Der Eiringhauser Kirchenkampf 1938: Prügel für Pfarrer Priesack

Machten die ‘Deutschen Christen’ selbst vor der Altarbibel nicht Halt?

Plettenberg - Sie propagierten die „Entjudung“ des Christentums und einen „arischen Jesus“: Die ‘Deutschen Christen’ gingen auch in Eiringhausen vehement gegen Gegner ihrer rassistischen Glaubenslehre vor. 

1938 prügelten sie Pfarrer Theodor Priesack aus der Johanniskirche – zerstörten sie dabei auch die alte Altarbibel?

Diese Vermutung äußert zumindest Michael Wach, Kirchmeister der Evangelischen Kirchengemeinde Eiringhausen. Dieser befindet sich derzeit auf der Suche nach der Anfang des 20. Jahrhunderts von Kaiserin Auguste Victoria gestifteten Altarbibel, die in gleicher Ausführung noch heute beispielsweise in Ohle und Attendorn ausgestellt wird. 

Die Suche nach der verschollenen Bibel schlägt eines der dunkelsten Kapitel des Protestantismus in Plettenberg auf. Immer wieder hatten die 1932 gegründeten ‘Deutschen Christen’ versucht, die Eiringhauser Johanniskirche überlassen zu bekommen – vergebens. Ein gemeinsamer Gottesdienst mit anderen Protestanten war nicht mehr möglich, zu sehr unterschied sich die Glaubenslehre der ‘Deutschen Christen’ vom Protestantismus der Zeit vor 1933. 

‘Deutsche Christen’ zerschlagen Kruzifix 

Theodor Priesack, Pfarrer der Johanniskirche, hatte sich über Jahre den ‘Deutschen Christen’ widersetzt. Er galt als Gegner des Nationalsozialismus. Am 6. März 1938 drangen Vertreter der ‘Deutschen Christen’ in die Kirche ein und läuteten die Glocken. Pfarrer Priesack eilte sofort zum Gotteshaus. Die aufgebrachten ‘Deutschen Christen’ prügelten ihn jedoch aus der Kirche, wie sich zahlreiche Zeitzeugen erinnern können. 

„Sie sollen sogar das Kruzifix zerschlagen haben“, berichtet Wach von einem Gespräch mit einer Augenzeugin. Womöglich ist in diesem Zuge auch die Altarbibel zerstört oder aber gestohlen worden. Denn die ‘Deutschen Christen’ lehnten die Bibel in ihrer damaligen und jetzigen Form ab: Sie sprachen sich für eine „Entjudung“ des christlichen Glaubens aus. 

Das Alte Testament sollte aus der Bibel verbannt werden, das Neue Testament zugunsten eines „arischen Jesus“ umgedeutet werden. Die ‘Deutschen Christen’, die eine überaus rassistische und am Führerprinzip orientierte Strömung des deutschen Protestantismus waren, forderten gar die Übernahme des ‘Arierparagraphen’ in die Kirchenverfassung.

Damit sollten auch sogenannte ‘Judenchristen’, also konvertierte Juden, aus der kirchlichen Gemeinschaft verbannt werden. Dies führte zum Streit mit anderen Protestanten, die daraufhin die ‘Bekennende Kirche’ gegründet hatten. Vor diesem Hintergrund scheint es wahrscheinlich, dass an diesem Tag im März die Altarbibel der Johanniskirche gestohlen oder sogar zerstört wurde. 

Beispiele dafür gibt es viele: So ist aus dem oberfränkischen Meeder das Zerfetzen der Altarbibel durch ‘Deutsche Christen’ überliefert. Pfarrer Priesack hatte nach dem Vorfall Anzeige wegen Hausfriedensbruch, Körperverletzung und Diebstahl gestellt. Ob sich die Diebstahlsanzeige nur auf den „verloren gegangenen Schlüssel zur Kirche“ bezog, oder aber auch die Altarbibel mit einschloss, ist heute nicht mehr bekannt. 

Pfr. Priesack ab 1944 in Rumänien verschollen 

In einem Leserbrief nur eine Woche nach den Ereignissen erklärten die Plettenberger Mitglieder der ‘Deutschen Christen’, warum sie den Kirchenmann aus dem Gotteshaus geprügelt hatten: „Die Erregung unserer Gemeinde erreichte ihren Höhepunkt, als ein sogenannter Bekenntnispfarrer namens Priesack am Sonnabend die Totenglocke läuten ließ. 

Von der Kanzel herab verkündete er dann, dass dies alles geschehe, weil man einen Pfarrer Niemöller angeblich – man lese und staune – wegen seines Glaubens zu einer siebenmonatigen Festungshaft verurteilt hatte.“ Niemöller war als führender Vertreter der ‘Bekennenden Kirche’ 1937 in das KZ Sachsenhausen deportiert worden. Später kam Niemöller ins KZ Dachau, wo er den Krieg überlebte. 

Pfarrer Theodor Priesack, ebenfalls Anhänger der ‘Bekennenden Kirche’, hatte mit seinem Widerstand gegen die ‘Deutschen Christen’ in Eiringhausen zwar Erfolg, doch wurde seine Haltung ihm doch noch zum Verhängnis: 1941 wurde er zur Wehmacht eingezogen, ab 1944 galt er als in Rumänien verschollen. Michael Wach ist noch heute erschüttert von dieser Geschichte, die sicherlich kein Ruhmesblatt für den deutschen Protestantismus darstellt. 

Er hofft aber, dass die alte Eiringhauser Altarbibel vielleicht doch noch bis heute erhalten geblieben ist – vielleicht fristet sie auf irgendeinem Dachboden unerkannt ihr Dasein. Leser, die mehr zum Verbleib der Altarbibel sagen können, werden gebeten, sich bei Michael Wach unter der Telefonnummer (0 23 91) 530 48 zu melden.

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