Dutschke-Attentat wirft Schatten bis nach Plettenberg

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Das Grab von Rudi Dutschke. Der Studentenführer war an den Spätfolgen des Attentats vom April 1968 gestorben.

Der April 1968 veränderte die Welt nachhaltig: Nicht nur die Ermordung Martin Luther Kings, sondern vor allem auch das Attentat auf Studentenführer Rudi Dutschke bewegten die Republik. Die revolutionäre Stimmung in Teilen der Jugend erreichte auch das damals provinzielle Plettenberg – und fand Unterstützer und Gegner gleichermaßen.

Die Jugend begehrte in jenem schicksalhaften Jahr überall in Deutschland auf – vor allem gegen die Große Koalition, aber auch gegen das Verdrängen der Nazi-Barbareien. Prominenter Führer radikaler Studenten war unter anderem Rudi Dutschke, der am 11. April 1968 während einer Demonstration einem Attentat des Rechtsextremisten Josef Bachmann zum Opfer gefallen war. An den Spätfolgen der schweren Hirnverletzungen starb Dutschke zwölf Jahre später.

Die Folge: Die Osterunruhen, die als die größten Demonstrationen in der Geschichte der Bundesrepublik gelten. Während Studenten das Verlagshaus des Axel Springer-Verlages belagert hatten, verlief der Protest in Plettenberg wesentlich ruhiger. Dennoch: Auch hier vertraten Studenten vehement ihre Ansichten über Politik und Gesellschaft.

Am 16. April hatten die Plettenberger Studenten E. Brockhaus, W. Schaumberg und F. Siepmann die Heimatzeitung eingeladen, sie beim Verteilen von Flugblättern zu begleiten. Diese Blätter verteilten sie vor der Christuskirche und der Böhler Kirche.

„Im übrigen muss man anerkennen, dass nicht nur die Verteilung durchaus friedlich und gesittet verlief, sondern dass auch der Inhalt des Flugblattes weniger auf Angriff als auf Selbstrechtfertigung und Verteidigung abgestellt ist“, schrieb das Süderländer Tageblatt damals.

Die Plettenberger Studenten bekräftigten in ihrem Flugblatt die Thesen der radikalen Studentenschaft: Bemängelt wurde unter anderem, dass es die Bundesregierung nicht für nötig halte, „ihre amerikanischen Freunde von weiteren Verbrechen in Vietnam abzuhalten.“ Aus heutiger Sicht wirkt es zwar eigenartig, doch die Studenten sahen sich auch gezwungen, gegen Stereotype vorzugehen: Sie seien alles andere als ungepflegt und natürlich würden sie nicht lieber demonstrieren, als studieren.

Doch auch ein Angriff auf den Springer-Verlag (unter anderem Bild) fehlte nicht: „Hier wird nicht versucht, über das aufzuklären, was die Studenten wollen; Tatsachen werden verzerrt, Hass wird geschürt. Könnte die Springer-Presse deswegen nicht mitschuldig sein am Attentat auf Rudi Dutschke?“

In der Tat hatte die Bild in den Monaten vor dem Attentat auf den Studenten-Führer gegen diesen gehetzt, indirekt gar zur Selbstjustiz aufgerufen: „Die Drecksarbeit nicht der Polizei überlassen!“ Für die „braven Bürger“ wurde Dutschke so zur Verkörperung des Bösen schlechthin.

Bereits zuvor hatten sich Teile der Gesellschaft scheinbar unversöhnlich gegenüber gestanden – auch in Plettenberg. Katholische Priester, aber auch Teile der Bevölkerung akzeptierten beispielsweise nicht, dass einen Vertreter der Jungsozialisten ihre Kinder in katholischer Religion unterrichten sollte. Gehetzt wurde von der Kanzel herab – es ging sogar so weit, dass das Thema in Leserbriefen in der Zeitung zur Sprache kam.

Kurz nach dem Attentat auf Rudi Dutschke hatten drei Studenten in Plettenberg vor den Kirchen Flugblätter verteilt.


Doch es gab auch Unterstützer der studentischen Sache unter der Plettenberger Bevölkerung. Ein Leser der Heimatzeitung erklärte in einem Brief, es sei „bewundernswert, dass junge Menschen unter uns Leben, die für ihre Überzeugungen auf die Straße gehen und sich dort erforderlichenfalls zusammenschlagen lassen.“ Der „geistlose Gegenterror“, vor allem der übermäßige Einsatz von Gewalt der Polizei bei Studenten-Demonstrationen, helfe nicht bei der Lösung der gesellschaftlichen Fragen. „Die jungen Idealisten haben ein Recht darauf, dass die Erwachsenen nunmehr sprechen“ und diese nicht „mit läppischen Phrasen abspeisen, um sie auf diese Weise zur Ruhe zu bringen.“

Während sich bundesweit die politischen Lager scheinbar unversöhnlich gegenüberstanden, versuchte man jedoch in Plettenberg die Probleme im Kleinen und im Gespräch zu lösen.

Die Jungsozialisten aus Plettenberg und Werdohl hatten daher Anfang Mai 1968 zur Podiumsdiskussion in das Hotel Weidenhof eingeladen. Nicht nur Mitglieder des SDS (Sozialistischer Deutscher Studentenbund) waren anwesend, sondern auch Vertreter der konservativen Lager. Mit dabei war unter anderem auch Klaus Ising in seiner damaligen Funktion als Kreisvorsitzender der Jungen Union.

„Im Kreuzfeuer der Kritik standen ebenfalls der Verlag Axel Springer sowie Politiker der Großen Koalition“, berichtete das ST damals. Vertreter des SDS hatten erklärt, dass die seinerzeit im Bundestag vertretenen Parteien keine echte Demokratie garantieren würden. Gemeint waren damit sicher auch die bereits in Planung befindlichen Notstandsgesetze, mit denen in besonderen Fällen die Grundrechte hätten eingeschränkt werden können. Viele Studenten sahen darin eine Rückkehr zu den Geschehnissen von 1933. Eine Aussage, die Ising nicht so stehen lassen wollte: Missstände gebe es in der BRD sicherlich, vieles würde jedoch auch hochgespielt.

Einigkeit herrschte allerdings auch: Kaum einer widersprach, als erklärt wurde, dass jungen Menschen damals zu wenig Möglichkeit gegeben worden sei, aktiv an der Politik teilzuhaben.

Harmonisch endete die Versammlung jedoch nicht: Es gab Beifall, aber auch viele Buh-Rufe, als die Vertreter des SDS erklärt hatten, notfalls auch mittels einer Revolution ihre Ziele erreichen zu wollen.

Zur Revolution kam es bekanntermaßen nicht; die Unruhen der linksgesinnten Studenten nahmen in den folgenden Wochen jedoch zu. Mit einem Abstand von 50 Jahren lässt sich aber festhalten: Der April 1968 veränderte die Welt, die Bundesrepublik und damit auch Plettenberg nachhaltig.

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