Interview mit Ralf Meyer

Corona als Brennglas: „Probleme werden intensiver erlebt“

Ralf Meyer
+
Ralf Meyer, Leiter der Psychologischen Beratungsstelle der Diakonie Lüdenscheid-Plettenberg.

Plettenberg – Zehn Monate gibt es jetzt schon Corona-Maßnahmen. Viele Menschen sind viel zuhause. Und Besserung ist erstmal nicht so richtig in Sicht. Probleme sind da vorprogrammiert. Im Interview mit Jona Wiechowski spricht Ralf Meyer, Leiter der psychologischen Beratungsstelle der Diakonie Lüdenscheid-Plettenberg, von Corona als Brennglas. Die Probleme, die es immer schon gab, werden jetzt intensiver wahrgenommen. Der Psychologe erklärt, wie sich die Arbeit in den letzten Monaten verändert hat. Und auch, wie man dem Corona-Blues begegnen kann.

Mit was für Problemen kommen Menschen aktuell auf Sie zu?

In der Corona-Zeit sind spezifische Fragestellungen dazugekommen – beispielsweise Probleme, die mit dem Home-Schooling zu tun haben. Oder auch, wenn es um Tod und Trauer geht und um die Frage: „Habe ich von einem Angehörigen Abschied nehmen können?“ Bei den jetzigen Einschränkungen hat das oft nicht so stattfinden können, wie sich die Menschen das gewünscht haben und wie es für einen gelingenden Trauer-Prozess auch gut und richtig gewesen wäre.

Wie ernst ist die Lage bei den Betroffenen, die vorbeikommen?

Ich nenne mal das Stichwort „Konflikte in der Familie“. Dazu ist das Bild von einem Brennglas durch die Medien gegangen: Probleme, die eigentlich schon vorher bestanden haben, gibt es nach wie vor – jetzt werden sie aber intensiver erlebt. Menschen erleben die jetzige Situation als zunehmende Bedrängnis. Die eigenen Möglichkeiten, mit Konflikten oder mit Problemen umzugehen, sind geringerals das sonst der Fall war.

Hat sich verändert, wer auf die Beratungsstelle zugeht?

Nach wie vor kommen vorzugsweise Familien. Schulische Fragestellungen spielen eine Rolle, und auch Erziehungsfragen, Familienthemen, familiäre Konflikte. Von der Art der Fragestellung hat sich das im Großen und Ganzen nicht verändert. Ältere Menschen sind nicht der Regelfall – aber im Zusammenhang mit Tod und Trauer aktuell eben auch.

Hat die Nachfrage nach psychologischer Beratung in den letzten Monaten zugenommen?

Wenn ich mir das gesamte Jahr 2020 anschaue, ist die Zahl der Anfragen im Vergleich zu den Vorjahren zurückgegangen. Dabei war der Rückgang im ersten Lockdown sehr viel deutlicher. Ich hatte damit gerechnet, dass es auch im Dezember einen deutlichen Rückgang geben wird.

Menschen erleben die jetzige Situation als zunehmende Bedrängnis. Die eigenen Möglichkeiten, mit Konflikten oder mit Problemen umzugehen, sind geringer als das sonst der Fall war.

Ralf Meyer

Wie hat sich die Beratung an sich verändert – passiert die inzwischen vermehrt auch übers Telefon?

Was Präsenzberatung angeht, haben wir das Angebot unsererseits reduziert. Die Corona-Schutzverordnung gibt bestimmte Rahmenbedingungen vor. In der Beratungsstelle haben wir entsprechende Räume ausgewiesen, die groß genug sind, um das Infektionsrisiko zu verringern. Wir haben Maskenpflicht und Desinfektionsmittel am Eingang. Wir versuchen bei der Terminvergabe zu vermeiden, dass zu viele Menschen zur gleichen Zeit kommen, sodass es sich nicht vor der Eingangstür drubbelt. Wir machen die Erfahrung, dass Menschen Termine auch absagen, aufgrund der Erkrankung von Familienmitgliedern. Das ist auch ein Zeichen von Vorsicht, dass man das Infektionsrisiko nicht weiter tragen will und im Zweifel lieber einen Termin absagt, was ich sehr verantwortungsvoll und richtig finde. Wir bieten sehr viel stärker Beratungen per Telefon und Video an.

Die Psychologische Beratungsstelle der Diakonie Lüdenscheid-Plettenberg befindet sich im Paul-Gerhardt-Haus.

Gab es die Videoberatung schon immer oder erst seit Corona?

Die ist neu. Neu ist auch, dass wir verstärkt Telefonberatungen nutzen. Wir haben in früheren Zeiten so gut wie nie nur telefonisch gearbeitet. Für uns war Beratung immer: Die Menschen kommen in unsere Stelle oder wir gehen zu ihnen und reden Face-to-Face. Wir haben das Verständnis „Was kann Beratung bieten?“ in der Corona-Zeit deutlich verändert. Inzwischen ist die Telefonberatung ein gleichwertiges Angebot – wir sehen aber auch Einschränkungen. Bestimmte Informationsquellen gehen verloren: Ein Gesichtsausdruck kann nicht über ein Telefonat vermittelt werden. Es ist dennoch eine hilfreiche Form des Angebots.

Momentan ist häufig vom Corona-Blues zu lesen. Was kann man tun, um besser durch diese Zeit zu kommen?

Das eine ist, eine Tagesstruktur aufrecht zu erhalten. Mitarbeitende im Homeoffice, die sagen durchaus: „Einen ganzen Tag im Homeoffice, das ist eine Herausforderung.“ Das übersetze ich mal auf Familien: Dadurch, dass alle Familienmitglieder sonst irgendwie unterwegs waren, sind sie jetzt sehr viel stärker auf sich bezogen. Tagesabläufe sind nicht mehr so eindeutig strukturiert. Der Zeitpunkt, wann stehe ich morgens auf, wann muss ich an einem bestimmten Ort sein, welche Aufgaben muss ich wann erledigt haben – das alles ist ein bisschen zerfasert. Da ist es erfahrungsgemäß gut, eine Regelmäßigkeit zu erhalten. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, könnte man sagen. Das andere ist: Kontakte halten, auch wenn es nur über das Telefon oder Skype oder WhatsApp ist. Das Dritte: Rausgehen und sich bewegen – aber nicht mit allen gleichzeitig auf dem Schneehügel.

Kontakt

Die Psychologische Beratungsstelle des Diakonischen Werkes Lüdenscheid-Plettenberg befindet sich an der Bahnhofstraße 25-27 und ist zu erreichen unter Tel. 0 23 91 / 95 40 25. Informationen gibt es auf der Internetseite diakonie-luedenscheid-plettenberg.de.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare