Ein Tag mit vielen Tränen 

Katholiken verabschieden sich von der Kirche St. Bonifatius in Plettenberg

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Plettenberg - Trauer und Dankbarkeit lagen am Samstag bei der endgültig letzten Messe in der Bonifatiuskirche im Oestertal ganz nah beieinander. Das machten die Gespräche deutlich, die unsere Reporterin vor Ort geführt hat.

Wie eng verbunden die Gemeindemitglieder mit ihrer Kirche waren, zeigte sich ganz deutlich am Ende der Messe: bei einigen kullerten die Tränen und Pastor i.R. Hans Erlemeier schritt gemächlich durch den Altarraum, fuhr sachte mit den Fingern über Altar und Ambo: ein stiller, persönlicher Abschied.

„Die Bonifatiuskirche war 30 Jahre unsere zweite Heimat“, sagten Angelika und Manfred Stumpf, die extra aus Hilden angereist waren, um der letzten Messe beizuwohnen. Musikalisch gestaltet wurde diese von der Boni Band; ein Gewächs der Bonifatiuskirche, die in Ermangelung eines Organisten, eigentlich nur durch Zufall entstanden ist. Dem Gitarrentrio bestehend aus Manfred Stumpf, seinem Sohn Thomas und Betty Pilsner schloss sich bald mit Regina Ingenohl die erste Sängerin an. Die Entstehung der Boni Band war zunächst ein „langsamer Prozess, der plötzlich ganz dynamisch wurde“, erinnerte sich Stumpf. Ein „Familienchor“, der das Gemeindeleben unheimlich bereichert hat.

„Einen neuen Aufbruch wagen“, so eine Zeile des Eingangsliedes, das die Boni Band am Samstag sang und das treffender kaum hätte sein können. „Wir werden heute hier etwas tun, was noch keiner von uns so getan hat“, sagte Pfarrer Patrick Schnell in seinen Begrüßungsworten. „Zum ersten Mal geben wir eine Kirche auf. Das ist ein markantes Ereignis unserer Pfarrei.“

Obwohl die Bonifatiuskirche offiziell bereits 2006 geschlossen wurde, hatte bisher immer noch etwas stattgefunden. Damit ist nun definitiv Schluss: in gut zwei Wochen sollen die Holthausener Kindergartenkinder einziehen und das Gebäude mit neuem Leben füllen. „Dieser Abschied ist endgültig“, so Schnell. Was bleibe, seien die vielen guten Erinnerungen und „die Freude an Gott, die hier ganz deutlich zu spüren war und ist“.

Schnell erinnerte an besinnliche Abende mit dem Vokalensemble Twende, kuriose Putzaktionen und an einen Weihnachtsgottesdienst, in dem Pater Zacharias Handy klingelte, er dran ging und kurz drauf verkündete, dass ein kleiner Junge geboren worden sei. „Das war die erste Story, die ich aus St. Bonifatius gehört habe“, sagte Schnell. Er lobte das „hohe ehrenamtliche Engagement, das bis heute anhält, obwohl die Kirche seit 14 Jahren stillgelegt ist“.

Mit wem man am Samstag auch sprach, immer wieder fielen die Begriffe Heimat und Verbundenheit. Zahlreiche Oestertaler hätten dem Abschiedgottesdienst gerne beigewohnt, 200 hatten sich anmelden wollen, doch aufgrund der Coronabeschränkungen hatten zusätzlich zur Boni Band und den anderen Mitwirkenden nur 31 Personen in der Bonifatiuskirche Platz gefunden. Dafür hatte den ganzen Tag über die Möglichkeit bestanden, allein in die Kirche zu gehen, zu beten und Adieu zu sagen. „Wir waren selbst überrascht, wie viele Leute gekommen sind“, berichtete Markus Ingenohl.

Von Seiten der Stadt sei es „echt top“ gewesen, dass ihnen die Möglichkeit eines würdigen Abschiedsgottesdienstes trotz Umbaumaßnahmen überhaupt gegeben worden sei, so Ingenohl. Er selbst sei „ein bisschen geschockt und ein bisschen traurig“ über das Ende der Bonifatiuskirche. „Das Gefühl ist ganz beschissen“, sagte er mit deutlichen Worten. Aber: der Übergang sei super. Während früher hier die jüngsten der Pfadfinder, die Wölflinge, herumgetollt sind, werden es bald die Kindergartenkinder aus Holthausen sein. „Hier weht ein besonderer Geist. Ein guter Geist für kleine Kinder.“

Doch nicht nur die Wölflinge, alle Pfadfinder fühlten sich mit der Bonifatiuskirche verbunden: ob Jahresabschlussfeier, Lagerfeuer oder Gruppenstunden; auch der Probezeltaufbau vorm Pfingstlager fand immer vor der Bonifatiuskirche statt: „weil es nur hier eine Wiese gab.“ „Wir haben ein bisschen unser zuhause verloren“ war darum der wenig verwunderliche der Tenor der Pfadfinder, die am Samstag den Part der Messdiener übernommen hatten.

„Ich war eines der ersten Kommunionkinder“, erzählte Judith Bender. Die Erstkommunion sei damals in den Mai verschoben worden, weil die Kirche erst dann fertig geworden war, erinnerte sie sich. Hochzeit, die Taufen der beiden Töchter und später auch Trauerfeiern: alles in der Bonifatiuskirche. Dass diese nun endgültig ihre Pforten für Messfeiern schließt, sei „ein eigenartiges Gefühl“ und „schon schade“, so Bender.

„Ein bisschen Seelenschmerz“ sei mit dem Abschied der Bonifatiuskirche verbunden, sagte Heinrich Beumer. „Die Gottesdienste zu den Hochfesten waren fast wie Familienfeiern.“ Er sei dankbar, dass man die Kirche auch nach dem offiziellen Aus vor 14 Jahren noch habe nutzen dürfen und sei froh, dass sie nun eine Funktion gefunden habe, die den äußeren Rahmen weiterpflege.

Gudrun Schidlowskis gesamtes kirchliches Leben hat sich in der Bonifatiuskirche abgespielt: Taufe, Kommunion, Messdienerin – als eine der ersten Mädchen, Hochzeit und Lektorin. „Das tut weh“, sagte Schidlowski. Das Besondere am Gemeindeleben in der Oester sei gewesen, dass nach dem Ende einer jeden Messe die Kirchgänger nicht sofort auseinandergedriftet seien, sondern noch eine Weile zusammengestanden und sich unterhalten haben. „Ich fand es besonders schön, die Glocke noch mal läuten zu hören“, erzählte Schidlowski.

„Danke an alle, die diese Kirche mit Leben gefüllt haben und uns ganz unvergessliche Momente beschwert haben“, sagte Corinna Stumpf. Pfarrer Schnell ging noch einen Schritt weiter: „Lasst uns versuchen, uns und der nachfolgenden Generation ebenso gute Erinnerungen in St. Laurentius zu schaffen!“ Denn auch wenn die Bonifatiuskirche bei vielen mit einem Heimatgefühl verbunden ist, so seien es letztendlich die Menschen, die dieses Gefühl geben. „Ein Gebäude kann noch so schön sein, wenn es mit den Menschen nicht passt“, gab Schnell zu bedenken.

Zum Hintergrund: Vor wenigen Wochen haben die Stadt und die Politik einstimmig beschlossen, dass die Kirche zu einem vorübergehenden Kindergarten umgestaltet wird. Alle wichtigen Fragen dazu gibt es hier im Überblick.

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