“ im Ratssaal vor: Meryem Yilmaz, Katja Gerecht, Dr. Vera Gerling sowie die beiden Bürgermeister Ulrich Schulte und Uwe Schmalenbach (von links). © Vieregge

Steigender Bedarf in der Bevölkerung, Fachkräftemangel, Unwissenheit durch fehlende Information: Probleme im Gesundheitswesen betreffen nicht nur Krankenhäuser und Altenheime, sondern auch – leider oft ungenannt – die mentale Unterstützung. Das wollte man am Mittwochnachmittag im Plettenberger Ratssaal ändern: Das Gesundheits- und Pflegenetzwerk Plettenberg-Herscheid (GPN) hatte zu einer offenen Informationsveranstaltung mit Vorträgen und Gesprächen eingeladen.

Plettenberg - Anlass war die Vorstellung des neuen Wegweisers „Psychosoziale Hilfen“, der unter der Führung von Dr. Vera Gerling, Sozialgerontologin und unterstützende Expertin des GPN, entstand. Tatkräftige Unterstützung erhielt sie dabei von Meryem Yilmaz (Demographie- und Integrationsbeauftragte in Herscheid) sowie Bärbel Sauerland (Fachbereichsleiterin).

Psychische Krankheiten sind vielfältig, individuell und divers in ihren Abstufungen. Und sie betreffen nicht nur die ältere Generation mit Demenz, sondern alle Altersgruppen mit zum Beispiel Depressionen, Schizophrenie oder Essstörungen. „Die vorhandenen Anlaufstellen sind gut, aber nicht ausreichend und vor allem nicht bekannt“, so Dr. Vera Gerling. Und so entstand die Idee zu einem Leitfaden, der Fragen zu Symptomen beantwortet und helfen soll, die richtigen Ansprechpartner zu finden.

Etwa 50 Besucher hatten sich im Ratssaal eingefunden, unter denen sich Betroffene, Interessierte sowie Vertreter unterschiedlicher Organisationen aus den verschiedenen Bereichen von Pflege und Gesundheit fanden.

Bürgermeister Ulrich Schulte eröffnete die Veranstaltung und brachte einen sehr plastischen Vergleich zum Begriff „Verletzungen“ sowie der unterschiedlichen Wahrnehmung bei Außenstehenden: Nach einem sichtbaren Schnitt in den Finger würde ein Patient äußerlich behandelt, umsorgt und mit Rücksichtnahme überhäuft. Eine Demenz dagegen sei nicht offensichtlich und zeige sich nur dem aufmerksamen Beobachter oder nahestehenden Personen. Es seien nicht nur die Betroffenen, sondern oft auch Angehörige, die Hilfe suchten und nicht sofort eine Anlaufstelle fänden.

Das GPN will aufklären, informieren und mit einem guten und engen Netzwerk schnellere Hilfe schaffen. Dr. Gerling zeigte die Gründe des Bedarfs auf: So leide beispielsweise fast jeder Dritte einmal im Leben an einer psychischen Krankheit, fast jede zweite Frühverrentung gehe auf psychische Gründe zurück und mittlerweile ist es sogar die zweithäufigste Ursache für eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung.

Der Wegweiser „Psychosoziale Hilfen“ bietet eine umfassende Hilfestellung, ist klar strukturiert und führt Kontaktadressen in allen Teilen des Märkischen Kreises auf. „Wir sind sehr stolz und haben ein gutes Stück Weg geschafft“, erklärte Meryem Yilmaz. Der Wegweiser liegt in Arztpraxen aus, in Apotheken und im Rathaus. Außerdem ist ein interaktives PDF-Formular in Arbeit, das mit weiterführenden Links und Informationen aufwarten wird.

Dem einführenden Referat folgte ein Interview mit Ingrid Kruppa, Pflegefachkraft der LWL-Klinik Hemer mit Arbeitsplatz in Plettenberg, mit Martin Boncek, Facharzt für psychosomatische Medizin in Plettenberg, und mit Matthias Kortwittenberg vom sozialpsychiatrischen Dienst des Märkischen Kreises. Im Vordergrund standen unter anderem die vorhandenen Strukturen im Gesundheits- und Pflegebereich sowie Zukunftsaussichten.

Matthias Kortwittenberg hob das spürbare lokale bürgerschaftliche Engagement in den Gemeinden Plettenberg und Herscheid hervor, das man in Großstädten fast ganz vermissen würde. Die gute Verbindung innerhalb der Ärzteschaft sowie eine übersichtliche räumliche Lage seien ein großer Vorteil.

Martin Boncek verwies auf die Unterversorgung durch Fachärzte im Kreis. Zum einen würden nur wenige Sitze von der kassenärztlichen Vereinigung vergeben, zum anderen bliebe der Nachwuchs aus. Ländliche Gebiete seien nicht so attraktiv für die nachfolgenden Kollegen.

Ingrid Kruppa erklärte die nun kurzen Wege für die Patienten, die nicht mehr nach Iserlohn oder Hemer fahren müssen, sondern hier vor Ort in der Tagesklinik behandelt werden können.

Herausforderungen für die Zukunft seien die flächendeckende Versorgung – auch nach 16 Uhr und an Wochenenden. Onlinebasierte Hilfen seien eine erste Informationsquelle, aber für akute Hilfesuchende keine Alternative.

Für die Zukunft wünschten sich die Teilnehmer mehr Aufklärung, schnelle Hilfe für die Suchenden und steigende Personalzahlen in den Pflegeberufen.

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