Alles Wichtige zum Corona-Impfstoff

Test von Corona-Impfstoff
+
Die Entwicklung eines Corona-Impfstoffs sorgt für Euphorie. Doch Martin Boncek tritt ein wenig auf die Bremse: Erst müsse der Impfstoff in großen Mengen hergestellt und auch verteilt werden.

Plettenberg – Inzwischen melden zwei Pharmaunternehmen Erfolge bei der Suche nach einem Impfstoff gegen Corona. Über diese gute Nachricht hat Martin Boncek, Sprecher der Plettenberger Ärzte, mit Johannes Opfermann gesprochen, aber auch über die Herausforderungen und offenen Fragen, die bei der Verteilung des Impfstoffs zu berücksichtigen sind.

Wie bewerten Sie die Nachricht, dass inzwischen zwei Unternehmen Impfstoffe entwickelt haben, die eine Wirksamkeit von über 90 Prozent haben sollen? 

Man ist erst einmal einen Schritt weitergekommen. Es ist ein gutes Zeichen für die wissenschaftliche Arbeit, dass in relativ kurzer Zeit ein Wirkstoff entwickelt wurde. Das ist ein aufwendiges Verfahren, das normalerweise Jahre dauert, von der Analyse eines Virus bis zur Marktzulassung eines Wirkstoffs. Dass man innerhalb von nur ein paar Monaten soweit gekommen ist, ist auch für die internationale wissenschaftliche Zusammenarbeit ein gutes Zeichen. Wir müssen noch schauen, wie die Impfung vertragen wird. Von dem, was ich bisher gelesen habe, sind in den klinischen Studien keine schweren Nebenwirkungen festgestellt worden. Aber seltenere Nebenwirkungen würden sich erst zeigen, wenn man es langfristig an einer großen Menge Patienten beobachten kann. In Deutschland werden solche Nebenwirkungen vom Paul-Ehrlich-Institut erfasst und auch international werden die Wirkstoffe untersucht. Durch die weltweite Kooperation kann sichergestellt werden, dass alle Risiken erfasst und dazu dann valide Aussagen gemacht werden können. 

Wenn der Impfstoff erst einmal da ist: Welche Herausforderungen gibt es bei der Verteilung zu berücksichtigen? 

Der Impfstoff muss erst einmal hergestellt und verteilt werden. Es wird nicht für alle sofort und überall die nötige Menge zur Verfügung stehen, deswegen muss sich die Politik damit auseinandersetzen, wie der Impfstoff verteilt werden soll. Dabei wird es eine Priorisierung geben, sodass bestimmte Gruppen zuerst geimpft werden. Es gibt ein gemeinsames Positionspapier der Ständigen Impfkommission, des Deutschen Ethikrates und der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina dazu, wie der Zugang zu einem Impfstoff geregelt werden sollte. Die Priorisierung muss demnach medizinischen, ethischen und rechtlichen Prinzipien folgen.

 Was heißt das? 

Ein wichtiger Aspekt ist, dass die Impfung freiwillig erfolgt. Auch das Thema Gerechtigkeit ist wichtig, also dass nicht der Geldbeutel darüber entscheidet, wer Zugang zu einer Impfung hat. Eine Rolle spielt auch der Aspekt der Solidarität gegenüber stärker gefährdeten Gruppen, die vorrangig geimpft werden sollten. Die Gruppen, die besonders schutzbedürftig sind, sind bekannt. Eine davon sind die Älteren und Menschen mit gewissen Vorerkrankungen, wie zum Beispiel Krebs oder Immunerkrankungen. Dann gibt es die Gruppe der Menschen, die durch viele Kontakte einem erhöhten Infektionsrisiko ausgesetzt sind, wie beispielsweise das Personal auf den Intensivstationen, Pfleger in Altenheimen oder auch Lehrer. Eine weitere Gruppe sind diejenigen, die für die Aufrechterhaltung zentraler staatlicher Funktionen wichtig sind, also etwa Polizisten, Feuerwehrleute und Rettungskräfte. Das Positionspapier ist dabei nur eine Empfehlung. Eine genaue Entscheidung, wie priorisiert wird, gibt es aber noch nicht. Die staatlichen Organe müssen dafür noch den rechtlichen Rahmen setzen.

 Das ist die rechtliche und ethische Seite bei der Verteilung der Impfstoffe. Was ist mit der Logistik?

 Es ist noch unklar, wie die Impfungen organisiert werden. Die Logistik wird aber wahrscheinlich eine andere sein als bei anderen Impfungen etwa gegen Grippe, Röteln oder Tetanus. Ich habe gelesen, dass der Impfstoff gegen Covid-19 von BioNTech und Pfizer nur bei sehr niedrigen Temperaturen stabil gehalten werden kann. Die meisten Hausarztpraxen haben nicht die Möglichkeiten, den Impfstoff so kühl zu lagern. Um wirksam zu sein, müsste der Impfstoff auch in einer gewissen Zeit verimpft werden. In der Theorie müsste ein Hausarzt angeben, für wie viele Patienten aus den Risikogruppen, die zuerst geimpft werden sollen, Impfdosen benötigt werden. Die müssten dann zu einem bestimmten Zeitpunkt geliefert und in einem Rutsch verimpft werden. Das wäre eine große logistische Herausforderung. Die Überlegungen gehen also eher in Richtung von größeren Impfzentren. Allerdings ist alles, was bisher über diesen Impfstoff bekannt ist, noch sehr vage. Er befindet sich auch noch in der Zulassungsphase; in einer industriell hergestellten Form gibt es ihn noch nicht. Das gilt auch für den zweiten Impfstoff von Moderna. Dieser soll allerdings bei 2 bis 8 Grad über 30 Tage stabil bleiben, was die Logistik vereinfachen könnte.

 Selbst wenn der Impfstoff verfügbar ist, wird sich die Lage dadurch nicht schlagartig verbessern. 

Richtig. Man darf nicht davon ausgehen, dass sich das Bild innerhalb kürzester Zeit verändert. Bis ein großer Teil der Bevölkerung durchgeimpft ist, könnte es mehrere Monate dauern. Das Robert-Koch-Institut rechnet zwar damit, dass der Impfstoff Anfang des Jahres auf den Markt kommt. Selbst dann muss man aber damit rechnen, dass uns die Regeln wie Maskenpflicht und Abstandhalten noch bis in den Herbst begleiten. Die AHA+CL-Regeln – Abstand, Hygiene, Alltagsmaske, Corona-Warn-App und Lüften – müssen wir weiter einhalten. Das gilt auch für diejenigen, die bereits geimpft sind, denn es sollte keine Zwei-Klassen-Gesellschaft aus Geimpften und Ungeimpften entstehen. 

Es ist also noch ein längerer Prozess? 

Uns wird das Thema sicher noch länger begleiten. Auf der einen Seite macht es Mut, dass innerhalb kurzer Zeit Impfstoffe entwickelt wurden. Auf der anderen Seite merkt man natürlich bei den Menschen die Gereiztheit und Ungeduld, auch gegenüber dem Praxispersonal. Die arbeiten alle am Limit und versuchen ihr Möglichstes, erfahren aber manchmal wenig Wertschätzung dafür. Deswegen ist es da wichtig, neben der Einhaltung der Corona-Regeln auch im menschlichen Miteinander einen angemessenen Umgang zu pflegen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare