Letztes Hannes Wader-Konzert in Attendorn

Ein Mann mit Haltung und Gitarre. Mehr braucht es wirklich nicht.

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Hannes Wader, politischer Barde und mahnender Geist, trat in Attendorn puristisch auf: Die Botschaft zählt, nicht die Attitüde und schon gar nicht schminkende Optik.

Plettenberg - Hannes Wader ist ein Urgestein des politischen  Liedes, ein Mann des Klassenkampfes, der demokratischen Wachsamkeit. Auf seiner Abschiedstournee begegneten wir ihm in Attendorn. Warum er uns fehlen wird, steht hier:

Das sind die wahren Gegensätze der Jetztzeit. Tritt Schlagergöttin Helene Fischer in diesen Tagen vor ausverkauften Hallen auf, dann kommt sie als singender akrobatischer Superstar mit einer Armee an Hupfdohlen, einem technischem Management wie einer Hundertschaft, einer Apparatur wie für einen Feldzug der Unterhaltungskunst auf. Ein Lichtspektakel allergrößten Ausmaßes wird abgefeuert – zisch, whoom, bäng. Das muss heute so sein. Wie viel anders ist es hingegen, wenn der große ältere Herr des politischen und klassenkämpferischen Liedes, Hannes Wader, auftritt.

 Da kommt ein Mann, der zwei Gitarren, seine Stimme, seine Haltung, seinen Instrumenten-Roadie und einen Tontechniker und Plattenverkäufer neben sich hat. Mit sich, seinen Instrumenten, seiner Stimme und seiner Haltung füllt er zweieinhalb Stunden die Bühne und die Halle – soeben erlebt in Attendorn. Ausweislich der Autokennzeichen kam das Publikum aus halb Deutschland; das Gastspiel in der Hansestadt war ausverkauft. Hannes Wader befindet sich, nachdem er 50 Jahre „heute hier, morgen dort“ durch die Welt gefahren ist, auf seiner Abschiedstournee.

Viele Plettenberger nutzen die letzte Chance

 Noch in diesem Herbst will er sich von der Bühne verabschieden; am 30. November findet das letzte Konzert in Berlin statt. „Macht’s gut“ ruft er seinen Fans zu und seine letzten Konzerte sind bis auf handverlesene Restkarten ausverkauft. Auch in Attendorn war die Stadthalle bis in die hintersten Reihen kompress besetzt. Etliche Plettenberger Gesichter sind hier und da und dort in den Blöcken zu erkennen. 

Die Besucher allesamt, die man sah, waren samt und sonders ansehnlich in der Wortes wahrer Bedeutung: Ein buntes, multikulturell eingestelltes, politisch aufgeklärtes, meinungsfreudiges Volk, gekleidet in einer Art der legeren abgeschabten Gepflegtheit, der gebrauchstüchtigen Lässigkeit, der Nicht-Angepasstheit der Kommune. Körperschmuck wie Tattoo oder Piercing – nein, nicht.

 Lange Haare, Bärte, Zöpfe, Dutte auch bei Kerlen, Flechtfrisuren und Haarknoten in jeder Form -– na klar. Das übliche Kulturpublikum sieht anders aus, wohl wahr. 

Während der Zuschauerraum der Attendorner Halle also voll wie selten ist, ist die Bühne – nein nicht leer, sondern sparsamst möbliert. Ein Notenpult, ein Tischchen für ein Wasserglas und ein paar Gitarren-Accessoires, ein Mikroständer. Und als Hannes Wader, in gleicher Weise ungekünstelt gekleidet, quasi „netto“, auftritt, ist das Bühnenhaus voll.

 In der Sparsamkeit der Attitüde, der Nicht-Bühnenmaskerade, der ungeschminkten Erscheinung, auch der äußerst zurückhaltenden Mimik und Gestik, liegt die Besonderheit. Da kommt einer und will mit dem überzeugen, was er zu singen und zu sagen hat. Haltung statt Hampelei, könnte man das auch nennen.

Großer Andrang am CD- und Souvenirstand: Weil es das letzte Konzert war, das Hannes Wader am Ende seiner Karriere im heimischen Raum gab, wollten viele Besucher einen Tonträger, ein Plakat oder ein Liederbuch erwerben und mit nach Hause nehmen. Eine historische Stunde in der Stadthalle Attendorn.

 Traditionell eröffnet Wader mit „Heute hier, morgen dort“ sein Konzert, füllt mit markanter , ungebrochener Stimme und gewohnt perfekter Gitarrenbegleitung. Lässt seine Gäste teilhaben an seinem Leben, an seinem Werdegang. Singt das „Damals“, das den Start seiner musikalischen Laufbahn erzählt, berichtet von dem Mädchen, dessen Name ehedem in seinem Ohrring eingeritzt war.. Und dann wechselt er, 50 Jahre überspringend, in das unehrlich-ehrliche „Schön ist das Alter“ um Lebensbilanz zu ziehen. Darauf kommt Wader zu dem immer wieder durchscheinenden Kernthema seines Konzertes: Schwestern und Brüder, Gemeinschaft der Menschen, mit denen man auf dieser Welt gemeinsam unterwegs sein darf. Oder auch: Wir sind alle nur Menschlein; woher nehmen manche das Recht, sich über andere zu erheben – völkisch, moralisch, wirtschaftlich? 

So kommt er zum Lied der Moorsoldaten, das Lied der KZ-Häftlinge. Hans Lauter, den letzten noch lebenden Gefangenen, hat Wader einst noch kennenlernen und zum Gesang begrüßen dürfen. Ihm widmet er in Attendorn sein Lied und das hat etwas Eindrückliches, Beklemmendes in diesen Tagen, in denen völkisches und menschenverachtendes Hetzen wieder salonfähig werden. Sind wir schon wieder so weit, dass neue Moorsoldaten am Horizont erkennbar werden? 

Hannes Wader vermittelt Haltung, bekennt sich, „wo ich herkomme“, zeigt – das Wort ist sehr aus der Mode gekommen – Klassenbewusstsein. Und bekennt sich als glühender Europäer, Völkerverständiger, Friedensbotschafter. In „kleine Stadt“ begibt er sich an den deutsch-französischen Stammtisch seines Freundeskreises im elsässischen Weißenburg – er besingt die Region, die zwischen Deutschland und Frankreich hin und her gerissen wurde, mit der Maginot-Linie befestigt, umkämpft war. Wie tröstlich, sich heute dort nationenverbindend an einem Tisch beim Wein versammeln zu dürfen, Wader lässt seine Zuhörer das beschwörend spüren.

Er erhebt die Stimme gegen alles Völkische 

Klassiker wie „Große Freiheit“, pikanterweise als Hans Albers-Tango und dem Duft von Hafen und Puff, spielt Wader ebenso wie das Fahrtenlied „Zogen einst fünf wilde Schwäne“, um dann wieder tiefgründig und mahnend zu werden: „Es ist an der Zeit“ beschreibt den Besuch auf einem deutsch-französischen Soldatenfriedhof mit den Grabreihen der im ersten Weltkrieg gefallenen jungen Soldaten. Wader hat die Botschaft so eindrücklich in Worte gesetzt, dass sie heute als Anklage gegen alles Völkische, Ausgrenzende, Nationalistische verstanden werden. – Auch das Lied der italienischen Partisanen „bella Ciao“ mahnt zum Frieden, erklärt dem Krieg den Krieg. Erst mit drei Zugaben kommt Hannes Wader von der Bühne, belohnt mit minutenlangen stehenden Ovationen.

 Die volle Stadthalle singt gemeinsam mit dem Barden „Sag’ mir, wo die Blumen sind“. Es ist ein Wader-Fest, gewiss. Doch dem Triumph wohnt ein bittersüßer Schmerz inne: Hannes Waders Stimme wird künftig fehlen, gerade jetzt. Eine Helene Fischer und ihre männliche Entsprechung, ein Florian Silbereisen, werden, wenn der Chronist sich diese Anzüglichkeit gestatten darf, einen wie ihn, den Mahner und Zweifler, nie und nimmer ersetzen können.

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