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Musikalisch im Alter: Mit über 80 Jahren noch Geige lernen

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Von: Johannes Opfermann

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Das Streicher-Ensemble der Musikschule Lennetal hat seinen Ursprung in Kursangeboten für Erwachsene: Danach wollten die Musiker – die einen mit mehr, die anderen mit weniger musikalische Vorerfahrung – gerne weitermachen. Vorne im Bild (von links) Julie Krach, Christa Hoffmann und Ulrike Krach; hinten (von links) Lehrer und Ensemble-Leiter Sebastian Hoffmann, Regina Wildenburg, Ingeborg Müller und Frank Urban.
Das Streicher-Ensemble der Musikschule Lennetal hat seinen Ursprung in Kursangeboten für Erwachsene: Danach wollten die Musiker – die einen mit mehr, die anderen mit weniger musikalische Vorerfahrung – gerne weitermachen. Vorne im Bild (von links) Julie Krach, Christa Hoffmann und Ulrike Krach; hinten (von links) Lehrer und Ensemble-Leiter Sebastian Hoffmann, Regina Wildenburg, Ingeborg Müller und Frank Urban. © Opfermann, Johannes

Ein Musikinstrument zu erlernen ist immer eine bereichernde Erfahrung. Die meisten Musikschüler beginnen im Kindesalter mit dem Geigen-, Klavier- und Gitarrenunterricht. Doch immer mehr Menschen greifen erst als Erwachsene zu einem Instrument und erfüllen sich so einen lang gehegten Wunsch. So auch im Streicher-Ensemble der Musikschule Lennetal.

Lennetal -  Im zweiten Obergeschoss der Musikschule in Werdohl treffen sich die Streicher wie jeden Mittwochabend. Fünf Frauen, ein Mann – drei Geigen, drei Celli. Hinzukommt noch Instrumentalpädagoge Sebastian Hoffmann, der das Ensemble leitet. Auf seinem Notenständer müssen nicht nur die Noten Platz finden, sondern auch ein Tablet-PC, über das eine weitere Mitmusizierende zugeschaltet ist. „Das funktioniert ganz gut“, meint er. Verletzt fehlt derzeit noch ein weiteres Ensemblemitglied, doch die Besetzung reicht auf jeden Fall zum gemeinsamen Proben.

Hoffmann greift zu seiner Bratsche und das gemeinsame Musizieren beginnt. Mal streichen drei, mal sechs oder sieben Bögen über die Saiten, während sich das Ensemble zurück in das Stück tastet. Es ist das Adagio aus der Sonate Nr. 7 für Streicher von Johann Rosenmüller, einem Komponisten des Frühbarock, wie Hoffmann erklärt: „Das ist vom Rhythmus her etwas schwierig.“

Und so lässt er mal nur die Geigen, mal nur die Celli spielen, zu denen sich dann erst einmal nur die erste dazugesellt. Am Ende spielen dann alle zusammen und Hoffmann wechselt mal in die Geigen-, mal in die Bratschenstimme.

Über die Kinder zum Instrument

In der jetzigen Konstellation spielt das Ensemble seit sieben oder acht Jahren, so genau können sie es gar nicht sagen. Die Ursprünge reichen noch ein paar Jahre weiter zurück, als die Musikschule ein besonderes Kursmodell für Erwachsene anbot. „Wir wollten verschiedene Kurse nach dem Tanzschulmodell anbieten, also aufeinander aufbauende Kurse A, B, C und D mit jeweils zehn Unterrichtseinheiten“, erklärt Sebastian Hoffmann.

Doch dabei blieb es nicht, denn einigen Teilnehmern gefiel es so gut, dass sie danach weitermachen wollten. So trifft sich das Ensemble seitdem jede Woche Mittwoch, um gemeinsam zu musizieren. Die musikalischen Vorkenntnisse sind durchaus unterschiedlich.

„Einige haben als Kind schon gespielt, entweder dieses oder ein anderes Instrument, oder haben erst im hohen Alter damit angefangen“, erklärt die 55-jährige Regina Wildenburg. Sie selbst habe in der Grundschule lediglich ein halbes Jahr Blockflöte gespielt. Zum Cello-Spiel kam sie über ihre Tochter, die selbst Cello-Unterricht nahm. „Ich dachte, wenn sie so über dem Cello hängt, kriegt sie Haltungsschäden. Ich habe dann aber festgestellt, nein, man spielt das wirklich so.“ Vor elf Jahren belegte sie die Kurse. „Es hat mir Spaß gemacht und ich bin dabeigeblieben.“ Auch wenn sie zugeben muss, dass das Notenlesen im Bassschlüssel noch immer nicht ganz so leicht ist, hat das Musizieren für sie einen hohen Stellenwert. „Es ist ein toller Ausgleich zur Arbeit, man konzentriert sich dabei auf ganz andere Weise“, sagt Wildenburg.

Früher war es gar nicht denkbar, dass Erwachsene Musikunterricht nehmen.

Sebastian Hoffmann, stellv. Leiter der Musikschule Lennetal

„Man trainiert auch die Motorik und das Gehirn“, weiß Frank Urban um die positiven Nebeneffekte des Musizierens. Für den 67-Jährigen ist das Notenlesen auch noch ab und zu eine Herausforderung. „Ich schreibe mir die Finger, mit denen ich greifen muss, immer noch über die Noten, aber es geht besser langsam.“ Als Kind habe er mal Akkordeon gelernt. Das spiele er immer noch, aber eher nach Gehör.

Zum Cello kam Urban, der seit vorigem Jahr in Rente ist, ebenfalls über seine Tochter. Sie lernte erst Geige, spielte im Kinder- und im großen Orchester, und begann dann Cello zu lernen. „Als sie aus beruflichen Gründen weggezogen ist, stand das Cello aber noch bei uns zuhause rum. Sie hat mir dann gesagt: Probier es doch mal aus.“ Und das tat Urban, blieb nach den A-, B-, C- und D-Kursen am Ball, trotz kleinerer Phasen zwischendurch, in denen er schwächelte.

Im Erwachsenenalter noch ein Instrument zu erlernen, ist laut Sebastian Hoffmann eine relativ neue Entwicklung. „Früher war es gar nicht denkbar, dass Erwachsene Musikunterricht nehmen. Es gab immer Schüler, die hängengeblieben sind und noch in ihren Zwanzigern im Orchester mitspielen, aber die meisten haben am Ende der Schulzeit aufgehört“, berichtet der Instrumentalpädagoge. Aber das Interesse ist doch vorhanden. „Es ist mehr geworden und ein durchaus wachsender Bereich.“ Neben dem Streich-Ensemble gibt es an der Musikschule Lennetal beispielsweise auch ein Akkordeon- und ein Blockflöten-Ensemble. Zudem gibt es die Möglichkeit, Zehnerkarten zu kaufen, für zehn Unterrichtseinheiten à 30 Minuten.

Haben sich den lang gehegten Wunsch, Geige zu lernen, erfüllt: Christa Hoffmann (links), 83 Jahre, und die 90-jährige Julie Krach sind die ältesten Ensemble-Mitglieder.
Haben sich den lang gehegten Wunsch, Geige zu lernen, erfüllt: Christa Hoffmann (links), 83 Jahre, und die 90-jährige Julie Krach sind die ältesten Ensemble-Mitglieder. © Opfermann, Johannes

Ein klarer Nachteil, den die Erwachsenen gegenüber Kindern beim Erlernen eines Instruments haben, ist laut Hoffmann die fehlende Unbekümmertheit. „Kinder gehen unbefangener an die Sache heran“, sagt er. Wenn sie den Bogen falsch halten oder noch nicht so gut spielten, ließen sie sich davon nicht beeindrucken und seien immer noch davon überzeugt, schön zu spielen. „Wir Erwachsene sind da reflektierter, wir kontrollieren uns immer und bremsen uns dadurch ständig runter.“

Das kann Ingeborg Müller nur bestätigen: „Wir denken zu viel nach.“ Die 70-Jährige kann den Unterschied zwischen erwachsenen Schülern und Kindern selbst gut einschätzen. Schließlich war sie viele Jahre Klavierlehrerin an der Musikschule Lennetal – außer Klavier spielt sie noch Orgel – , aber mit dem Spiel im Streicher-Ensemble schließt sich für sie ein Kreis. „Jetzt am Ende bin ich wieder Schülerin“, freut sie sich. Am Cello – das Instrument, das auch ihr Sohn spielen gelernt hat – hatte sie sich bereits mit 44 Jahren versucht, aber nach zwei Jahren wieder aufgegeben. „2013 habe ich wieder bei Null angefangen“, sagt Müller. „Cello war immer mein Trauminstrument und diesen Traum habe ich mir erfüllt.“ Trotzdem ist die Handhabung eines Cellos auch für die erfahrene Musikerin etwas völlig anderes als Klavierspielen, denn Tasten zur Orientierung – oder Bünde wie bei einer Gitarre – gibt es auf dem Griffbrett nicht. „Ich muss die Töne suchen.“

Neben der Musik spielt auch der soziale Aspekt eine wichtige Rolle. „Es macht Spaß in der Gruppe zu spielen“, sagt Ingeborg Müller. In Corona-Zeiten fehlte das natürlich, die Treffen fanden teilweise gar nicht statt. Erst ab Juni war dies wieder möglich, sodass eigentlich erst nach den Sommerferien wieder richtig losgelegt werden konnte.

Mutter und Tochter im selben Ensemble

In der unterrichtsfreien Zeit – Kinder bekamen Online-Musikunterricht – sollten die Erwachsenen allerdings nicht zu kurz kommen. Hoffmann zeichnete Lernvideos auf und schickte sie dem Ensemble. „So konnte man wenigstens ein bisschen üben“, meint Regina Wildenburg.

„Aber das Zusammenspiel hat gefehlt. Wir sind uns ja auch schon lange freundschaftlich verbunden“, ergänzt Ulrike Krach, eine der Geigenspielerin im Ensemble. Die 54-Jährige kam ebenfalls mit Vorkenntnissen in die Gruppe. „Als Kind in der Grundschule habe ich gerne und ausgiebig Blockflöte gelernt und auch ein halbes Jahr Geige gespielt.“ Geige lernte dann auch ihre älteste Tochter. In die Erwachsenenkurse kam Krach, die sich auch in den Orchestern, wo ihre Kinder spielten, stark engagierte, allerdings eher durch Zufall: Ihre Mutter hatte sich ursprünglich dafür angemeldet und es sich dann wieder anders überlegt hatte. „Sie meinte: Geh du doch dahin. Und so bin ich dabei geblieben und nehme hier gern und regelmäßig teil.“

Doch auch ihre Mutter Julie Krach, mit 90 Jahren die älteste im Ensemble, fand noch zum Geigenspiel. „Jetzt wo ich die Gelegenheit habe, Geige zu spielen, ist das meine ganze Freude“, sagt sie. Unmusikalisch ist sie von Haus aus nicht. „Ich wollte schon als Kind gern Geige spielen, aber meine Eltern meinten, dafür sei ich zu unmusikalisch.“ Doch auf dem Klavier im Elternhaus lernte sie Klavierspielen, was mit dem Zweiten Weltkrieg – die Kinder mussten fort aus der Großstadt – aber ein abruptes Ende fand. Nach dem Krieg waren dann andere Dinge wichtiger. „Ich habe dann nichts mehr mit Musik zu tun gehabt“, erinnert sich Julie Krach. Erst als alle fünf Kinder erwachsen und aus dem Haus waren, bot sich wieder die Gelegenheit, ein Instrument zu lernen. Auch wenn die Musiklehrer ihr die Klarinette nahelegen wollten, erfüllte sie sich – auch dank Privatunterricht bei Sebastian Hoffmann – den Wunsch, Geige zu lernen.

Erst zu anderem Instrument geraten

Auch Christa Hoffmann, Mutter von Lehrer und Ensemble-Leiter Sebastian Hoffmann, wurde zunächst ein anderes Instrument nahegelegt. „Ich wollte immer Geige lernen, aber meine vier Kinder – die alle Musik studiert haben – meinten das sei zu schwer“, berichtet die 83-Jähre, die alles andere als unmusikalisch ist und immer in Chören gesungen hat. Die Geige ließ sie sich jedoch zunächst ausreden und lernte mit 40 Jahren Mandoline. Die Art von Musik, die darauf gespielt wurde, gefiel ihr allerdings nicht. Als sich dann die Gelegenheit bot, in den Erwachsenenkursen Geige zu lernen, ergriff sie diese. „Ich finde das sehr schön und es klappt ganz gut“, sagt sie. Besonders liebt sie auch den Ton der Geige, auf der sie spielt – sie stammt von der Geigenlehrerin ihres Sohnes.

Christa Hoffmann hat wie einige andere im Ensemble auch im Mehr-Generationen-Orchester der Musikschule – früher Kinderorchester – gespielt, dessen Titel durchaus passend ist. „Wir haben da schon mal Oma, Tochter, und Enkel in einem Orchester und Mutter-Kind-Tems gibt es einige“, erklärt Sebastian Hoffmann. Was auch für das Streicher-Ensemble selbst gilt. Wie das Orchester hat dieses auch gelegentlich Auftritte – zumindest in Vor-Corona-Zeiten –, vor allem steht aber der Spaß im Vordergrund.

Jetzt, wo ich die Gelegenheit habe, Geige zu spielen, ist das meine ganze Freude.

Julie Krach, mit 90 Jahren die Älteste im Streicher-Ensemble

Doch ohne Übung geht es nicht. „Man merkt, wenn man nicht übt, dass man nicht mithalten kann“, berichtet Regina Wildenburg. Dem kann Frank Urban nur beipflichten. Es kommt auch darauf an, das Instrument schnell griffbereit zu haben. „Ich habe es im Schlafzimmer stehen. Wenn ich immer alles umräumen und aufbauen müsste, macht man es doch nicht.“

Im Gegensatz zu Berufstätigen haben Rentner – obwohl häufig ebenfalls viel beschäftigt – mehr Zeit, sich der Musik zu widmen. „Es ist mein Vorteil, dass ich viel Zeit zum Üben habe“, sagt die 90-jährige Julie Krach, für die das Geigespielen ein Stück Lebensqualität bedeutet: „Es hat für mich viel Wert, mich damit beschäftigen zu können.“

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