Nachdenkliche, aber auch humorvolle Beiträge bei Poetry-Slam-Premiere in Böddinghausen / Sarina Twarz zur Siegerin gekürt

Ist zweitplatziert nicht mehr gut genug?

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Moderator Marian Heuser (mit Hut) mit den Finalistinnen Laurie Hengersbach (links), der Siegerin Sarina Twarz (Zweite von links) und Chiara Schöffers (rechts).

PLETTENBERG - Mit dem Herz in der einen, mit dem Textblatt in der anderen Hand, stellten sich am Freitagabend acht ASG-Schüler auf die Bühne der Aula, um einen „modernen Dichterwettstreit“ unter sich auszutragen: beim ersten Plettenberger U 20 Poetry Slam.

Die Moderation übernahm Marian Heuser. Er hatte bereits im letzten Jahr den Workshop des vom Kreisheimatbund initiierten Heimat-Slams geleitet und die Schüler auch in diesem Jahr gecoacht. 

Er erklärte zunächst die wichtige Rolle des Publikums, das entscheidet, wie viele Punkte ein Slammer für seinen Vortrag bekommt, wer ins Finale einzieht und wer gewinnt. Dafür hatte Heuser sieben Punktetafeln im Publikum verteilt. 

Diejenigen Zuschauer, die eine solche Tafel erhalten hatten, mussten anhand der Applausintensität und in Absprache mit ihren Sitznachbarn entscheiden, wie viele Punkte sie vergeben: von 1, dem „kollektiven Schlag ins Gesicht“, bis 10, „die in Punkten ausgedrückte Heiratserklärung“. 

Inhaltliche oder stilistische Vorgaben gibt es beim Poetry Slam übrigens nicht. Darum bat Heuser das Publikum: „Lassen Sie sich bitte auf alles ein. Hier kann alles passieren.“ Entsprechend vielfältig waren auch die Texte, die vorgetragen wurden. Dafür hatten die Slammer maximal sechs Minuten Zeit. 

Besonders schwer hatte es Marigona Peci, die als Erste ans Mikrophon trat. Sie trug einen „Abschiedsbrief“ in englischer Sprache vor, weil man nach ihrer Ansicht Gefühle besser auf Englisch übermitteln könne. Auch die „Herzseelenwiederbelebung“ von Bettina Esser beinhaltete englische Zeilen; sie erzählte von verpassten Chancen und der Verschwendung des Lebens. 

Gesellschaftskritisch war der Vortrag von Chiara Schöffers. Sie schilderte in „Ohnmacht“ selbige gegenüber der Trumpregierung und dem amerikanischen Volk, die Ohnmacht der Jugend, mit Wahlergebnissen umgehen zu müssen, die von Alten gemacht wurden, und dem ständigen Leistungsdruck der Gesellschaft: „Plötzlich ist zweitplatziert nicht mehr gut genug.“ 

Ähnliche Motive waren bei Laurie Hengersbach zu finden, die ihren Text „Gestörte Welt“ zum Teil in Reimform vortrug. „Karriere und Geld“ als Heilsbringer, zum Preis einer „unterdrückten Menschlichkeit“, sowohl auf die Gesellschaft als auch auf den einzelnen zu übertragen, der die eigene Persönlichkeit opfert, um der Norm zu entsprechen, doch für die „falsche Person“ nur „falsche Anerkennung“ ernte. 

Dass man beim Poetry Slam nicht nur mit dem erhobenen Zeigefinger auf die Gesellschaft schimpft, bewies Maya Hendel in ihrem humoristischen „Text über Günther“, der das Datingverhalten der Ratte Günther auf einschlägigen Partnervermittlungsseiten schilderte. Immer wieder waberten Lachsalven durchs Publikum, wenn Hendel vorlas, wie Günther seine Hautfalten mit Klammern feststeckt und seinem Fell mittels Steckdose und Erdöl sowohl Fülle als auch Glanz verlieh, nur um seiner Angebeteten zu gefallen. 

Nicht minder unterhaltsam war der Vortrag von Sarina Twarz, die herrlich selbstironisch das vierteljährliche Nachbarschaftstreffen der Landemerter „Bauern aus Leidenschaft“ karikierte. Immer fallende Schlagworte seien „Putin, Trump und Traktor“, aber auch „Gerüchte, Nazis und die Internetverbindung“ bilden wichtige Themen der Stammtischgesellschaft. Twarz blieb in ihrem Text gewissermaßen vor der eigenen Haustür, wodurch ein besonderer Bezug zum Publikum bestand; schließlich steckt in jedem Plettenberger auch ein bisschen Bauernmentalität. 

Eine gekonnte Verbindung zwischen ernst und lustig gelang Dennis Günzel, der laut eigener Aussage „zum Lachen, zum Weinen und zum Nachdenken“ anregen wollte. Nie sei man dem Mittelalter wieder so nah gewesen wie in der heutigen Zeit, proklamiert Günzel, mit der Ausnahme, dass das Silicon Valley den Vatikan ersetzt habe. Zudem überzeichnete er ein Bild der deutschen Bürokratie: Sprengstoffgürtel müssten einen Vermerk á la „kann tödlich sein“ tragen, Terroristen sollten in einer Kartei geführt werden und einem Punktesystem wie in Flensburg unterliegen, so dass man ihnen bei vereitelten Anschlägen den Terroristenstatus entziehen könne. 

Der abschließende Auftritt von Maximilian Lange hob sich deutlich von denen seiner Vorredner ab. Während diese die minutiös vorbereiteten Texte vom Blatt ablasen, sprach Lange frei, wodurch er mitunter etwas schlunzig daherkam, was jedoch durchaus positiv auffiel. Als roter Faden zog sich sein „Jahresziel erreicht“ durch den Vortrag, gerichtet an den jeweiligen Fachlehrer, immer dann, wenn er beispielsweise Fremdwörter benutzt, eine mathematische Formel eingebaut oder einen chemischen Zusammenhang erklärt hatte. Langes Auftritt hatte kabarettistische Züge, wenn er die Parteien verspottete und eine „Obergrenze für kackende Kühe“ forderte, um das Klima zu schützen. 

Auch wenn das Ranking am Ende denkbar knapp ausfiel, stiegen Chiara Schöffers, Sarina Twarz und Laurie Hengersbach ins Finale auf. Sie durften dem Publikum einen weiteren Text präsentieren. 

Während Schöffers Vortrag sehr emotional geprägt war, da es um den Tod des Liebsten ging, prangerte Hengersbach all jene Leute an, die mit Zitaten größer Persönlichkeiten um sich werfen, statt selbst nachzudenken und ihre eigenen Worte zu benutzen. Lachen durfte das Publikum wieder bei den beiden kurzen Twarz-Texten. Besonders der zweite, in dem es um sinnvolle Superkräfte ging, kam beim Publikum gut an. 

Dennoch war es für die Zuhörer keine leichte Entscheidung, eine Siegerin zu küren, zumal in der Finalrunde auf die Punktetafeln verzichtet wurde, und Heuser allein nach der Intensität des gezollten Beifalls ging. Am Ende setzte sich Sarina Twarz vor Hengersbach und Schöffers durch. Neben reichlich Applaus und Glückwünschen erhielt sie von einer Vertreterin des Kreisheimatbundes einen Pokal überreicht – „der schönste Staubfänger, den wir erstellen konnten“ wie Heuser witzelte. 

Musikalisch eingebettet wurde die Veranstaltung von der Band Standgas. Deren Gitarristin Luise Wolff hatte im letzten Jahr selbst erfolgreich am Heimat-Slam teilgenommen und konnte so aus eigener Erfahrung berichten, unter welcher Anspannung die jungen Künstler standen; sie machte ihnen zugleich Mut, ihr Hobby weiterzuverfolgen, auch wenn man vielleicht blöd angeguckt werde.

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