Mehr als nur ein Wahlrecht

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Auch in Plettenberg hatten viele Frauen offenbar sehnsüchtig auf das Wahlrecht gewartet. So informierte die Evangelische Frauenhilfe noch kurz vor dem Jahreswechsel 1918/19 über „unsere Frauen und die verschiedenen Parteien“.

„Die Einführung des Frauenwahlrechts war so gesehen die Initialzündung zur Geschlechtergleichstellung. Nun gab es keine Argumente mehr zur Ungleichbehandlung – aber in der Praxis gab es sie weiterhin“, erklärt Ursula Neukirch, Mitglied der Seniorenredaktion. Vor 100 Jahren durften auch Plettenberger Frauen zum ersten Mal wählen.

Seit Mitte des 19. Jahrhunderts hatte es in Deutschland immer mehr Frauen gegeben, die sich für die Gleichberechtigung der Geschlechter einsetzten. Denn Frauen besaßen seinerzeit weder ein Wahl-, noch ein Besitz- oder Erwerbstätigkeitsrecht.

Frauen waren de facto Bürger zweiter Klasse, sie durften sich noch nicht mal politisch organisieren, geschweige denn Parteien beitreten. „Haushalt und Kinder – das waren die Aufgaben der Frauen von vor 100 Jahren. Die Frauen waren in den Köpfen der Menschen – auch vieler Frauen selbst übrigens – nicht dazu gemacht, politisch und gesellschaftlich mitzureden“, erklärt Mareike Masuch, Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Plettenberg.

Doch die Niederlage im Ersten Weltkrieg, das Ende der Monarchie und die Ausrufung der Republik gaben der Frauenrechtsbewegung in Deutschland neuen Aufwind. Schließlich beschloss der Rat der Volksbeauftragten am 12. November 1918 eine Wahlrechtsreform: Nicht nur das gleiche und geheime Wahlrecht wurde eingeführt; fortan durften auch Frauen aktiv und passiv an Wahlen teilnehmen.

Das Umdenken der männlichen Elite des Staates hatte bereits während des Ersten Weltkrieges eingesetzt. Vor allem, da Frauen zunehmend in der Rüstungsindustrie benötigt wurden, konnten ihnen langfristig nicht mehr die gleichen Rechte wie Männern vorenthalten werden. Bezeichnend ist ein Satz des damaligen Plettenberger Bürgermeisters Rudolf Köhler aus dem Jahr 1917: „In gewöhnlichen Zeiten gehört die Mutter und vielfach die Frau in erster Linie in die Familie. Heute ist das auch anders.“

Die Sehnsucht vieler Plettenbergerinnen nach politischer Mitsprache muss ungeheuer groß gewesen sein. Nur wenige Tage nach der Verkündung der Wahlrechtsreform erschienen zahlreiche Anzeigen in der Heimatzeitung: Frauenvereine riefen zu politischen Informationsveranstaltungen auf. Die Parteien erkannte dagegen schnell das große Stimmenpotential der weiblichen Wählerschaft: Sie luden fortan auch ausdrücklich Frauen zu den Partei-Versammlungen ein.

„Es gab damals auch genug Frauen, die solch ein Mitspracherecht in der Gesellschaft nicht passend fanden“, erklärt Masuch. Zu tief war der männergeführte Staat noch in der Gesellschaft verankert. „Daher beginnt für mich der Weg zur Gleichberechtigung an der Stelle, als sich einzelne Frauen für die Rechte aller Frauen stark machten und damit alle Menschen zum Nachdenken brachten. Frau und Mann mussten sich mit offeneren Denkweisen auseinandersetzen.“

Bereits ab 1908 war es Frauen erlaubt worden, Parteien und politischen Vereinen beizutreten. Der jahrzehntelange Einsatz engagierter Frauen wie Hedwig Dohm, die 1873 auch die „Ebenbürtigkeit“ und „Freiheit“ der Frau forderte, hatte Erfolg. Und der Druck wurde immer größer: Im Oktober 1918 verfassten 58 Frauenorganisationen ein Schreiben an den damaligen Reichskanzler Max von Baden mit der Forderung nach einem Frauenwahlrecht. Gleichzeitig hatten sich mehrere tausend Menschen mit derselben Forderung in Berlin versammelt.

Die Frauen machten von ihren neugewonnen Recht Gebrauch: Über 80 Prozent der wahlberechtigten Frauen hatten zur ersten Wahl zur verfassungsgebenden Nationalversammlung im Januar 1919 ihre Stimme abgegeben. Zur Kommunalwahl Anfang März 1919 waren sogar mehrere Plettenbergerinnen angetreten: Gemeindeschwester Paula Schenkenberger, Helene Ebbinghaus (DNVP), Linda Ohm, Frieda Niggetiet, Ella Reinländer (DDP) und Elise Lüsebrink (SPD). Lediglich Letzterer gelang der Sprung in das heimische Stadtparlament – immerhin konnte die SPD ein Traumergebnis von 51,8 Prozent erzielen.

Elise Lüsebrink, eine junge Witwe, die als Hebamme tätig war und die sechs Kinder sowie ein Pflegekind alleine großgezogen hatte, schaffte den Sprung in den Plettenberger Rat fünf Jahre später nicht mehr – die SPD hatte erdrutschigartig Stimmen verloren und kam 1924 nur noch auf 21,4 Prozent. Dafür zog jedoch mit Alwine Hartmann (KPD) erneut eine Frau ins Stadtparlament. Schnell war die Teilhabe von Frauen am politischen Leben normal, allerdings nicht zur Selbstverständlichkeit geworden.

„Es war ein langer, schwieriger Weg. Ich habe persönlich schon als Kind sehr darunter gelitten. Daher bin ich schon mit Wenigem auch heutzutage zufrieden und staune über die jungen Frauen, wo sie noch ein Quentchen Ungleichbehandlung sehen“, erklärt Neukirch. Das Wahlrecht für Frauen habe eine Entwicklung in Gang gesetzt, die Neukirch für gelungen hält: „Für unsere Bundesrepublik ist die Gleichstellung gelungen – siehe Bundeskanzlerin – wie es allerdings mit der Positionsverteilung in der Industrie aussieht, kann ich nicht beurteilen.“

Die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt sieht das anders; laut Masuch sei die Gleichberechtigung von Frau und Mann noch immer nicht erfolgt: „Dass Männer in Beziehungen immer wieder Gewalt gegen ihre Frauen anwenden, zeigt zusätzlich und auf brutale Weise, dass in manchen Köpfen die Gleichstellung noch nicht angekommen ist.“ Masuch findet, Frauen und Männer sollten gemeinsam Wege finden, auf Augenhöhe zu agieren. Der Sachverstand und das Können beider Geschlechter seien in allen Lebensbereichen wichtig.

„Es geht schließlich nicht darum, wer besser oder mächtiger ist, sondern darum, sich fair und gleichberechtigt zu ergänzen. Davon – von dieser Vielfalt – kann dann die ganze Gesellschaft profitieren“, erklärt Masuch.

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