Der Schmiedemeister geht von Bord

Jubiläum mit Seltenheitswert: H. Hermes nach 50 Jahren in Ruhestand verabschiedet

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Kaspar (li.) und Horst Koester (re.) verabschiedeten gestern nach sage und schreibe 50 Jahren Unternehmenszugehörigkeit Hugo Hermes. Mit dabei war unter anderem auch seine Frau Magdalena. 

In der heutigen Arbeitswelt dürfte dieses Jubiläum wohl nicht mehr zu erreichen sein: Hugo Hermes hat 50 Jahre und damit sein gesamtes Arbeitsleben beim heimischen Unternehmen Langenbach & Koester verbracht. Am gestrigen Donnerstag verließ der Schmiedemeister das ‘L & K-Schiff’ und verabschiedete sich an seinem 65. Geburtstag in den wohlverdienten Ruhestand.

Gerade heute, wo in der Arbeitswelt viel Flexibilität gefordert würde und eine gewisse „Söldnermentalität“ herrsche, wie Geschäftsführer Kaspar Koester es nannte, sei ein solches Jubiläum nicht nur etwas Besonderes, sondern einzigartig. Mit 15 Jahren hatte Hugo Hermes im heimischen Betrieb seine berufliche Karriere begonnen – nach genau 50 Jahren endete diese am gestrigen Donnerstag. 

Hermes hat damit 45 Prozent der Firmengeschichte hautnah miterlebt und diese mitgestaltet – die Firma Langenbach und Koester wird in diesem Jahr 111 Jahre alt. „Wir haben viel gemeinsam durchlebt und durchlitten“, sagte Koester. Das mache das besondere Verhältnis des Unternehmens zum Schmiedemeister aus. Hermes habe mit seinem Wissen und mit seiner Art, Mitarbeiter zu führen, einen bleibenden Eindruck hinterlassen. 

Erster Lohn waren 167 DM Wie wichtig er für das Unternehmen gewesen sei, wurde auch mit dem Abschiedsgeschenk verdeutlicht. Nicht nur aufgrund der Affinität von Hermes zur Parodie passe die Karikatur ‘Der Schmiedemeister geht von Bord’ – in Anlehnung an die historische Satire-Zeichnung über die Entlassung Otto von Bismarcks (vgl. Info-Telegramm) – perfekt zu Hermes. 

„Es gibt viele Parallelen zu der Karikatur aus Großbritannien. Aber: Dies ist kein Rauswurf, sondern ein Abschied in bestem, kollegialen Verhältnis“, sagte Koester, der dem Jubilar und Geburtstagskind auch das erste Gehalt noch einmal auszahlte – allerdings nicht in DM, sondern in Euro. 

Und auch hier wurde deutlich, wie sehr sich die Zeiten gewandelt haben: 167 DM hatte Hermes zu Beginn seines Arbeitslebens in seiner Lohntüte. „Sie haben meinem Großvater, meinem Vater und mir ‘gedient’, um es mal in militärischer Sprache auszudrücken“, sagte Koester. „Die letzte Anweisung, die sie jemals von einem Koester erhalten werden, folgt jetzt: Machen Sie es gut und bleiben Sie gesund! Sie sind immer herzlich willkommen bei uns.“ Der Jubilar, zuletzt Meister in den Abteilungen Stanzerei und Schmiede, dankte sichtlich bewegt allen Mitarbeitern für die Zusammenarbeit. „Ich habe in den 50 Jahren viele interessante Leute kennenlernen dürfen“, sagte Hermes. 

Er wünschte seinen Nachfolgern viel Glück und dankte seiner zur Verabschiedung erschienenen Familie für die tatkräftige Unterstützung. Karten für das 50-Jährige gibt es nicht Volker Hauer hatte im Namen des Betriebsrates eine Glückwunsch-Karte besorgt – und das sei alles andere als einfach gewesen. 

„Ich wollte eine Karte für das 50-jährige Firmenjubiläum haben. Der Verkäufer sagte nur, dass es so etwas nicht mehr gibt und eine solche Karte extra gedruckt werden müsste“, bescheinigte auch Hauer die Besonderheit dieses Jubiläums. „Der Ladenbesitzer fragte mich, ob Sie denn in den vergangenen 50 Jahren nichts Besseres gefunden haben, um so lange in einem Unternehmen zu sein“, sagte Hauer mit einem Augenzwinkern. 

Erinnerungen wurden wach, als im Rahmen einer Foto-Show alte Aufnahmen aus dem Arbeitsleben von Hugo Hermes präsentiert wurden. Der Jubilar selbst freut sich auf seinen Ruhestand, für den er aber noch keine konkreten Pläne schmieden möchte, wie er im ST-Gespräch erklärte: „Wir werden aber ganz sicher nicht zuhause rumsitzen.“ Für ihn genoss nicht die Verabschiedung in den Ruhstand besondere Bedeutung an diesem Tag, sondern der Rückblick auf die 50-jährige Tätigkeit in einem und demselben Unternehmen. 

Und so bat Hugo Hermes auch den ST-Reporter: „Schreiben Sie bitte keinen Totenbericht – mich gibt es noch!“

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