Engelhaft-ätherisch und watteweich: Konzert des Madrigalchors in der Böddinghauser Aula ausverkauft

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Der Madrigalchor bot ein äußerst attraktives Konzert in der Aula des Albert-Schweitzer-Gymnasiums.

Selbst die Notsitzplätze waren verkauft und weitere Kartenwünsche abschlägig beschieden worden. Der Madrigalchor Plettenberg hatte zu seinem jährlichen Adventskonzert eingeladen. Im gemischten, klassischen Programm war für jeden etwas dabei. Chorleiterin Astrid Höller-Hewitt FDC muss Himalaya-hohe Berge an Noten gesichtet haben für diese bunte Auswahl in geistlichen Themen, „Aus der Welt der Oper“ und „Festliche Klänge der Weihnachtszeit“.

Inzwischen hat der Chor schon einiges im Repertoire, wie das „Abendlied“ von Josef Rheinberger, „O, bleib bei uns, denn es will Abend werden“, tief berührend und unübertroffen in seiner Getragenheit und gleichzeitigem Reichtum der Melodiebögen mit der sich wiederholenden Bitte.

Beim Agnus Dei von George Bizet trat Franziska Förster mit ihrer schlanken, schönen Stimme zu den Chorherren – ein schwieriges Stück für Laien. Der Vortrag der Sopranistin war damenhaft grazil, zart und zurückgenommen und blieb auch so bei den weiteren Kompositionen wie „Summertime“ und „Schwanensang“. Engelhaft-ätherisch, in strenger Terzenseeligkeit und durchsichtig, gestalteten die Chordamen „Da Pacem Domine“ von Charles Gounod mit einem beeindruckend, fast gehauchtem Schluss.

Und nun kam die Überraschung des Abends und für uns Plettenberger – Timon Führ, ein junger Bariton aus dem Süden, war schon in der Generalprobe aufgefallen mit seinen wie selbstverständlichen Seitpferdsprüngen auf und von der Bühnenrampe. Selbstbewusst trat er aus den schwarzen Bühnenvorhängen, schritt bis zur Mitte der Spielfläche, tat wie unabsichtlich ausführende Schritte in alle Richtungen – Bühnenatmosphäre erprobend – verbeugte sich und begann die Arie des Elias aus dem gleichnamigen Oratorium von Felix Mendelssohn-Bartholdi.

„Es ist genug – ich bin nicht besser als meine Väter…“ – Mit nicht nachlassender, sich steigender Dramatik interpretierte er glaubwürdig, den verzweifelten Propheten darstellend, der die von Gott gestellte Aufgabe nicht mehr tragen will und kann. Aus Führ sprach das gesamte angeeignete Hintergrundwissen zu dieser Rolle – wie Führ auch bei allen anderen Ausführungen bewies: Der geborene Sänger par excellence – ein Genuss, der sich auch seismographisch in den Vortrag des Mitsängers minutiös ein- und anpasst mit der Bandbreite vom rustikalen Humperdinck bis zum ätherischen „Schlafenden Jesuskind“ von Hugo Wolf.

Das „Laudate Dominum“ von W. A. Mozart gelang berückend durch das wundervolle Pianospiel von Boris Gurevich. Schon im „November“ von Peter Tschaikowski bewies der gefragte Pianist ureigenste Interpretation, jeden Ton auskostend, besinnlich-elegisch, die letzten beiden Töne, noch leiser werdend, gehaucht! Seine Virtuosität und dahinperlende Spielfreude zeigte sich im „Dezember“. Bei einer Sopranarie von G. F. Händel war ihm vollkommene Einfühlung oberstes Gebot.

Weitere Höhepunkte brachte der junge, hier schon bekannte Trompeter Marc Hewitt, jeden Ton überlegt und dann noch viele Takte lang mit „Flatterzunge“ in „Maid oft the Mist“ von H. L. Clarke – das Schwierige leicht nehmend – ebenso in „Summertime“ von G. Gershwin mit Dämpfer und kratzigem Klang wie ein Alter – Till Brönner-verdächtig.

„Ausverkauft!“, hieß es zum Konzert des Madrigalchors am Mittwochabend in der Böddinghauser Aula.


Der hiermit gegründete „Plettenberger HerrenstadtOpernchor“ – fast alle Sänger haben bei der Bundeswehr gedient – bewiesen vergnüglich schneidig: gelernt ist gelernt, den Marschtritt in Gounods „Soldatenchor“, für Laien eigentlich zu schwer – nicht der Marschtritt.

Das „Halleluja“ von G. F. Händel aus dem Repertoire führte den weihnachtlichen Teil an: Phantastisch, wie alle Männer fast unhörbar im „Cantique de Jean Racine“ von G. Faure einsetzten. Die Chordamen und Franziska Förster standen dem in nichts nach und ließen „das Prinzchen“ mit berückender Oberstimme und im Diskant – unvergesslich – von W. A. Mozart zart einschlafen, Gurevich trug empfindsame Trillerchen dazu.

Von gleichem watteweichem Genre verzauberte der Chorsatz von H. G. Höller „Leise rieselt der Schnee“, der auch für die Einrichtung von „Transeamus“ verantwortlich zeichnete, in der Ausführung jede Note sauber und unumstößlich. Wie die Chorleiterin stets den Chor in ihren Händen und im Blick hatte und ebenso die Sänger ihre Einstudierungen beachteten und ausführten.

„O heil´ge Nacht“ durfte nicht fehlen – tosender Applaus, Umarmungen und Zugaben: „Jerusalem“ mit Trompete, auch im Diskant und eigener Stimme, die „Christrose“ und das gemeinsame „O, du Fröhliche“ – und Blumen für die Solisten und noch mehr Umarmungen.

Ursula Neukirch

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