Sparplan in großer Plettenberger Schmiede

Frauenthal-Mitarbeiter akzeptieren massive finanzielle Einschnitte - retten damit aber ihren Job

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Zufrieden mit dem Abstimmungsergebnis: Gudrun Gerhardt von der IG Metall.

Plettenberg – „Keiner ist begeistert, aber die Arbeitsplatzgarantie ist wichtiger. Wir sind sehr froh, dass wir eine Lösung erzielt haben, die nicht zu Kündigungen führt“, sagte Gudrun Gerhardt, Erste Bevollmächtigte der IG Metall im Märkischen Kreis, nachdem sie das Ergebnis der Abstimmung unter den gewerkschaftlich organisierten Mitarbeitern von Frauenthal Powertrain in Plettenberg-Kückelheim verkündet hatte.

Exakt 77,7 Prozent der befragten Mitarbeiter stimmten der von der IG Metall mit dem Arbeitgeber in Verhandlungen erreichten Vereinbarung zu. Angesichts des traditionell hohen Organisationsgrads der Metaller bei Frauenthal sei eine Zustimmung „von über drei Viertel der Arbeitnehmer ein eindeutiges Ergebnis“, so Gerhardt weiter.

Schutz bis 2022

Durch die Einigung sind alle Beschäftigten, die unter den Manteltarifvertrag fallen, seit gestern und bis einschließlich 31. Dezember 2022 vor betriebsbedingten Kündigungen geschützt. Mitglieder der IG Metall genießen sogar einen längeren Kündigungsschutz bis einschließlich 30. Juni 2023.

Dafür mussten die Arbeitnehmer allerdings einige schmerzhafte Einschnitte hinnehmen, die unter der Belegschaft nicht auf einhellige Zustimmung stießen. So verlangten die Geschäftsführer von Frauenthal Powertrain, Amit Bedi und Berthold Repgen, zur Bewältigung der Coronakrise, die seit März zu erheblichen Umsatz- und Ergebnisverlusten geführt habe, diverse Sparmaßnahmen, um die Zukunftsfähigkeit des Standorts Plettenberg zu sichern.

Schlechte Abrufzahlen

„Die Automobilindustrie ist komplett zum Erliegen gekommen. Die Abrufzahlen bewegen sich auf einem absolut niedrigen Niveau“, heißt es in der Information der Geschäftsführung an die Mitarbeiter des Plettenberger Werkes vom 20. Mai. Die Kurzarbeit sei zwar ein wesentliches Element, um Kosten zu reduzieren, reiche aber nicht aus, um die derzeitigen Rückgänge zu kompensieren. Aus diesem Grund nahm die Frauenthal-Geschäftsführung über den Arbeitgeberverband und unter Einbeziehung des Betriebsrats Kontakt zur IG Metall auf, um in Verhandlungen über einen Firmentarifvertrag zu treten.

In einem Corona-bedingt kleinen Kreis wurde im Juni in „nicht einfachen Gesprächen“, so Gerhardt, ein Diskussionsvorschlag erarbeitet, der nach der Mitgliederversammlung bei Frauenthal am 24. Juni auch zur Abstimmung kam. Die Kernpunkte: Bis zum 31. Dezember 2022 fallen für die Frauenthal-Mitarbeiter Einmalzahlungen aus Tariferhöhungen weg, werden Tariferhöhungen um jeweils 12 Monate verschoben. Das Urlaubsgeld, das in diesem Jahr noch voll ausgezahlt wurde, entfällt 2021 komplett und wird 2022 als Pauschale in Höhe von 500 Euro, „egal welche Entgeltgruppe“ (Gerhardt) gezahlt.

Ähnlich verfährt man beim Weihnachtsgeld: Hier soll es 2020, 2021 und 2022 jeweils pauschal 500 Euro für alle geben. Die Spätschichtzulage wird in 2021 halbiert, in 2022 soll sie wieder voll gezahlt werden. Das tarifliche Zusatzgeld – für die Entgeltgruppe 8 wären dies jährlich einmalig 354 Euro – entfällt bis zum 31. Dezember 2022. Dafür werden die acht Freistellungstage, die ein Arbeitnehmer für Kinderbetreuung oder Pflege in Anspruch nehmen kann, fortgeschrieben.

Verzicht auf Dividende

Der Arbeitgeber verpflichtet sich in der Vereinbarung unter anderem, alle Azubis nach Abschluss ihrer Ausbildung für mindestens zwölf Monate zu übernehmen. Mit den außertariflich Beschäftigten soll eine wertgleiche Regelung getroffen werden, die der IG Metall nachzuweisen ist. Vereinzelt noch bestehende 40-Stunden-Verträge werden in 35-Stunden-Verträge umgewandelt. Außerdem verbleiben die Frauenthal-Mitarbeiter in der Tarifbindung und es wurde eine Regelung vereinbart, sollte es zum Verkauf des Standorts Plettenberg kommen.

Wichtig für Gudrun Gerhardt auch: „Uns liegt die Bestätigung des Dividendenverzichts durch den Frauenthal-Aufsichtsrat vor.“ Aus der Belegschaft war nämlich der Vorwurf laut geworden, dass sich die „Oberen“ an Corona gesund stießen und die Taschen voll machten, während der „kleiner Arbeiter“ erhebliche finanzielle Einschnitte zu verkraften habe, die – so hatte ein Mitarbeiter errechnet – für die nächsten zweienhalb Jahre zwischen 14 000 und 17 000 Euro lägen.

„Für die Schmieden insgesamt ist es schwierig und Corona hat die Lage nicht besser gemacht“, sagte die IG-Metall-Bevollmächtigte. Gudrun Gerhardt erwartet bereits nach den Sommerferien weitere, auch kompliziertere „Fälle“ im heimischen Raum, denn: „Leider sind wir nicht überall so gut organisiert wie bei Frauenthal.“

Das Problem, das sie gerade bei den in der Vergangenheit florierenden Automobilzulieferern in der heimischen Region sieht: „Viele Arbeitnehmer haben mit Überstunden und Zuschlägen gerechnet. Aber man sollte seinen Lebensstandard danach ausrichten, was im Normalfall gezahlt wird“, lautet ihr Ratschlag.

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