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Dura, ehemals Schade: 133-jährige Geschichte endet dieser Tage

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Von: Christos Christogeros

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Der Eingang zum einstigen Schade-Werk. Das Pförtnerhäuschen steht noch heute. © Bornemann

Eine 133-jährige Geschichte, knapp 90 Jahre am Standort Königstraße, endet dieser Tage abrupt: Am kommenden Dienstag, 30. April, schließt der einst größte Arbeitgeber der Stadt, die heutige Firma Dura, für immer seine Tore. Alle Versuche des Betriebsrats, die Arbeitsplätze zu retten, scheiterten am Veto der amerikanischen Firmeneigentümer – mehrere hundert Arbeitnehmer blicken in eine unsichere Zukunft.

Dass einst ein so großes und traditionsreiches Unternehmen solch eine Zukunft hervorbringen würde, das hätte Firmengründer Wilhelm Schade vor 133 Jahren sicher nicht gedacht. Am 1. Oktober 1886 eröffnete der damals erst 31-jährige Schade seinen Betrieb an der Bahnhofstraße – mit gerade einmal 10 Beschäftigten.

Der Weg zum zwischenzeitlich größten Arbeitgeber der Stadt – die Firma Schade beschäftigte in den 1960er Jahren bis zu 1 500 Mitarbeiter – war nicht gerade ein leichter. Die Weltkriege setzten dem Unternehmen ebenso zu, wie Natur- und Brandkatastrophen. Eine nicht gerade rühmliche Rolle spielte die Firma Schade in der Zeit des Nationalsozialismus.

Wie fast alle größere Unternehmen wurde auch die Firma Schade zur Produktion von Rüstungsgütern herangezogen. Die Plettenberger Firma stellte unter anderem Flugzeugkanzeln und -aufbauten her. Dabei beschäftigte das Unternehmen aufgrund des Arbeitermangels – viele deutsche Männer standen an den Fronten für Hitlers vermeintlichen „Endsieg“ – auch Zwangsarbeiter. Diese mussten jedoch beim NS-Regime angefordert werden – kein Unternehmen wurde gezwungen, Zwangsarbeiter zu beschäftigen. Sie waren jedoch nötig, um die von der Diktatur gesetzten Produktionsziele zu erreichen. Aus Unterlagen aus dem Plettenberger Stadtarchiv geht hervor, dass bei der Firma Schade 183 Zwangsarbeiter beschäftigt waren. In der Mehrzahl handelte es sich dabei um Frauen aus der Sowjetunion – lediglich sechs zwangsrekrutierte Männer wurden hier zur Arbeit gezwungen.

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Das Stammwerk an der Bahnhofstraße war Anfang der 1930er Jahre zu klein geworden. © Archiv

Natürlich konnte auch der Beitrag der Plettenberger Firma Schade das Unausweichliche nicht mehr verhindern – der „totale“ und mörderische Krieg der Nationalsozialisten stürzte Europa ins Chaos, die Übermacht der Alliierten setzte dem menschenverachtenden braunen Spuk ein Ende.

Dass die Firma Schade zur Produktion von Flugzeugteilen herangezogen wurde, hatte sie der Umstellung ihrer Produktion in den 1920er Jahren zu verdanken. In den ersten 25 Jahren ihres Bestehens hatte die Firma Hut- und Mantelhaken hergestellt, später kamen Treppenläuferstangen, -schienen und Federringe hinzu. 1924 verließ dann das erste, in Serie produzierte Automobilteil das Werk an der Bahnhofstraße: ein gebogenes U-Profil als Fensterschiene für den Opel 4 PS.

Mit dem Wachstum der Automobilindustrie jener Jahre in Deutschland, begann auch der rasante Aufschwung der Firma Schade. Der Erfolg des Unternehmens war groß: Bereits Anfang der 1930er Jahre war das Stammwerk an der Bahnhofstraße zu klein geworden; die Firma Schade kaufte eine stillgelegte Gesenkschmiede an der Königstraße, sanierte und erweiterte diese um eine galvanische Abteilung.

In jenen Jahren beschäftigte Schade an den Plettenberger Standorten circa 350 Leute; 60 bis 70 weitere Mitarbeiter kamen in Lüdenscheid hinzu, wo Schade eine Holzschraubenfabrik angekauft hatte.

Nach dem Ende des Weltkrieges konnte die Produktion nur langsam wieder aufgenommen werden. Dennoch: Das Unternehmen wuchs in den Folgejahren immer weiter. 1955 wurde der noch heute bestehende, ebenfalls zum 30. April schließende Standort Selbecke gegründet. In den 1960er Jahren folgte ein Zweigbetrieb im Ruhrgebiet. Hatte das Unternehmen bisher vor allem mit Stahl, Aluminium und Messing gearbeitet, widmete sich die Firma Schade nun auch Kunststoffen.

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Blick auf das Werk an der Königstraße im Jahr 1956. © Archiv

Die 1960er Jahre können als das Katastrophen-Jahrzehnt des Unternehmens bezeichnet werden: 1960 wurde das Oesterwerk überschwemmt, 1961 brannte der Betrieb in Selbecke. Am verheerendsten wirkte sicherlich der Brand im Juli 1965 in der galvanischen Abteilung, die vollständig zerstört wurde. Der Wiederaufbau gelang jedoch schnell.

Über die nächsten Jahrzehnte blieb das Unternehmen wenn nicht der größte, so doch einer der größten Arbeitgeber Plettenbergs. 1998 ging die Firma Schade an Dura über. Der amerikanische Konzern schließt nun am kommenden Dienstag dieses traditionsreiche Unternehmen. Die Zukunft des Standortes, aber leider auch vieler Mitarbeiter, bleibt ungewiss.

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