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Ein anderes Weihnachten: Jüdische Mitbürger fliehen Heiligabend 1939 aus Sauerländer Kleinstadt

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Meta Lievendag sowie Olga und Julius Bachrach (von links) planten ihre Auswanderung aus Deutschland nach der Pogromnacht 1938. Ihnen gelang die Flucht vor den Nationalsozialisten nicht mehr.
Meta Lievendag sowie Olga und Julius Bachrach (von links) planten ihre Auswanderung aus Deutschland nach der Pogromnacht 1938. Ihnen gelang die Flucht vor den Nationalsozialisten nicht mehr. © Stadtarchiv Plettenberg

Am frühen Morgen des 23. Dezember 1939 steigen Julius und Olga Bachrach sowie Meta Lievendag am Plettenberger Bahnhof in einen Zug mit dem Endziel Köln. Die Flucht vor den Nationalsozialisten im kleinen Plettenberg wird zu einer Reise ohne Wiederkehr.

Plettenberg - Es ist 5.30 Uhr am Morgen, als die drei Plettenberger mit viel Gepäck am Eiringhauser Bahnsteig stehen. „Wir hatten immer noch gezögert“, schrieb Olga Bachrach am 24. Dezember 1939 in einem Brief an ihre in die USA ausgewanderte Tochter.

Die Bachrachs hatten, wie so viele jüdische Mitbürger ihrer Zeit, die Veränderungen in der Gesellschaft – die mit Rassismus, Ausgrenzung und Verfolgung einher gingen – bis zuletzt nicht wahrhaben wollen. Julius und Olga Bachrach sowie Meta Lievendag, die zusammen im geräumigen Wohn- und Geschäftshaus Neufeld an der Wilhelmstraße gelebt und gearbeitet hatten, wurden erst durch den geplanten Fortzug von Hugo und Johanna Neufeld, ebenfalls jüdische Mitbürger aus Plettenberg, zur Flucht aus der Sauerländer Kleinstadt animiert. Die Neufelds waren langjährige Geschäftspartner der Familie Bachrach und auch Bewohner desselben Hauses. Sie hatten einen Wegzug nach Wuppertal anvisiert.

Abschied aus Plettenberg fällt schwer

Wie Olga Bachrach im Brief an ihre Tochter erklärte, wollten sie und ihr Mann nicht alleine im Haus an der Wilhelmstraße bleiben, „zumal der Nachfolger, ohne uns überhaupt zu kennen, nicht grün ist“. Dennoch sei für Olga Bachrach „der Abschied aus dem Haus hart“ gewesen.

Das Packen sei „eine traurige Arbeit“ gewesen, schrieb Olga Bachrach. „Dann hatten wir noch das Pech, dass uns der Mann mit den Auswanderungskisten sozusagen betrogen hat, er hat für viel Geld ganz unbrauchbares Zeugs geliefert.“

Zum Zeitpunkt des Wegzugs aus Plettenberg stand für Bachrachs bereits fest, dass Köln nur eine Zwischenstation sein sollte. Ziel war nach wie vor die Auswanderung aus Deutschland. Diese systematisch zu betreiben, dazu hatte sich Julius Bachrach im Konzentrationslager Sachsenhausen verpflichten müssen, in das er nach der Pogromnacht im November 1938 deportiert worden war.

Zwischenstation Köln

Die ersten Eindrücke von der neuen Bleibe waren durchaus positiv. „Das Haus hier liegt an einem ganz ruhigen, man könnte sagen für eine Großstadt romantischem Plätzchen, welches zur Hälfte eine schöne Gartenanlage hat. Die Stille empfinde ich wohltuend. Die Wohnung ist wirklich hübsch.“

Ihre Trauer um das Verlorengegangene in Plettenberg wird im Schreiben an ihre Tochter deutlich spürbar. Trotzdem lautete ihr Fazit: „Aber dennoch wollen wir mehr als zufrieden sein“, zumal die aus Plettenberg mitgenommenen Möbel auch ihren Platz in der neuen Wohnung fanden.

Auch Julius Bachrach war mit der neuen Bleibe zufrieden. Er berichtete seiner Tochter: „Mein Liebstes! Jetzt sitzen wir in Köln, haben eine gemütliche kleine Wohnung, das Haus liegt an einem schönen Platz, vor uns steht ein Krieger-Denkmal für die Gefallenen dieses Stadtteils. Zu unserer Wohnung gehört auch ein kleiner Garten und vor unserem Schlafzimmer befindet sich ein geräumiger Balkon.“ Auch er signalisierte der Tochter: „Wir sind in Köln angekommen, aber es ist nur eine Zwischenstation.“

Die Bachrachs hatten nur Möbel mitgenommen, die sie in Köln benötigen würden. „Die übrigen stehen verpackt noch in Plettenberg und werden dort abgeholt und bei einem Spediteur auf Lager gestellt“. Der Plan: Erfolgt die Auswanderung ins Ausland, werden die übrigen Möbel aus dem Lager hinterher geschickt.

Der Brief an die Tochter vermittelte etwas Zuversicht. Die neue Bleibe versprach eine lebenswerte Umgebung und die Möglichkeit, endlich mal wieder etwas zur Ruhe zu kommen, was in Plettenberg für Olga Bachrach nicht mehr möglich gewesen sei: „Ich habe im Ganzen recht nachgelassen und meine Nerven haben mich in letzter Zeit oft im Stich gelassen. Nun hatten wir gestern und heute [in Köln] und die Tage zuvor soviel Arbeit, dass ich mich etwas vergaß, das heißt, in dem Sinne, dass es mit den Nerven etwas besser ging. Aber so lange wir in Plettenberg waren nicht“.

Verfrachtung ins „Judenhaus“ und Tod

Was die Bachrachs und Meta Lievendag zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen und auch noch nicht ahnen konnten: In den folgenden anderthalb Jahren mussten sie nochmal innerhalb Kölns umziehen – im Sommer 1941 vom Pauliplatz in ein so genanntes „Judenhaus“ an der Beethovenstraße. Von dort wurden sie schließlich im Oktober 1941 vom Bahnhof Köln-Deutz ins Ghetto nach Litzmannstadt deportiert – eine Reise ohne Rückkehr.

Julius Bachrach, Olga Bachrach und Meta Lievedag haben den Holocaust nicht überlebt. Der Umzug von Plettenberg nach Köln am 23. Dezember 1939 war nur ein Zwischenhalt auf ihrem Weg in den Tod.

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