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Vergebens um Chemotherapie gekämpft: Vorwürfe gegen Krankenkasse

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Von: Georg Dickopf

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Kämpfte vergebens um eine Chance auf eine Chemotherapie: Andreas Knecht (†).
Kämpfte vergebens um eine Chance auf eine Chemotherapie: Andreas Knecht (†). © Dickopf, Georg

Die Geschichte von Andreas Knecht ist tragisch. Es ist eine Geschichte von Hoffnung, von Leid, von Durchhaltevermögen, von Zeit und von Bürokratie. Und es ist eine Geschichte, bei der das Happy End fehlt.

Plettenberg/NRW - Der 24. August war ein Datum der Hoffnung für den Plettenberger Andreas Knecht. An diesem Tag sollte sein Krebsleiden durch eine spezielle Chemotherapie in der Praxis von Prof. Thomas Vogl in der Uniklinik Frankfurt eingebremst werden.

Vergebens um Chemotherapie gekämpft: Vorwürfe gegen Krankenkasse

Dem 58-Jährigen war klar, dass sein an der Aorta zwischen Leber und Bauchspeicheldrüse sitzender Tumor nicht mehr verschwinden würde. Aber die spezielle Chemotherapie, bei der der Körper nicht flächendeckend, sondern nur punktuell mit giftigen Stoffen behandelt wird, hätte ihm noch einige Lebenszeit mehr geben können.

Doch besagte Krebstherapie zählte nicht zu den Leistungen, die einfach über die Krankenkasse abgerechnet werden können. Und deshalb stellte Andreas Knecht gemeinsam mit seiner Frau Christa am 12. April bei der AOK einen Antrag zur Kostenübernahme. Es sollte mehr als vier Monate dauern, bis klar war, ob die Krankenkasse die Kosten übernimmt.

Am Freitag, 19. August, meldete sich ein AOK-Vertreter bei der Familie in Pasel, um noch vor dem Wochenende telefonisch mitzuteilen, dass das Berufungsgutachten des Medizinischen Dienstes (MD) jetzt endlich vorliege und die AOK der dreistufigen Behandlung in der Uniklinik Frankfurt zustimme.

Zusage für Chemotherapie kommt zu spät

Doch für Andreas Knecht, der sich an diesen letzten Strohhalm klammerte, kommt die Zusage von MD und AOK zu spät, denn sein Gesundheitszustand verschlechtert sich ab Ende Juli dramatisch. Er ist jetzt immer mehr an das Bett gefesselt und hat Mühe aufzustehen.

Seine Frau Christa erwägt zur Unterstützung der häuslichen Pflege eine Höherstufung des Pflegerades, der zu diesem Zeitpunkt bei Stufe 1 liegt („geringe Beeinträchtigung der Selbstständigkeit“). Am 4. August beantragt sie die Höherstufung ihres Mannes bei der Pflegekasse der AOK.

Der 58-Jährige kämpft in den folgenden Wochen immer verzweifelter gegen den Krebs. Als am 19. August die Zusage für die Chemotherapie kommt, entscheidet die Familie gemeinsam mit Dr. Sebastian Vieregge, dass der Plettenberger zu geschwächt ist, um die Therapie anzutreten.

Krebspatient kämpft vergebens um Chemotherapie: Dank an den Hausarzt

Der Hausarzt, der fast täglich und auch noch spätabends nach dem Ende seiner Praxistätigkeit Hausbesuche bei Andreas Knecht vornimmt und dem Christa Knecht stets voller Dankbarkeit die Tür öffnet, muss nun immer häufiger Morphium-Dosen verabreichen und versucht seinen Patienten mit Flüssignahrung aufzupäppeln. Auch in dieser Phase hört man den einst kräftigen und nun stark abgemagerten Mann nicht jammern.

Die nach vier Monaten von der AOK genehmigte dreistufige Chemobehandlung für rund 14 000 Euro wird bis auf weiteres verschoben und Tag für Tag schwindet bei den Familienmitgliedern Nina und Patricia, seiner Frau, den Brüdern und der Schwägerin die Hoffnung, dass der bis dahin tapfer kämpfende Familienvater die Reise nach Frankfurt noch antreten kann.

An richtig guten Tagen schafft es Andreas bis auf seine Terrasse, wo er im Kreis der Familie und von Freunden die wärmende Sonne und den Blick in den Garten genießt, den er sonst immer in Schuss gehalten hat.

Es ist der 4. September. Auch einen Monat nach Antragstellung hat Christa Knecht keinen Bescheid von der AOK zum Pflegegrad bekommen.

Krebspatient aus Plettenberg: Freunde schmieden einen Plan - können ihn aber nicht mehr umsetzen

Seine Freunde schmieden zu dieser Zeit den Plan, mit Andreas noch einmal zum Holzplatz zu fahren und mit ihm an der Feuertonne zu sitzen. Doch da ein dafür passender Rollstuhl nicht vorhanden ist und der einst so starke Freund und Bruder nur noch ein Häuflein Elend ist, verschieben sie den Plan.

Am 6. September kommt eine Gutachterin ins Haus, um anhand einer Bewertung eine Einschätzung zum Pflegegrad abzugeben. Da der Plettenberger mittlerweile kaum noch sprechen kann, schlägt sie angesichts des sehr schlechten Gesamtzustandes eine Eingruppierung in Pflegegrad 5 („schwerste Beeinträchtigung der Selbstständigkeit mit besonderen Anforderungen für die pflegerische Versorgung“) vor.

„Die nette Frau hat mir zugesichert, die Unterlagen schnellstmöglich zu bearbeiten und an die AOK weiterzuleiten“, sagt Christa Knecht, die sich nach Absprache mit ihrem Arbeitgeber nun ohne zusätzliche Arbeitsbelastung vollumfänglich um ihren schwerkranken Mann kümmert und froh ist, dass ihre als Krankenschwester arbeitende Tochter Nina ihr dabei oft zur Seite steht.

Während am zweiten Septemberwochenende hunderte Radfahrer und Läufer gutgelaunt und mit Elan durch das Lennedorf Pasel flitzen, liegt Andreas Knecht in seinem Krankenbett im Wohnzimmer. An guten Tagen schafft es seine Ehefrau, ihn abends noch in das Ehebett zu bringen, doch die guten Tage werden nun weniger. Es geht weiter rapide bergab.

Vergebens um Chemotherapie gekämpft: Andreas Knecht stirbt am 18. September

Ein guter Freund aus Pasel, mit dem er jahrelang Brennholz gemacht hat, besucht ihn am Samstag, 17. September. Im Radio läuft gerade das Revierderby, doch für die „falsche Borussia“ hat Gladbach-Fan Andreas in diesem Moment nichts mehr übrig. Er drückt schwach die Hand des Freundes, seine Augen flackern. Er kämpft mit sich, mit dem Leben und den Worten seiner Frau, die ihm am Vorabend unter Tränen gesagt hat, dass er loslassen kann, wenn er nicht mehr kämpfen will. Seiner Nina teilt Andreas, der kein Mann der großen Worte und Gefühlsausbrüche ist, ganz leise mit, dass er sie lieb hat. Abends ist auch Bruder Olaf an seinem Bett und verabschiedet sich mit einem Händedruck bis zum nächsten Tag.

Es ist Sonntag, der 18. September. Morgens um 4 Uhr streichelt Christa Knecht noch einmal die Hand ihres schwer atmenden Mannes. Eine Stunde später hört Andreas Knecht auf zu atmen. Seine Reise ist zu Ende. Sein Kampf, den er tapfer geführt hat, ist vorbei. Ein Happy End ist für den 58-Jährigen, der für die Familie ein Fels in der Brandung war, nicht vorgesehen.

Nachtrag: Bis zum heutigen Tag ist der Antrag zur Höherstufung des Pflegegrades nicht bei Familie Knecht eingegangen. Vor genau sieben Wochen wurde er gestellt. 

Das sagt die AOK

Auf Anfrage bei der AOK zur langen Bearbeitungszeit sendet Sprecherin Birte Jansen folgende Mitteilung: „Im Kundencenter ist am 4. August 2022 wie von Ihnen beschrieben, ein Antrag für die Höherstufung im Pflegegrad für Herrn Knecht eingegangen. Diesen Antrag haben wir intern an unsere Fachabteilung zur weiteren Prüfung gegeben und dann anschließend zur Entscheidung an den Medizinischen Dienst weitergeleitet mit der Bitte um rasche Begutachtung (Eingang dort am Montag 15. August 2022 laut Gutachten). Am 15. August 2022 haben wir eine Zwischennachricht an Herrn Knecht geschickt, dass eine Begutachtung eingeleitet wurde.

Das Gutachten wurde vom Medizinischen Dienst am 6. September 2022 erstellt. Leider konnte der MDK das Gutachten nicht wie üblich auf dem elektronischen Wege an uns übermitteln aufgrund von technischen Störungen. Es wurde uns in Papierform per Post zugesandt, so dass es unserer Fachabteilung erst am 15. September 2022 vorlag. Laut Gutachten liegt ein Pflegegrad 5 rückwirkend ab 4. August 2022 vor. Die Genehmigung von uns wird entsprechend an die Hinterbliebenen von Herrn Knecht umgehend zugesandt.“

Bis zum 21. September – sechs Tage nach der Übermittlung an die Fachabteilung der AOK – hatte Christa Knecht keine Genehmigung vorliegen.

Eine Familie aus Werdohl begann einen Rechtsstreit mit der Krankenkasse AOK. Es geht um den Schulweg der behinderten Tochter.

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