„Aufrecht und unerschrocken“

+
Dietrich Bonhoeffer konnte im Angesicht der monströsen Verbrechen des NS-Staates nicht schweigen. Für seine Überzeugungen musste er schließlich sein Leben lassen.

Während sich die Welt um ihn herum größtenteils dem nationalsozialistischen Führerkult ergeben hatte, Verbrechen gegen die Menschlichkeit als notwendiges Übel hingenommen und Menschenleben in „wert“ und „unwert“ eingeteilt wurden, konnte und wollte er nicht schweigen – trotz aller Konsequenzen: Der lutherische Theologe Dietrich Bonhoeffer wurde vor 75 Jahren, am 5. April 1943, verhaftet und zwei Jahre später gehängt.

Der 1906 in Breslau geborene Theologe stand dem NS-Regime von Beginn an kritisch gegenüber. Er sah die Verteidigung der Menschenrechte als kirchliche Pflicht an, zu einer Zeit, in der sich die „Deutschen Christen“ ganz und gar der Rassenideologie des Nationalsozialismus unterworfen hatten. Er stand zu seinen Überzeugen und seinem Glauben ganz offen und öffentlich – in einer Gesellschaft, in der es sich die meisten in der gleichgeschalteten Masse der „Volksgemeinschaft“ bequem gemacht hatten. Aus seinem kirchlichen wurde bald auch ein politischer Widerstand. Für diesen musste Bonhoeffer mit seinem Leben zahlen.

Wie auch in Plettenberg, so tragen auch andernorts heute Gebäude, aber auch Denkmäler seinen Namen. Denn Bonhoeffer ist bis heute ein Vorbild, seine Botschaften bis heute aktuell – das meint auch Pfarrer Andreas Hirschberg von der Evangelischen Kirchengemeinde Plettenberg: „Für die Evangelische Kirche und die Theologie, aber auch für die gesellschaftliche Entwicklung war er prägend.“ So sei es im Sinne Bonhoeffers zu kritisieren, wenn Religion den Menschen aus „der positiven Verantwortung für die Gestaltung dieser Welt entlässt und stattdessen zu destruktiven Handlungen anleitet“, erklärt Hirschberg.

Denn kurz nach der „Machtergreifung“ Hitlers 1933 hatte Bonhoeffer am 1. Februar 1933 in einer Rundfunkansprache (!) vor dem Abdriften in eine Diktatur gewarnt: So erklärte Bonhoeffer, der „Führer“ sollte sich der „Begrenzung seiner Autorität verantwortlich bewusst sein“, sonst „gleitet das Bild des Führers über in das des Verführers.“

Während ein Teil der evangelischen Christenheit ihren Glauben in Form der „Deutschen Christen“ vollkommen der NS-Rassenideologie preisgab, erklärte Bonhoeffer bereits im April 1933 – kurz nach den Boykottaktionen gegen jüdische Geschäfte – in einer Rede vor der Berliner Pfarrerschaft, dass die christliche Kirche verpflichtet sei, allen Opfern der Gesellschaft zu helfen, egal ob Christen oder nicht. Manche der Anwesenden verließen den Raum, als Bonhoeffer zum notfalls gewaltsamen Widerstand gegen unmenschliches Handeln des Staates aufgerufen hatte („Dem Rad selbst in die Speichen fallen“). Offen trat Bonhoeffer auch gegen die Einführung des Arierparagraphen ein, der die jüdischen Mitbürger vollends aus dem gesellschaftlichen Leben ausgrenzen sollte.

„Engagiert und weltoffen zu sein, sich für Ausgegrenzte und Verfolgte einzusetzen, dafür ist Bonhoeffer ein Vorbild“, sagt Pfarrer Hirschberg. Die Deutschen Christen, die Bonhoeffer als Mitglied der Bekennenden Kirche stets verurteilt hatte, würden laut Hirschberg die „dunkle Seite der Kirchengeschichte“ darstellen. Diese hätten ihren Glauben „einer Obrigkeitshörigkeit eingeordnet und dadurch den Kern und ihr Fundament aus den Augen verloren.“

Obwohl die Gestapo Bonhoeffer bereits früh im Visier hatte, konnte dieser – dank seines Schwagers Hans von Dohnanyi – ab 1940 in der Spionageabwehr unter dem Widerständler Wilhelm Franz Canaris tätig sein. Durch diese Position konnte Bonhoeffer auch Auslandsreisen unternehmen. Diese nutzte er, um ausländische Verbündete für den innerdeutschen Widerstand zu gewinnen. Doch auch die Schilderung der Greul des NS-Staates halfen ihm nicht, Unterstützung zu finden.

1940 wurde Bonhoeffer wegen „volkszersetzender Tätigkeit“ mit einem Rede-, ein Jahr später auch mit einem Schreibverbot belegt. Dennoch hielt er am Widerstand fest. In seinem Elternhaus trafen sich zum Teil hochrangige Widerständler. Bonhoeffer selbst war jedoch nicht an einem Hitler-Attentat beteiligt.

Im März 1943 waren gleich zwei Anschläge auf den „Führer“ durch die Gruppe um Canaris fehlgeschlagen. Einen Monat später, am 5. April, wurde Bonhoeffer verhaftet und wegen „Wehrkraftzersetzung“ im Gefängnis Berlin-Tegel untergebracht.

Zwar konnte eine Beteiligung Bonhoeffers am Stauffenberg-Attentat vom 20. Juli 1944 nie nachgewiesen werden, im Zuge der Ermittlungen wurde jedoch brisantes Material gefunden: Im Geheimarchiv der Spionageabwehr fand die Gestapo Dokumente über die Umsturzversuche von Canaris. Die hier gefundenen Beweise gegen Bonhoeffer besiegelten seinen Tod.

Anfang April wurde Bonhoeffer in das KZ Flossenbürg überführt. Am 5. April ordnete Hitler persönlich die Hinrichtung aller noch lebenden Verschwörer an. Nach einem Scheinprozess ohne Verteidigung, Zeugen oder Protokoll wurde Bonhoeffer zum Tod durch den Strang verurteilt. Am Morgen des 9. April 1945 musste der Theologe gemeinsam mit anderen Verurteilten nackt zum Galgen gehen. Der SS-Lagerarzt Hermann Fischer-Hüllstrung berichtete zehn Jahre später: „Ich habe in meiner fast 50-jährigen ärztlichen Tätigkeit kaum je einen Mann so gottergeben sterben sehen.“ Es sei eindrucksvoll, so erklärt Hirschberg, dass Bonhoeffer so unerschrocken an seinem Glauben festgehalten habe, dass „er bis zuletzt mit Gott in Kontakt stand.“

Bonhoeffers Botschaft von universellen Menschenrechten, die nicht an Kultur, Religion oder Herkunft gekoppelt sind, ist heute vielleicht sogar aktueller denn je. Und natürlich sei Bonhoeffer auch heute noch ein Vorbild, sagt Hirschberg. Man könne von ihm lernen, „aufrecht und unerschrocken zu sein.“

Bonhoeffers Schuldbekenntnis, bereits 1940 verfasst, müsse im Sinne einer Kritik an der gesamten damaligen evangelischen Kirche (Deutsche Christen und Bekennende Kirche) verstanden werden: Hier schreibt Bonhoeffer unter anderem, die Kirche habe „den Ausgestoßenen und Verachteten die schuldige Barmherzigkeit oftmals verweigert. Sie war stumm, wo sie hätte schreien müssen, weil das Blut der Unschuldigen zum Himmel schrie.“ Sicher ist dies auch eine Warnung für unsere Zeit.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare