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Katholischer Pfarrer im Interview: „Es gibt schlichtweg keine Priester“

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Von: Georg Dickopf

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Pfarrer Patrick Schnell wird aus gesundheitlichen Gründen kürzertreten. Möglicherweise wird bereits ab Februar ein(e) Pfarrbeauftragte(r) die Leitung der Pfarrei St. Laurentius Plettenberg-Herscheid übernehmen.	Foto: Dickopf
Pfarrer Patrick Schnell wird aus gesundheitlichen Gründen kürzer treten. Möglicherweise wird bereits ab Februar ein(e) Pfarrbeauftragte(r) die Leitung der Pfarrei St. Laurentius Plettenberg-Herscheid übernehmen. © Dickopf

Vor wenigen Tagen verkündete Pfarrer Patrick Schnell im Pfarrbrief und im Gottesdienst, dass er aus gesundheitlichen Gründen die Leitung der Pfarrei abgegeben wird.

Mit Georg Dickopf sprach der 49-Jährige über die Hintergründe und die Zukunft der Gemeinde St. Laurentius.

Herr Schnell, im September haben Sie in einem Kloster Huysburg eine Auszeit genommen. War die Erholung danach schnell wieder weg? Sie haben deutlich abgenommen...

Ja, ich wiege fast 15 Kilogramm weniger. Ich brauchte dringend diese Auszeit im Kloster, weil ich erschöpft war. In dieser Auszeit bin ich noch einmal medizinisch untersucht worden und dabei ist eine Erkrankung diagnostiziert worden.

Also wissen Sie es im Grunde schon ein wenig länger...

Ja genau, ich durfte es aber noch nicht sagen, weil da eine Kommunikationskette eingehalten werden muss.

Ist das so etwas wie ein Burnout, was bei Ihnen festgestellt wurde?

Ja, das geht so in die Richtung. Die Diagnose war ein Chronisches Erschöpfungssyndrom.

Besteht die Gefahr, dass es immer wieder auftritt? Sind Sie dann nicht mehr arbeitsfähig?

Der Arzt, der mich behandelt hat und weiter betreut, stellte eine grundlegende Erschöpfung fest. Zum Erhalt der Arbeitsfähigkeit muss ich kürzer treten und aus der Verantwortung herausgenommen werden.

Was heißt das konkret?

Ich bin dann Seelsorger oder Pastor.

Sie bleiben also dem Gesamtsystem erhalten?

Ja, genau. Ich werde noch einmal in eine Klinik gehen, um mich untersuchen zu lassen und zu lernen, wie ich mit der Krankheit leben kann.

Aber Sie hatten ja eigentlich ohnehin vor, in spätestens fünf Jahren nur noch als Seelsorger tätig zu sein...

Ja, das stimmt. Im Grunde genommen kommt das also jetzt einfach früher. Der Prozess wäre sonst fünf Jahre später wohl ohnehin gekommen. Personell stehen wir dadurch jetzt besser da, weil ich weiter mitarbeite und insofern eine Person mehr im Team ist. Das Bistum hat damit dann hier keine weitere Baustelle.

Der- oder diejenige ist dann Ihr Chef und kann sagen, Herr Schnell machen Sie mal den Frühgottesdienst in Herscheid und im Eiringhauser Altenheim?

Wenn es ein Pfarrer wäre, könnte das so laufen. Aber da es ja ein Laie sein wird – ob Frau oder Mann ist noch offen – läuft es anders. Der- oder diejenige wird weisungsbefugt sein, aber da ich zugesagt habe, hier weiter Dinge zu tun, die ein Priester macht, bin ich zugeordnet, aber nicht untergeordnet.

Um was müssen Sie sich nicht mehr kümmern?

Die ganze Organisation fällt weg. Auch alle Gremien und die Dinge, die im Pfarrentwicklungsprozess noch anstehen, fallen raus. Ich konzentriere mich dann auf das Kerngeschäft und bin im Grunde nur noch als Geistlicher aktiv.

Wie hat das Bistum eigentlich reagiert?

Wir haben zusammen eine Lösung erarbeitet. Der Personalchef und ich haben festgestellt, dass Priester rar gesät sind...

Wie rar?

Es gibt schlichtweg keine. Es ist schon im Ruhrgebiet schwierig, dann erst recht für den ländlichen Raum. Deshalb bot es sich an, hier ein Modell mit einem Pfarrbeauftragten wie in Altena umzusetzen.

Ab wann sind Sie denn nur noch Seelsorger?

Das ist davon abhängig, wann die Nachfolge startet. Ausgeschrieben ist die Stelle für den 1. Februar 2022.

Müssen Sie die Pfarrwohnung dann räumen?

Wenn der oder die Nachfolger hier einziehen wollte, müsste ich raus. Aber ich werde diesen Schritt auch ohne Aufforderung vollziehen.

Das Hochamt halten weiterhin Sie, oder?

Ja, genau, ein(e) Gemeindereferent(in) darf nur Wortgottesdienste halten.

Wie hat die Gemeinde eigentlich reagiert?

Erst einmal geschockt, aber die Rückmeldungen sind positiv, weil alle froh sind, dass ich als Seelsorger erhalten bleibe. Einer hat gesagt: Dann wird es so, wie es 2005 vorgesehen war, dass die Priester mehr Zeit für die Seelsorge haben...

Bevor die Kita-Kinder aus Holthausen in die Bonifatiuskirche umziehen konnten, musste diese dafür aufwändig umgebaut werden.
Bevor die Kita-Kinder aus Holthausen in die ehemalige Bonifatiuskirche umziehen konnten, musste diese dafür aufwändig umgebaut werden. © Opfermann, Johannes

Stattdessen hatten Sie gut zu tun, sogar als Immobilienmakler, denn Sie haben zwei Kirchen verkauft. Das gelingt sicher nicht vielen..?

Doch. Es gibt Pfarreien, die geben von acht Kirchen sieben auf. Im Ruhrgebiet ist das richtig heftig. Da geht es uns hier noch richtig gut. Dort gibt es vielleicht mehr Seelsorger, aber auch viel größere Pfarreien. Hier sind es 8 500 Gemeindeglieder, dort sind es 40 000. Das ist eine ganz andere Herausforderung. Wir haben hier noch diverse Firm- und Kommuniongruppen, dort macht das einer, weil es so wenig ist.

Es bricht also erosionsartig alles weg?

Ein wenig ist das so. Im Ruhrgebiet führen Gemeindereferenten und sogar Ehrenamtliche schon Beerdigungen durch. Demnächst dürfen dort wohl auch Gemeindereferenten Kinder taufen.

Not macht offenbar erfinderisch. Glauben Sie, dass wenn morgen der Zölibat abgeschafft würde, vieles besser laufen könnte?

Kurzfristig würde es vielleicht etwas bringen, aber mittelfristig nicht, denn wir werden immer weniger Gläubige. Es ist eine Glaubenskrise.

Wenn Sie Ihre Einführung vor zehn Jahren mit der heutigen Situation vergleichen, wie groß ist da der Unterschied?

Die Kirchen sind nicht mehr so voll. Als ich angefangen habe, hatten wir 90 Firmlinge, jetzt sind es 50. So ähnlich ist es bei den Kirchenbesuchern, es sind auch einige gestorben und es kommt nicht so viel nach. Wir haben hier aber noch eine altersmäßig ganz gut gemischte Gemeinde. Man muss an Heiligabend aber nicht mehr eine Stunde vorher einen Platz suchen. Das alles hängt sicherlich mit den ganzen Skandalen zusammen. Die haben viel Zuspruch genommen und wir werden noch lange daran arbeiten müssen, um das aufzuarbeiten.

Die Kirche in Eiringhausen wird in 2025 aufgegeben. Wo sehen Sie die Gemeinde St. Laurentius in 15 Jahren?

Ich bin dabei, das Thema in Eiringhausen in die Wege zu leiten, aber ich bin nicht traurig, dass ich da nicht mehr völlig in der Verantwortung stehe. In 15 Jahren werden wir noch die Laurentiuskirche und sicherlich auch noch ein Angebot in Herscheid haben. Auf lange Sicht wird sich alles in Richtung St. Laurentius konzentrieren, deshalb werden die Kirche und auch das Pfarrzentrum auch weiter ertüchtigt.

Was wäre die Gemeinde hier ohne die polnisch- und italienischstämmigen Gläubigen?

Das ist schon ein großer Anteil. Dann würde es noch einmal ganz, ganz anders aussehen. Die polnischen, kroatischen und italienischstämmigen Gläubigen machen bestimmt zwei Drittel der Gottesdienstbesucher aus.

Das ist also schon ein bisschen Multikulti in der Kirche?

Ja, tatsächlich und das ist das Schöne an Kirche. Wir haben viele Kulturen unter unserem Dach vereint, die alle unser Gemeindeleben stark bereichern.

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