Automatisierung und Arbeitsplätze

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Roboter und Maschinen sind wohl die Zukunft im verarbeitenden Gewerbe: Bei Linamar Seissenschmidt Forging sollen aufgrund der Automatisierung allerdings keine Arbeitsplätze wegfallen.

Besonders die Zulieferer der Automobilindustrie sehen sich derzeit vor große Herausforderungen gestellt – das gilt auch für die heimische Firma Linamar Seissenschmidt. Der Druck aus Fernost, der Ausbau der E-Mobilität und nicht zuletzt die Automatisierung vieler Produktionsbereiche würden künftig tiefgreifende Veränderungen fordern – allerdings nicht auf Kosten der Mitarbeiter, so heißt es. Doch die werden am Ende wohl doch den Wandel maßgeblich schultern müssen.

„Die Automatisierung ist die Zukunft“, sagte Torsten Neuhaus, verantwortlich für die gewerblich-technische Ausbildung bei Seissenschmidt. Roboter würden in Zukunft in immer mehr Bereichen eingesetzt werden müssen. Besonders die Konkurrenz aus Fernost zwinge dazu, dass auch am Plettenberger Standort günstiger produziert werden muss, wolle man wettbewerbsfähig bleiben.

„Denn in Betrieben in Asien gibt es keinen teuren Arbeitsschutz, die Gehälter sind vergleichsweise sehr niedrig“, erklärte Neuhaus am Montagabend der heimischen SPD-Fraktion. Diese hatte gemeinsam mit der sozialdemokratischen Landtagsabgeordneten Inge Blask den „mittlerweile größten Arbeitgeber Plettenbergs“, wie SPD-Fraktionschef Wolfgang Schrader sagte, einen Besuch abgestattet.

„Niemand wird aber bei uns wegen der Automatisierung seinen Arbeitsplatz verlieren. Das ist die oberste Prämisse unserer Geschäftsleitung“, erklärte Neuhaus. Neben der Automatisierung müsse auch über längere Maschinenlaufzeiten und neue Schichtmodelle nachgedacht werden.

Das Wort „Conti-Schicht“ fiel in diesem Zusammenhang aus Reihen der SPD. Neuhaus wollte auf diesen Begriff nicht näher eingehen, ließ aber durchblicken, dass die Arbeitnehmer natürlich Veränderungen spüren werden. „Bei uns wird das aber alles mit der Belegschaft abgesprochen“, erklärte Neuhaus.

Doch wie realistisch ist es, die Produktion immer weiter zu automatisieren, gleichzeitig aber möglichst alle Arbeitsplätze erhalten zu wollen? Eine aktuelle Studie der Beratungsfirma Oliver Wyman schließt eine solche Kombination aus.

Demnach könnte die Digitalisierung rund ein Drittel aller Arbeitsplätze in der Automobilindustrie in den kommenden zehn Jahren vernichten. Bis 2025 müssten sich rund ein Viertel der Belegschaften neues Wissen aneignen. Dabei entscheide der Erfolg des Unternehmens, so die Studie, wie viele Arbeitsplätze tatsächlich verloren gehen werden.

Auch die E-Mobilität wird die Automobilzulieferer vor große Herausforderungen stellen. Doch Neuhaus glaubt nicht, dass die hohen Ziele der Politik auch eingehalten werden können. „E-Autos, wie unsere Politiker sie sich vorstellen, wird es nicht geben“, prophezeite Neuhaus. Selbst im Jahr 2040 würden nicht E-Autos die Straßen beherrschen. „Ich denke eher, die Kombination aus Elektroantrieb und dem Antrieb aus fossilen Brennstoffen wird dann die Regel sein“, sagte Neuhaus. Denn noch immer seien E-Fahrzeuge sehr teuer in der Anschaffung und auch die Reichweite sei noch zu stark beschränkt.

„Und für bessere Akkus brauchen wir seltene Erden, die hauptsächlich in China vorkommen“, erklärte Neuhaus. Er könne sich nicht vorstellen, dass sich westliche Regierungen von China abhängig machen wollen. Doch Seissenschmidt sei vorbereitet: Schon jetzt würde das heimische Unternehmen drei Teile für Antriebe von Elektromotoren herstellen.

Die IG Metall sieht den Wandel, der durch die E-Mobilität entsteht, jedoch wesentlich kritischer. Im nächsten Jahrzehnt sei in der Automobilbranche jeder zehnte Job wegen des Umstiegs auf Elektroantrieb gefährdet.

Um dem Preisdruck aus Fernost begegnen zu können, hat Seissenschmidt seine konventionelle Schmiede nach Ungarn verlegt. Dabei würden Kunden verlangen, dass die Produktion auch nach Asien verlagert wird, um bessere Preise zu erhalten. „Selbst wenn man nicht will – es wird Druck ausgeübt, in Fernost produzieren zu lassen“, erklärte Neuhaus. Dabei würden Produkte – beispielsweise aus China – teilweise nicht mit den Qualitätsstandards in Europa mithalten können. „Es fehlt dann eben das ‘Made in Germany’“, sagte Neuhaus.

Eine weitere Herausforderung stelle der Facharbeiter-Mangel dar. Den spüre auch Seissenschmidt deutlich. „Sie finden beispielsweise im gesamten Kreis keinen Werkzeugmechaniker mehr auf dem Markt“, sagte der Seissenschmidt-Ausbildungschef. Das Problem: „Alle Plettenberger Firmen buhlen um die selben Abschlussschüler.“ Und für die heimische Industrie gebe es zu wenige junge Plettenberger, die sich für eine industrielle Ausbildung entscheiden würden. Dennoch würde Seissenschmidt im kommenden Ausbildungsjahr rund 65 Azubis betreuen.

Die Zukunft dürfte also auch für Seissenschmidt große Umwälzungen mit sich bringen. Neuhaus ist daher dankbar, dass das Plettenberger Traditionsunternehmen von der kanadischen Firma Linamar übernommen wurde. „Die Kanadier denken europäischer als die US-Amerikaner“, sagte der Seissenschmidt-Mitarbeiter , der damit die Antwort auf Schraders Frage gab, ob bei Seissenschmidt eine ähnliche Situation wie bei Dura eintreten könnte. „Wir haben schon früher nach einem zweiten Standbein fernab der Autoindustrie gesucht“, erklärte Neuhaus. Dank Linamar gehöre man nun zu einem breit aufgestellten Unternehmen, das auch Hebebühnen herstellt. „Wir produzieren aber immer noch zu 95 Prozent für die Autoindustrie und zu fünf Prozent für den Maschinenbau.“

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