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Missbrauch von Kindern: 56-Jähriger verurteilt, aber noch immer nicht in Haft

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Von: Georg Dickopf

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Vor dem Landgericht Münster wurde ein Attendorner wegen sexuellen Missbrauchs verurteilt. Bis September 2021 arbeitete er in Plettenberg.
Vor dem Landgericht Münster wurde ein Attendorner wegen sexuellen Missbrauchs verurteilt. Bis September 2021 arbeitete er in Plettenberg. © DPA

Auf den ersten Blick liest sich die Nachricht von einer Urteilsverkündung in Münster wie ein erfolgreicher Abschluss eines Missbrauchsprozesses.

Plettenberg/Attendorn/Münster - Doch schaut man genauer hin, bekommt man einen anderen Blick auf die Dinge, auf das Leid der Kinder, die Verbindung nach Plettenberg und Attendorn und viel verstrichene Zeit.

Die Ausgangsnachricht lautet wie folgt: Vor dem Landgericht Münster musste sich jetzt ein 56-jähriger, gebürtiger Attendorner verantworten. Die Staatsanwaltschaft hatte ihm insgesamt fünf Fälle schweren sexuellen Missbrauchs von Kindern vorgeworfen – für zwei Taten wurde er jetzt verurteilt. Wie die Heimatzeitung in diesen Tagen erfuhr, hatte der 56-Jährige seine Arbeitsstelle noch bis September letzten Jahres bei einem Unternehmen in Plettenberg.

Die 1. Große Strafkammer verurteilte den 56-Jährigen nach den Angaben von Pressesprecher Henning Barton in nicht-öffentlicher Verhandlung – zum Schutz der Opfer – zu vier Jahren und drei Monaten Gefängnis. Damit blieb das Landgericht sechs Monate unter der Forderung der Staatsanwaltschaft. Der Angeklagte hatte die Vorwürfe bestritten, sein Verteidiger dementsprechend Freispruch gefordert.

Das Gericht vertraute auf die Aussagen der Opfer sowie auf die Gutachten von Sachverständigen. Die Fälle sexuellen Missbrauchs, für die der Attendorner jetzt verurteilt wurde, fanden in Westerkappeln statt.

Fünf Fälle

Wie aus der Anklageschrift hervorgeht, hatte die Staatsanwaltschaft dem 56-Jährigen sexuellen Missbrauch von Kindern in fünf Fällen vorgeworfen. So soll er im Jahr 2015 in drei Fällen „sexuelle Handlungen an beziehungsweise vor dem Sohn und in einem Fall an der Tochter einer befreundeten Familie vorgenommen haben“, heißt es

Der 56-jährigen Attendorner soll vor und an den Kindern einer befreundeten Familie sexuelle Handlungen vorgenommen haben. 
Der 56-jährigen Attendorner soll vor und an den Kindern einer befreundeten Familie sexuelle Handlungen vorgenommen haben.  © Patrick Pleul

.„Des Weiteren wird ihm vorgeworfen, im Jahr 2019 sexuelle Handlungen an einem Mädchen vorgenommen zu haben.“ Die Kinder in den ersten drei Fällen hatten sich ihren Eltern anvertraut, die im März 2016 Anzeige erstatteten. So kam das Verfahren gegen den 56-Jährigen ins Rollen.

Bevor es im November 2017, also rund anderthalb Jahre, nachdem der Mann aktenkundig wurde, zur Anklageerhebung am Schöffengericht Ibbenbüren kam, wurden im Zuge des Ermittlungsverfahrens zunächst Gutachter beauftragt. „Es ging dabei auch um die Glaubhaftigkeit der Aussagen der Kinder“, betonte Pressesprecher Barton. Dabei ging es um die Frage, „ob die Aussagen erlebnisbasiert“ gewesen seien.

Weiter auf freiem Fuß

Zu einer Verurteilung des Attendorners kam es in Ibbenbüren aber nicht, denn nach Informationen unserer Zeitung verwies der Vorsitzende Richter den Fall an das Landgericht Münster, da ein Amtsgericht maximal vier Jahre Haft verhängen darf und die Strafe möglicherweise höher ausfallen könnte.

Der mutmaßliche Sexualstraftäter blieb somit weiter auf freiem Fuß und soll sich im Sommer 2019 an seiner sechsjährigen Enkeltochter vergangen haben. Das Verfahren wurde jedoch eingestellt.

Das Hauptverfahren am Landgericht Münster verzögerte sich nach den Angaben des Pressesprechers gleich mehrfach. Zum einen, weil die in Untersuchungshaft sitzenden Angeklagten im großen Missbrauchskandal von Münster und Lügde Vorrang bei der Terminierung hatten und zum anderen ein Richter erkrankte und zudem der Angeklagte längere Zeit verhandlungsunfähig war.

Das hinderte ihn allerdings nicht daran, sich im Frühjahr 2021 bei einem Arbeitgeber in Plettenberg weiterbilden zu lassen. Dazu legte er auch ein Führungszeugnis vor, das nach Auskunft der Geschäftsführerin „absolut sauber“ war.

Arbeit in Plettenberg

Wie der Münsteraner Pressesprecher erklärte, werde in einem Führungszeugnis nur dann etwas vermerkt, wenn ein rechtskräftiges Urteil vorliege. Und das gibt es bis heute nicht, doch dazu später.

Die Geschäftsführerin aus Plettenberg, die den Attendorner einstellte, fiel aus allen Wolken, als sie von den Vorwürfen hörte. „Wir bekamen erst ein halbes Jahr später einen Hinweis und konfrontierten den Mitarbeiter unter Zeugen damit. Er hat dann eingeräumt, dass gegen ihn ein Verfahren wegen sexuellen Missbrauchs laufe.“

Fristlos kündigen konnte das Unternehmen dem Attendorner dennoch nicht, denn eine Verurteilung gab es auch fast sechs Jahre nach der ersten Anzeige nicht. „Wir haben uns dann im beiderseitigen Einvernehmen auf eine Vertragsauflösung einigen können“, ist die Plettenbergerin froh, dass das Arbeitsverhältnis mit dem Mitarbeiter beendet werden konnte.

Vom 18. November 2021 an wurde dann an sechs Verhandlungstagen in Münster meist unter Ausschluss der Öffentlichkeit verhandelt. Die Kinder und einstigen Opfer, die 2015 mutmaßlich sexuell missbraucht wurden, mussten sich fast sieben Jahre nach den Taten als Heranwachsende erneut mit den Vorfällen beschäftigen.

Revision eingelegt

Nachdem das Gericht zwei Tatvorwürfe als erwiesen ansah, verurteilte es den bis vor wenigen Monaten in Plettenberg beschäftigten Mann vier Tage vor Weihnachten zu einer Haftstrafe von vier Jahren und drei Monaten.

Auf die Frage der Heimatzeitung, in welcher Justizvollzugsanstalt der Attendorner nun einsitzt, sagte Gerichtssprecher Henning Barton etwas Verblüffendes: „Der Angeklagte hat nach der Urteilsverkündung Revision eingelegt. Nun prüft der Bundesgerichtshof das Urteil und schaut, ob Rechtsfehler unterlaufen sind.“ Erst wenn diese Prüfung erfolgt und das Urteil damit rechtskräftig sei, folge die Inhaftierung. Bis dahin bleibe der 56-Jährige weiter auf freiem Fuß.

Auf die Frage, wann mit einer Entscheidung des Bundesgerichtshofes zu rechnen sei, hatte Barton, selbst Richter am Landgericht Münster, wenig Erfreuliches zu berichten: „Innerhalb des nächsten halben Jahres wird da nichts passieren.“

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