„Es war, als ob sich die Quellen der Erde geöffnet hätten“

+
Am 4. November 1940 war unter anderem die Firma Brockhaus schwer betroffen: Das Betriebsgelände stand völlig unter Wasser. Auch der Böddinghauser Weg mit der Wehranlage der Firma Brockhaus stand vollkommen unter Wasser.

Flüsse, die über die Ufer treten und Keller und Fabriken volllaufen lassen, Schlamm- und Geröllmassen, die sich durch die Plettenberger Täler schieben: Wie ein roter Faden ziehen sich die schweren Unwetter und die damit verbundenen Hochwasser durch die Stadtgeschichte.

Ein Blick in die Vergangenheit zeigt: Das Unwetter, das am 7. Juni über Plettenberg gezogen ist, war zwar heftig – doch im Laufe ihrer langen Geschichte hatte die Vier-Täler-Stadt weitaus schlimmere Katastrophen zu meistern: Das erste für die Vier-Täler-Stadt dokumentierte Hochwasser datiert von 1588. Mehrwöchiger Dauerregen und orkanartige Stürme hatten die Brücken im gesamten Stadtgebiet zerstört.

Und auch in den folgenden Jahrhunderten hieß es immer wieder „Land unter“ in Plettenberg: Schwere Hochwasser ereilten die Stadt auch in den Jahren 1739, 1776, 1792 und 1794.

Besser dokumentiert sind das Unwetter und seine Folgen für das Jahr 1813: In der Nacht vom 23. auf den 24. Juni hatte eine Hochwasserflut fast alle Straßen Plettenbergs überschwemmt. Bäume am Ufer wurden von der Oester, die kaum noch als Bach zu bezeichnen war, mitgerissen. Am Maiplatz wurde ein Haus völlig zerstört, die Oesterbrücke schwer beschädigt.

Im Bett liegend weggeschwemmt

Der Plettenberger Stadtsekretär Julius Hölterhoff hielt für diese Katastrophe fest: „Es war, als ob sich die Quellen der Erde geöffnet und sich stromweise ergossen hätten. Fast alle Straßen sind mit strömendem Wasser bedeckt gewesen, welches sich an den Mauern der Kirche, dem höchsten Punkt des Terrains gebrochen haben.“

In der Innenstadt kam es laut Hölterhoff zu einer– zumindest aus heutiger Sicht – komischen Begebenheit: „Eine Ehefrau wurde mit dem Bette, worin sie lag, aus ihrer Wohnung auf dem sogenannten ‘Keller’ bei der gedachten Brücke hart an der Oester, fortgeschwemmt und erst wo der Stau sich unter der Stadt nach Norden wendet, gerettet.“

Sintflutartige Regenfälle ergossen sich auch am 23. und 24. November 1890 über Plettenberg. Nur aufgrund eines plötzlich eintretenden Witterungswechsels kam es nicht zum Hochwasser.

So viel Glück hatten die Plettenberger in den 1920er Jahren nicht: Zwischen Weihnachten und Neujahr 1924 /1925 hatten anhaltende Regenfälle und schmelzende Schneemassen zur Katastrophe geführt. An Silvester traten Lenne, Else, Oester und Grüne über die Ufer. Straßen, Fabriken und Wohngebäude wurden überflutet. In der Papierfabrik Gregory stand das Wasser bis zu 80 Zentimeter hoch. Der Betriebsführer, der im Keller der Firma geschlafen hatte, konnte nut mit Mühe gerettet werden. Auch das Ohler Eisenwerk stand völlig unter Wasser. Die Wassermassen führten zu Erdrutschen, insbesondere in Böddinghausen, wo die Gleise verschüttet worden waren.

Nur ein Jahr später folgte das nächste Hochwasser: Milde Temperaturen hatten auch zu Neujahr 1926 dazu geführt, dass alle Flüsse über die Ufer traten. So überschwemmte die Else die gesamte Straße bis zur alten Lohmühle, im Oestertal musste die Kleinbahn ihren Betrieb einstellen, da die Schienen unter Wasser lagen.

Mitten im Zweiten Weltkrieg ereilte die Vier-Täler-Stadt die nächste Hochwasser-Katastrophe: Wieder war in den Tagen vor dem 4. November 1940 übermäßig viel Regen gefallen. Das Gebiet zwischen Pasel und Teindeln stand vollkommen unter Wasser, ebenso auch Eiringhausen und Ohle. Wie die Heimatzeitung seinerzeit berichtet hatte, befanden sich in allen Tälern Kies- und Geröllmassen.

Die folgenden zwei Jahrzehnte blieben die Plettenberger von größeren Überschwemmungen verschont. Doch dann folgte das Jahrhundert-Hochwasser: Ab dem 1. Dezember 1960 hatte es unaufhörlich geregnet, die Folgen war verheerend: Am 4. Dezember waren wieder alle heimischen Flüsse über die Ufer getreten. Die gerade erst sanierte Uhlandbrücke hatte die Wassermassen fatalerweise in Richtung Grünestraße gelenkt – sowohl die Wilhelmstraße, als auch die der Umlauf standen unter Wasser. In Plettenberg wurde Katastrophenalarm ausgelöst.

1926 hatte das Hochwasser unter anderem in der Blemke schwere Schäden verursacht.


Große Schäden entstanden unter anderem im Keller des alten Rathauses: Im hier befindlichen Archiv soll das Wasser bis zu 1,34 Meter hoch gestanden haben. Wie Zeitzeugen berichteten, glich das Lennetal zwischen Eiringhausen und Ohle einem See.

Das Betriebsgelände der Firma Brockhaus in Böddinghausen stand wie viele andere Produktionsstätten unter Wasser. Alleine die Plettenberger Industrie bezifferte ihre Schäden auf über zwei Millionen DM.

Besonders schwer getroffen wurde am 17. Juni 1986 Holthausen. Auch dieses Mal hatte es im Vorfeld über mehrere Tage geregnet, dicke Hagelkörner gesellten sich dazu. Die Folge: Holthausen versank in Wasser, Schlamm und Geröll, zeitweise fiel bis zu 70 Liter Regen pro Quadratmeter.

Die Bewohner Holthausens, die die Hilfskräfte in fast schon übermenschlichem Ausmaß unterstützt hatten, wateten durch bis zu 50 Zentimeter hohes Wasser. Die Schäden für die betroffenen Anlieger sollen die Millionen-DM-Marke überschritten haben.

Und so zeigt ein Blick in die Stadtgeschichte, dass die Vier-Täler-Stadt wohl auch in Zukunft immer wieder mit Hochwasser rechnen muss. Und es ist zu befürchten, dass das Ausmaß der Katastrophen aufgrund des Klimawandels immer größer wird.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare