Vor der Fortsetzung der Innenstadtsanierung wird dokumentiert

Knochen und Mauern: Archäologen graben am Plettenberger Kirchplatz

Am Kirchplatz wurden Fundamente freigelegt.
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Bei den am Kirchplatz ausgegrabenen Fundamenten dürfte es sich aller Wahrscheinlichkeit um die Reste einstiger Wohnhäuser handeln.

Plettenberg – Die Sanierung der Plettenberger Innenstadt ist am Kirchplatz angekommen. Bevor dort aber mit der Umgestaltung begonnen und neu gepflastert werden kann, gilt es zunächst, die Stadtgeschichte im Untergrund zu erforschen. Denn hier wurden neben alten Fundamenten auch Knochen-Fragmente gefunden.

Die Stadt Plettenberg hat deshalb den Fachbereich für Bodendenkmalpflege des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe (LWL) hinzugezogen. In der vergangenen Woche hat die Außenstelle Olpe der LWL-Archäologie für Westfalen, die sich für den Erhalt der Bodendenkmäler im Regierungsbezirk Arnsberg engagiert, auf einer Probefläche mit ersten Sondierungen vor Ort begonnen. „Ein Kirchplatz ist immer ein Bodendenkmal“, weiß Dr. Eva Cichy, die gemeinsam mit ihrem Kollegen Dr. Wolfram Essling-Wintzer die Untersuchungen in Plettenberg vornimmt.  

Früher ein Friedhof

Das Areal um die Christuskirche diente in der Vergangenheit nicht nur als Friedhof, es befand sich dort auch die Katharinenkapelle. Dass es sich bei den nun freigelegten Fundamenten und Mauerresten um einen Teil der im 15. Jahrhundert erbauten und vermutlich 1824 abgetragenen Kapelle handelt, vermutete zunächst Günter Heerich vom Heimatkreis.

Bernd Paulus, der sich seit vielen Jahren ehrenamtlich um die Gebäude der Evangelischen Kirchengemeinde Plettenberg kümmert, ist skeptisch. „Die Kapelle lag nicht so weit entfernt von der Christuskirche“, sagt Paulus und kann diese Vermutung auch durch ein Luftbild aus dem Jahr 1979 bestätigen, als dort schon einmal Fundamente freigelegt wurden. Paulus bezweifelt auch, dass die Fundamente zu einer Umfassungsmauer des Kirchplatzes gehören: „Eine solche Mauer wird in keiner Chronik erwähnt und ist auch für Stadtkirchen eher unüblich.“ Paulus hält es für wahrscheinlich, „da die Mauer sich in der selben Flucht wie die umgebende Kirchstraße befindet, dass es Profanbauten waren.“

Normale Wohnhäuser also, die in der Umgebung der Kirche, deren jüngster Teil, der Ostchor, aus dem 15. Jahrhundert stammt, gebaut wurden. Günter Heerich hat im Urkataster, dem Gebäude- und Einwohnerverzeichnis von 1725, entdeckt, dass dort tatsächlich eine Wohneinheit eingezeichnet wurde. „Das dürfte die Lösung sein“, ist Paulus überzeugt davon, dass sich an der Nordseite der Kirche einmal eine durchgehende Häuserzeile befunden hat.

Halber Unterkiefer

Dafür, dass sich bis 1824 auch ein Friedhof auf dem Kirchplatz befunden hat, gibt es genügend Belege. Nach der napoleonischen Zeit war es allerdings nicht mehr erlaubt, Verstorbene innerhalb der Stadtmauern zu bestatten. So entstand der Böhler Friedhof, der deutlich mehr Raum für Gräber als der Kirchplatz bot. „Die Gebeine der Toten wurden auf dem Kirchplatz meist schon nach einem Jahr ausgegraben und in einem kleinen Beinhaus gelagert“, weiß Paulus, der den Standort dieses Beinhauses auf der Aufnahme von 1979 ebenfalls kenntlich gemacht hat. Sterbliche Überreste dürften sich aber auch jetzt noch im Untergrund des Kirchplatzes befinden. So fand Bernd Paulus nach der jetzt erfolgten Freilegung dort „einen halben Unterkiefer“.

Wenn die Wissenschaftler aus Olpe erneut in Plettenberg tätig werden, möchte Bernd Paulus gern dabei sein. Dass sich die Untersuchungen der Archäologen erst im Anfangsstadium befinden und durchaus noch längere Zeit in Anspruch nehmen dürften, bestätigte Dr. Eva Cichy: „Wir haben jetzt nur eine erste Voruntersuchung vorgenommen, wie die Verhältnisse im Untergrund sind.“ Je nachdem, was die Auswertung der Sondage hinsichtlich der Topographie und der Fundstücke ergebe, werde man zusätzlich noch eine archäologische Fachfirma mit weiteren Untersuchungen beauftragen.

Nur Dokumentation

Vom Gesetz her sei es so vorgegeben, falls durch städtebauliche Maßnahmen historisch und archäologisch relevante Dinge zerstört würden, diese vorher zumindest umfassend durch Fotos und Karten dokumentiert werden müssten. „Das ist auch beim Kirchplatz so“, sagt Dr. Cichy, die sich mit der Stadt Plettenberg und der Unteren Denkmalbehörde dazu abstimmen wird.

Die Frage, ob der Standort der ehemaligen Kapelle nach der Neugestaltung des Platzes für die Besucher kenntlich gemacht werden soll, verneinte Bauamtsleiter Sebastian Jülich. Dies sei nicht vorgesehen. Die Freilegung bestimmter Abschnitt geschehe „rein zu Dokumentationszwecken für die Bodendenkmalpflege.“ Der Bau des Platzes erfolge nach den beschlossenen Plänen.

Für Bernd Paulus wäre es wünschenswert, dass dieser Aspekt der Stadtgeschichte für Besucher erkennbar gemacht wird. So könnte man „das Pflaster andersfarbig abheben“, um so die Umrisse nicht mehr bestehender Gebäude kenntlich zu machen. Dies sei auch im Presbyterium der Evangelischen Kirchengemeinde schon andiskutiert worden.

Bleibt abzuwarten, was am Kirchplatz in den nächsten Wochen noch alles zutage tritt. Mit Verzögerungen bei der Innenstadtsanierung im Bereich der Christuskirche muss also gerechnet werden.

Hoffmann bestätigt Funde

Im Planungs- und Umweltausschuss antwortete Till Hoffmann von Planungsamt der Stadt Plettenberg auf die Frage des Ausschussvorsitzenden Klaus Ising (CDU), ob die Tätigkeit der LWL-Archäologen den Fortgang der Innenstadtsanierung am Kirchplatz verzögern könnte. Hoffmann bestätigte, das an der Grabungsstelle ein Hausfundament und Knochen gefunden worden seien und erklärte: „Wir haben an einer Stelle gebuddelt, wo kein Straßenbelag liegt.“ Die Wissenschaftler würden sich nun stückweise weiter vorarbeiten. Bereiche, in denen für die Neugestaltung des Platzes nicht gegraben werden müsse, würden indes von den Wissenschaftlern auch nicht näher untersucht. Hoffmann hofft, dass Zeit- und Kostenaufwand für die Untersuchungen überschaubar bleiben: „Wir sind frühzeitig dran und können parallel arbeiten.“

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