Diagnose Mittelstand

Warum die Insolvenzwelle ausbleiben könnte

Firmenkundenleiter Hartmut Tetling (li.), Jana Aßhoff, neue Immobilienvermittlerin für Plettenberg und Werdohl, und Sparkassenvorstand Kai Hagen präsentierten die Diagnose Mittelstand.
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Firmenkundenleiter Hartmut Tetling (li.), Jana Aßhoff, neue Immobilienvermittlerin für Plettenberg und Werdohl, und Sparkassenvorstand Kai Hagen präsentierten die Diagnose Mittelstand.

Plettenberg – Es ist kein Blick in die Glaskugel, sondern weitaus mehr. Einmal jährlich untersucht der Deutsche Sparkassen- und Giroverband rund 300 000 Bilanzen und Jahresabschlüsse deutscher Unternehmen, ergänzt um eine Expertenumfrage.

Daraus wurde eine Diagnose zum Mittelstand erstellt, deren Ergebnisse Kai Hagen, Vorstandsvorsitzender der Vereinigten Sparkasse im Märkischen Kreis, gemeinsam mit Firmenkundenleiter Hartmut Tetling vorstellte. „Die Corona-Krise hat den deutschen Mittelstand stark getroffen“, sagte Hagen.

Anfang letzten Jahres habe sich die Industrie in einer deutlichen Beruhigung befunden, ehe Corona, der erste Lockdown und die plötzliche Rezession kamen. All das habe die kleinen und mittelständischen Unternehmen aber nicht unvorbereitet getroffen. „Denn das, was die heimischen Mittelständler ausmacht, ist die im Vorjahr erzielte Eigenkapitalausstattung von fast 40 Prozent“, sagte Hagen.

Auf die hohe Kante

Und neben der gestiegenen Eigenkapitalquote sei auch der Liquiditätspuffer angehoben worden – es wurden also Teile des Gewinns nicht ausgeschüttet, sondern auf die hohe Kante gelegt oder in das eigene Unternehmen investiert. „Die bereits mehrfach angekündigte Insolvenzwelle ist bislang ausgeblieben und ich sehe sie auch in den nächsten Monaten nicht“, sagte Kai Hagen. Auch wenn eine große Anzahl von Unternehmen die Krise bislang aus eigener Kraft gemeistert habe, seien nicht wenige auf finanzielle Hilfen angewiesen. Bund und Länder haben laut Hagen mit ihren Corona-Soforthilfen „eine richtige Antwort“ auf die Krise gegeben. „Noch vor Aktivierung dieser Unterstützung hatten wir einen eigenen Sonderfonds für unsere Kunden aufgelegt. Damit wurden auf unbürokratische Weise die akuten finanziellen Engpässe beseitigt“, betonte der Vorstandsvorsitzende.

Einbruch trifft nicht alle

Die stärksten Einbrüche hatten nach den Ergebnissen der Untersuchung die Sparten Tourismus, Eventgeschäft, Gastgewerbe, Kreativwirtschaft und Automotive zu verzeichnen. Aber nicht alle Branchen brachen ein. Vor allem Bau, Gesundheit und Sozialwesen punkteten mit Wachstumsraten. Die Zulieferindustrie in Plettenberg habe die Krise bislang gut gemeistert, befand Hagen. Der Exportanteil sei dabei eine wichtige Säule. In Altena habe es im ersten Halbjahr 2020 starke Einbrüche gegeben, doch aktuell spreche man dort in der Drahtindustrie von einer guten Auftragslage. In Werdohl hätten Unternehmen wie die Enders Colsmann AG und Pumpenhersteller profitiert, die unter anderem Baumärkte beliefern. Und auch Balve, wo das Handwerk traditionell stark vertreten sei, habe die Corona-Krise bislang gut verkraftet. Der Schlüssel zur Bewältigung der wirtschaftlichen Folgen dieser Krise liegt laut Hagen in der Investitionsbereitschaft und -fähigkeit der Unternehmen.

Investitionen auf Eis

„Gegenwärtig haben fast 90 Prozent der kleinen und mittelständischen Unternehmen ihre langfristigen Investitionspläne auf Eis gelegt. Gerade die am stärksten von der Krise betroffenen Unternehmen, deren Geschäftsmodelle zum Teil komplett in Frage gestellt wurden, haben jetzt den größten Investitionsbedarf“, betonte Hagen. Die Sparkasse habe insgesamt 160 Unternehmen bei der Beantragung der staatlichen Überbrückungshilfen unterstützt und bei Beträgen zwischen 30 000 Euro und niedrigen Millionenbeträge insgesamt 65 Millionen Euro an Krediten weitergereicht. „Wir wollen, dass unsere Kunden diese Krisen überleben – deshalb sind diese Kredite wichtig, um die schwierigen Zeiten zu überbrücken“, sagte Hagen.

In Zeiten von historisch niedrigen Bauzinsen erlebten die Baubranche und die Immobilien einen wahren Boom. „In Corona-Zeiten setzten und setzen viele auf das Betongold. Es werden zahlreiche Eigentumswohnungen und Häuser gekauft und gebaut“, so Kai Hagen. Davon profitieren wiederum die Bauunternehmer und die Bauwirtschaft im Allgemeinen. „Wir messen diesem starken Trend eine große Bedeutung zu“, sagte Hagen.

Gute Immobilien-Nachfrage

Immobilienmaklerin Jana Aßhoff sprach von einem verstärkten Interesse an Immobilien in verkehrsgünstig gelegenen Lagen von Werdohl und Altena. „In den Ballungsgebieten sind die Preise stark angestiegen, deshalb sind diese Städte interessant“, sagte Aßhoff. Vom Preisniveau her würden allerdings Städte wie Neuenrade, Nachrodt-Wiblingwerde, Balve und Plettenberg höher liegen. Hier seien vor allem freistehende Einfamilienhäuser gefragt. „Die Nachfrage nach Einfamilienhäusern übersteigt derzeit klar das Angebot“, so Aßhoff, die Hausbesichtigungen auch in Corona-Zeiten unter Einhaltung der Corona-Schutzverordnung durchführt. Angesichts von Bauzinsen, bei denen fast immer eine eins vor dem Komma stehe, sei der Kauf einer Immobilie oft nicht viel teurer als die Miete, auch wenn die Baukosten stark angestiegen seien.

„Lage ist ernst“

Abschließend gab Kai Hagen ein Ausblick in die Zukunft: „Die Lage ist ernst, denn die Corona-Krise ist trotz anlaufender Impfmaßnahmen alles andere als überwunden. Aktuelle Verschärfungen der bisherigen Einschränkungen bestätigen das. Ein Lichtblick ist die Einschätzung der Wirtschaftsweisen für einen Aufschwung im Frühjahr 2021.“ Laut Hagen habe die Sparkasse als einzige Bank keine Geschäftsstellen wegen des Lockdowns geschlossen. Die Schließung der Filiale an der Kirchstraße in Altena zum Jahresende habe andere Gründe gehabt. In der Krise habe die Sparkasse eine zentrale Rolle gespielt: „Wir sind es, die Brücken bauen, damit Ratenkredite und Hausfinanzierungen nicht platzen und wir kümmern uns um Überbrückungskredite.“ Entscheidungen würden schnell und vor Ort getroffen. „Wir kennen die Ängste und Nöte der Menschen vor Ort. Das kann keine Direktbank“, so Hagen mit einem abschließenden Seitenhieb auf die Konkurrenz.

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