Angst vor den Tieren ist gewachsen

Sorge um Tradition: Martinszüge bald ohne Pferde?

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Plettenberg – Keine vier Wochen mehr, dann ziehen die Kinder und Erwachsenen wieder mit ihren bunten Laternen durch die Straßen. Bei Einbruch der Dunkelheit versammelt man sich, um dann – begleitet von einer Musikkapelle – Sankt Martin auf seinem Ross zu folgen.

In vielen Städten und Gemeinden gab es auch schon in den vergangenen Jahren immer wieder Diskussionen darüber, ob man aus Sicherheitsgründen lieber auf die Teilnahme eines Pferdes verzichten wolle und den Umzug komplett ohne Tier durchführt. Auch in Plettenberg kommt es immer wieder zu Diskussionen über dieses Thema. Sabine Klinger, Inhaberin der Freizeitreitschule Klinger, ist schon seit Jahrzehnten mit ihren Pferden bei sämtlichen Umzügen im Stadtgebiet mit von der Partie und fürchtet, dass die Tradition langsam auszusterben droht. Klinger und ihre Pferde nehmen zwar auch in diesem Jahr wieder an fünf Umzügen im Stadtgebiet teil, dennoch gab es auch Absagen. „In den vergangenen Jahren ist die Angst vor den Tieren unheimlich gewachsen. Wenn das Pferd dann mal auf der Stelle tippelt, denken viele, es sei gefährlich oder wild“, erklärt die Reitlehrerin. Dabei sei dieses Verhalten von Pferden normal. „Pferde haben einen Bewegungsdrang und wollen möglichst laufen. Auf der Stelle stehen ist für die meisten der Tiere unbequem und deshalb wollen sie los. Das heißt nicht, dass sie durchgehen oder wild sind“, so Klinger. Gerade bei Umzügen käme es aber häufig zu der Situation, dass noch Text vorgelesen würde, bevor sich der Tross in Bewegung setze.

Vielen Kindern und Eltern fehle es an Grundwissen über das Verhalten eines Pferdes. Es sei normal, dass sich dann hier und da Angst breitmache unter den Teilnehmern, vor allem bei den Kindern. „Ich finde es schade, wenn die Tradition irgendwann sterben sollte und das Pferd aus den Umzügen verschwindet. Wenn allerdings die Angst immer größer wird, müssen wir mit unseren Pferden weichen“, erklärt Klinger, die durchaus Verständnis dafür hat, dass einige Institutionen das Pferd aus Sicherheitsgründen nicht dabei haben möchten. Sabine Klinger nimmt seit Jahrzehnten an Umzügen mit ihren Vierbeinern teil. Dass es zu Unfällen gekommen ist, sei noch nie vorgekommen. Im Gegenteil: „Die Kinder waren eigentlich immer begeistert, wenn echte Pferde dabei waren“, erklärt Klinger.

twas passiert“ Diese Erfahrung machte auch der heimische Tierarzt, Dr. Martin Zöllner. „Die Umzüge gibt es schon seit vielen, vielen Jahren und es ist – soweit ich mich erinnern kann – nie etwas passiert.“ Das liege vor allem daran, dass die Pferde, die für solche Umzüge gewählt würden, generell ruhigen Temperamentes und an Menschenmassen gewöhnt sind. „Natürlich kann immer etwas passieren, aber meistens nur dadurch, dass die Menschen unvernünftig sind“, zieht er eine Parallele zu den Vorkommnissen beim Kölner Karnevalsumzug, als Pferde scheuten. Die Martinszüge seien aber durchaus nicht mit dem Kölner Karneval zu vergleichen: „Die Menschen bei einem Martinsumzug sind in der Regel nicht alkoholisiert und auch der Lärmpegel ist ein ganz anderer“, so Dr. Zöllner. Natürlich müsse man aber auch immer Sicherheitsvorkehrungen als Reiter und Pferde-Führperson treffen. Sabine Klinger: „Wir sind uns dessen bewusst, dass immer etwas passieren kann. Das schließen wir nie aus. Es sind nun einmal Lebewesen und Pferde greifen auf ihren Fluchtinstinkt bei drohender Gefahr zurück.“ Deshalb sei es wichtig, mit den Vierbeinern nicht zu nah ans Feuer zu reiten und immer genug Sicherheitsabstand zu den Passanten zu halten. „Nicht jedes Pferd kann eine Musikkapelle vertragen und lautes Kindergeschrei – das ist auch klar“, erläutert Klinger, dass nicht jedes Pferd für einen Festzug geeignet sei.

Um Kindern das Verhalten nahezubringen und ihnen zu erklären, warum sich ein Pferd in bestimmten Situationen anders verhält, als ein Mensch, wünsche sich Klinger mehr Aufklärung von Seiten der Eltern: „Kinder, die von Haus aus keine Möglichkeit zum Kontakt mit Tieren haben, können immer gerne bei uns auf dem Hof vorbeikommen, um einfach nur zu gucken und das Verhalten der Tiere auf der Weide oder beim Putzen zu beobachten – bei uns sind immer alle herzlich willkommen“, freut sich Sabine Klinger über viele Besucher. Seit einigen Jahren gibt es auch eine Zusammenarbeit mit heimischen Schulen. In bestimmten AGs nehmen Schüler regelmäßig Reitstunden und lernen Umgang und Verantwortung mit dem und für das Tier. Aber nicht nur aus Angst wünschen sich einige Bürger, dass Pferde nicht den Weg in die Innenstädte suchen. Auch Tierschützer werden seit einigen Jahren lauter. Sabine Klinger erinnert sich an den Weihnachtsmarkt in Finnentrop: „Dort haben wir all die Jahre Ponyreiten angeboten. Nicht, wie auf der Kirmes, wo die Pferde im kleinen Radius im Kreis laufen müssen“, erklärt Sabine Klinger dazu.

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