Eine Analyse 

Inferno wie in London? In Plettenberg kaum vorstellbar

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Das große Aufräumen nach dem verheerenden Brand im Londoner Grenfell Tower. Es wird vermutet, dass die Fassadenverkleidung Schuld daran war, dass sich die Flammen so rasend schnell ausbreiten konnten.

Plettenberg - Die Bilder eines lichterloh brennenden Londoner Hochhauses sind letzte Woche um die Welt gegangen. Als Grund für das Inferno haben Experten die Kunststoff-Dämmung an der Hausfassade ausgemacht. Kunststoffe wie Styropor werden aber auch in vielen Häusern in Plettenberg als Dämmung verbaut. Ist ein solcher Brand also auch in unserer Stadt denkbar?

Feuerwehrleiter Peter Hemscheidt kann beruhigen. "Zunächst muss man feststellen, dass es in Plettenberg kein Haus gibt, dass die Qualität eines Hochhauses hat", betont der Fachmann, der in Plettenberg auch den Fachdienst >Vorbeugender Brandschutz< leitet. Daher: Kein Haus - und damit auch nicht die bis zu achtgeschossigen sogenannten Hochhäuser auf der Burg, in Böddinghausen, am Eschen oder in der Hechmecke - ist so hoch, dass es nicht mit der Feuerwehr-Drehleiter erreichbar wäre. Das war in London anders: Hier konnte eine Drehleiter aufgrund der Höhe des 24-stöckigen Hauses die oberen Stockwerke nicht mehr erreichen und damit auch nicht als zusätzlicher Rettungsweg dienen. Auch das war ein Grund dafür, warum mindestens 30 Menschen ums Leben gekommen sind.

Den Medien zufolge ist der Brand in London im vierten Stock entstanden und hat sich von dort aus über die Fassade seinen Weg nach oben gebahnt. Fotos und Videos zeigen, wie die Flammen innerhalb kürzester Zeit nach oben gewalzt sind. Das legt den Verdacht nah, dass Materialien zur Fassadenwärmedämmung eingesetzt wurden, die brennbar sind.

In Plettenberger Wohnhäusern ist wie in ganz Deutschland ein beliebtes Mittel zur Wärmedämmung Polystyrol, besser bekannt unter dem Namen Styropor. Marc Söllner, Geschäftsführer der Zimmerei und Dachdeckerei Söllner, erklärt den Grund, warum viele Bauherren auf Styropor zurückgreifen: "Wir wollen davon ausgehen, dass es die günstigste Art ist, zu dämmen. Jemand, der ein Haus dämmt, guckt auf den Preis und was das Material kann. Und Styropor dämmt besser als zum Beispiel Mineralwolle und ist günstiger."

Styropor brennt, ähnlich wie auch Holz brennen kann. Für den Einsatz am Bau wird Styropor jedoch mit Schutzmitteln behandelt, sodass es in die Baustoffklasse B1 eingestuft ist und damit als schwer entflammbar gilt. In der Praxis bedeutet das laut Marc Söllner, dass das Material nicht sofort, sondern erst bei sehr starker Hitze schwarz wird, dann zu rauchen beginnt und flüssig wird. Weil Styropor generell entflammbar ist, darf es auch nicht dort eingesetzt werden, wo Feuergefahr besteht. Die Landesbauordnung schreibt vor, an welchen Stellen im Haus Styropor verwendet werden darf und an welchen nicht. Darüber hinaus wird der Einsatz durch DIN-Vorschriften geregelt.

Viele Brandschützer, auch in den Fachbehörden des Märkischen Kreises, können sich dennoch nicht mit Styropor als sichere Wärmedämmung anfreunden. Hinzu kommt noch der Umweltaspekt, denn die Entsorgung des Styropors ist reichlich problematisch.

Aber zurück zum Brandschutz und dem angesprochenen Baurecht. Was beim Hausbau im Jahr 1965 noch rechtens war, kann heutzutage längst überholt sein, denn das Baurecht wird regelmäßig verändert. Neu sind zum Beispiel die Bestimmungen für sogenannte Brandriegel. Sie bestehen aus nicht brennbarer Steinwolle, die alle zwei Stockwerke eingefügt werden müssen und damit ein Szenario wie in London verhindern würden.

Sollte das Haus noch auf einem alten Stand sein und sollte Gefahr bezüglich des Brandschutzes bestehen, dann würde die Bauordnung einschreiten, erklärt Feuerwehrleiter Hemscheidt, "aber das gehört zur absoluten Ausnahme." Natürlich würden einige Leute denken >Was soll ich jetzt tun?<, aber kaum jemand werde an seiner Dämmung etwas verändern, prognostiziert Hemscheidt.

Aber der Feuerwehrleiter stellt auch klar: "Klar kann es in Plettenberg brennen. Dass die Dämmung in Brand gerät, gehört für uns aber nicht zum Tagesgeschäft."

Statt sich zuviele Sorgen über ein eher abwegiges Inferno |2a la Londoner Hochhaus zu machen, sieht Peter Hemscheidt ein anderes Thema, das Plettenberg in den nächsten Tagen und Wochen deutlich mehr betreffen könnte: die Waldbrandgefahr. Der Feuerwehrleiter erinnert an die Geschehnisse in Portugal, wo vermutlich ein Blitzschlag einen Flächenbrand ausgelöst hat, der sich dank des Windes rasch ausgedehnt und ganze Dörfer eingekesselt hat. "Auch bei uns ist die Waldbrandgefahr konkret", warnt Peter Hemscheidt. Lagerfeuer oder ein Grillabend im Wald sollten also angesichts der heißen Temperaturen und der Trockenheit unbedingt unterlassen werden. Die Feuerwehr hat bereits ihren Gerätewagen Logistik mit Schlauchmodulen ausgerüstet, um im Fall der Fälle die Wasserversorgung auch in entlegenen Waldgebieten sicherstellen zu können.

Hochhaus in London gerade renoviert

In der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag geriet der Grenfell Tower im Westen Londons in Brand. Es dauerte mehrere Stunden, bis die Feuerwehr die Flammen im Griff hatte. Erst zwei Tage nach dem verheerenden Brand waren auch die letzten Glutnester gelöscht.

- Viele der 600 anwesenden Bewohner wurden im Schlaf von den Flammen überrascht. Der Brand hatte sich in rasender Geschwindigkeit ausgebreitet, vermutlich wegen der Fassadenverkleidung. - Die Fassade war bis zum vergangenen Jahr für 9,9 Millionen Euro saniert und gedämmt worden. Nun stehen die mit Kunststoff gefüllten Aluminium-Paneele im Verdacht, den Brand beschleunigt zu haben.

- Der >Daily Telegraph< zitierte einen Brandschutzexperten, wonach die Paneele wie ein "Windkanal" gewirkt hätten. Die Fassade mit ihren Hohlräumen habe "wie ihr eigener Kaminzug gewirkt", sagte Arnold Turling.

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