Signaltöne von Rettungswagen und Feuerwehrfahrzeugen – Fluch oder Segen?

„Ich war ja so froh, als ich die Martinshörner hörte“

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Am brandneuen RTW 1 der Feuer- und Rettungswache gibt es elektronische Lautsprecher vorne links und rechts neben den Lampen. Das sogenannte Martinshorn ist wesentlich lauter und befindet sich auf dem Dach zwischen den Blaulicht-Lampen.

Plettenberg - Nicht nur Anwohner, die unmittelbar am Plettenberger Krankenhaus wohnen, fühlen sich vom Lärm der Martinshörner von Feuerwehr und Rettungswagen häufig belästigt. „Die fahren hier jede Nacht mit dem lauten Martinshorn hoch, obwohl sie das gar nicht müssten – denn da ist nachts gar keiner mit dem Auto unterwegs“, hieß es erst kürzlich von einem Leser, der sich bei der Heimatzeitung beschwerte. Thomas Gritschke von der Feuer- und Rettungswache Am Wall erklärt, warum die Einsatzkräfte dazu verpflichtet sind, das Martinshorn anzuschalten.

Es war der Tag nach dem Waldbrand am Saley, als eine Frau in der Feuer- und Rettungswache erschien und sich ausdrücklich für den Einsatz aller Retter bedankte. Sie selbst wohnt in Nähe der Wohnsiedlung Eschen und hatte Angst, als Brandgeruch und Rauch in der Luft lagen. Mit zitternder Stimme sagte sie auch einen Tag nach dem Brand: „Ich war ja so froh, als ich die Martinshörner hörte“. So oder ähnlich wird es täglich tausenden von Menschen gehen, die sich bedroht fühlen, einen Unfall haben, deren Haus in Brand geraten ist oder die einen schweren medizinischen Notfall erleiden. Martins- oder Sondersignalhorn bedeutet nämlich auch: Hilfe naht und ist gleich vor Ort.

 Es gibt aber auch eine andere Seite der Empfindung. Menschen, die in der Nähe von Krankenhäusern, Feuerwachen oder im Bereich von Innenstädten wohnen, fühlen sich oftmals gestört vom Lärm der Notfallfanfaren. Die Feuerwehr kennt solche Beschwerden. Aktuell gibt es sogar die Petition einer Münchnerin, die sich von der Lärmbelästigung durch Sondersignalhörner in ihrer Lebensqualität eingeschränkt fühlt. Statt Unterstützer erntet sie ordentlich Gegenwind und stößt auf Unverständnis aufgrund ihrer Forderungen, das Horn nur noch zu bestimmten Zeiten entsprechend angemessen einzusetzen. Die Feuerwehr klärt jedoch auf: Dabei ist das für die Einsatzkräfte oft rechtlich gesehen gar nicht zulässig, ohne Horn zu fahren. Die Straßenverkehrsordnung verlangt das so. Wer als Einsatzfahrer beispielsweise in der Nacht eigenverantwortlich das Sondersignal ausschaltet, muss möglicherweise, da der geschädigte Verkehrsteilnehmer sich nicht rechtzeitig und ausreichend gewarnt fühlt, im Schadensfall mit entsprechenden Konsequenzen rechnen. 

Thomas Gritschke, Pressesprecher der Feuerwehr Plettenberg, versucht das am Beispiel eines „normalen“ Verkehrsteilnehmers anhand einer Ampelkreuzung zu erklären. „Natürlich könnte man nachts um drei Uhr bei wenig Verkehr als Autofahrer bei Rot eine Ampel überqueren. Wird man jedoch dabei erwischt oder gar geblitzt, muss man mit einer empfindlichen Strafe rechnen“. Eine Uhrzeit zum Überqueren einer roten Ampel ist im Gesetz nicht vorgesehen. Baut man dabei trotz aller Vorsicht dann zusätzlich noch einen Unfall und gefährdet sogar Menschenleben, ist die Strafe um ein Vielfaches höher. „So ähnlich verhält es sich auch bei unseren Einsatzkräften, die das Signalhorn hauptsächlich dazu nutzen, andere Verkehrsteilnehmer zu warnen, um möglichst schnell eine drohende Gefahr für Menschen, Tiere, Sachwerte oder Umwelt abzuwehren“, erklärt Gritschke. Dabei stehen die Einsatzkräfte insbesondere nachts unter einem ganz besonderen Druck. Die Fahrer von Einsatzfahrzeugen müssen nicht nur von jetzt auf gleich hoch konzentriert sein, sondern sind auch verantwortlich für alle Mitfahrer sowie das ihnen anvertraute Fahrzeug. „Es sind die Paragraphen 35 und 38 der Straßenverkehrsordnung, wonach alle Einsatzkräfte mit hoheitlichem Auftrag zur Abwehr von Notlagen immer wieder gesondert belehrt werden“, so Ordnungsamtsleiter Thorsten Spiegel zur Situation. Durch genau diese Vorschriften sind die Rettungskräfte Tag wie Nacht gesetzlich dazu verpflichtet, Blaulicht und Horn zur Warnung anderer Verkehrsteilnehmer gleichzeitig einzusetzen.

 Einsatzkräfte, die also demnach in eigenem Ermessen das Blaulicht ohne Horn in den Nachtstunden für ausreichend erachten, handeln letztlich auf eigene Gefahr. Im Zweifel wird der Fahrer daher – auch zur Nachtzeit – den Einsatz von Blaulicht und Martinshorn nicht für verzichtbar halten dürfen. „Über den Einsatz von Sonder- und Wegerechten entscheidet in erster Linie die Leitstelle. Ist bei der Notrufabfrage eine Not- oder Gefahrensituation erkennbar, sind zur zeitnahen Gefahrenabwehr entsprechende Rechte für die ausrückenden Einsatzkräfte freigegeben“, erklärt Thomas Gritschke. Im weiteren Verlauf entscheidet dann beispielsweise eine medizinische Diagnose vor Ort, ob für die Rückfahrt eine entsprechende Fahrt mit Blaulicht und Sondersignalhorn notwendig ist. „Ich kann verstehen, dass es manchmal wirklich ärgerlich ist, wenn man vom Lärm nachts wach wird – aber es geht wirklich um Menschen in Not“, so Gritschke. Er betont auch, dass es viel mehr Einsätze sind, die gefahren werden, im Gegensatz zu den Vorjahren.

In diesem Jahr haben die Einsatzkräfte schon 650 Brandschutz- und Hilfeleistungseinsätze gehabt. So viel habe man sonst am Jahresende. Hinzu kommen noch die Einsatzfahrten für den Rettungsdienst -  jährlich um die 3 000.  „Das liegt einfach am demografischen Wandel. Die Menschen werden älter und dementsprechend auch anfälliger für plötzliche Erkrankungen“, so Feuerwehrmann Thomas Gritschke. 

Letztendlich sollte sich jeder einmal selbst fragen: Was ist, wenn man selbst betroffen ist? In solchen Momenten ist jeder sicherlich sehr froh – wie auch die Anwohnerin vom Saley – das erlösende und nicht nur verfluchte Martinshorn zu hören.

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