Keine Nachfolge in Sicht

Und wieder ein Hausarzt! Arztpraxis im MK droht ab Sommer die Schließung

Dr. Nicola Cramer Plettenberg Hausarzt Praxis wird geschlossen, Nachfolge ist nicht in Sicht
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Dr. Nicola Cramer und ihr Team (hier fünf der insgesamt sechs Mitarbeiterinnen) in ihrer Praxis in Plettenberg Am Wall. Weil die Allgemeinmedizinerin angekündigt hat, im Sommer in den Ruhestand gehen zu wollen, braucht es dringend eine Nachfolge.

Der heimischen Ärztelandschaft droht eine weitere Lücke: Eine Hausärztin aus dem MK will im Sommer in den Ruhestand gehen. Sie und ihre Patienten hoffen auf eine Nachfolge. Aber die ist bisher nicht in Sicht.

Plettenberg – Es fällt Dr. Nicola Cramer sichtlich schwer, darüber zu reden. Wenn sie ihren Patienten von ihrem bevorstehenden Abschied erzählt, ringt sie manchmal mit den Tränen. Kein Wunder: Im 35. Jahr ist sie nun schon als Hausärztin in ihrer Praxis Am Wall in Plettenberg tätig. Sie kennt manch einen Patienten schon seit der Säuglingsuntersuchung. Aber nun will sie im Sommer im Alter von 63 Jahren in den Ruhestand gehen.

Es sind bewegte Jahre, die Dr. Nicola Cramer zuletzt privat und beruflich erleben musste. Innerhalb der letzten sechs Monate hat ihre 94-jährige Mutter einen Schlaganfall und einen Herzinfarkt erlitten. Im Jahr 2015 ist ihr Ehemann Manfred verstorben, mit dem sie rund 30 Jahre lang gemeinsam die Praxis geführt hat.

Sie fing alles auf, sowohl privat, als auch beruflich, wies keinen Patienten ab, übernahm auch die bisherigen Patienten ihres Mannes. Im letzten Jahr veränderte die Corona-Pandemie dann den kompletten Praxis-Alltag und sorgte für zusätzliche Belastungen. Nun forciert die Regierung die elektronische Verarbeitung der Patientendaten, die neues Wissen und neue Geräte erfordert. „So etwas verdirbt den Spaß an der Arbeit. Es raubt Zeit und Energie“, sagt Dr. Nicola Cramer, die sich auch deshalb, aber vor allem wegen ihres Alters für den Ruhestand entschieden hat.

Hausarzt im MK schließt Praxis: Für die Tochter kommt die Übernahme zu früh

Doch was soll aus ihren Patienten werden, teilweise Menschen mit schweren Erkrankungen? Über Jahre hat Dr. Nicola Cramer mit allen Mitteln versucht, eine Nachfolge zu finden.

Der naheliegendste Gedanke: Tochter Sarah-Lydia übernimmt die Praxis. Sie studiert Medizin im zehnten Semester, braucht also nur noch ein Jahr bis zum Abschluss. Die Patienten kennen sie, weil sie schon öfter in der Praxis geholfen hat. Doch weil sie nach ihrem Studium fünf weitere Jahre praktisch arbeiten muss, bevor sie anerkannte Ärztin für Allgemeinmedizin ist, dauert es also noch sechs Jahre, bis sie für die Praxisübernahme Am Wall infrage käme. „Diese sechs Jahre schaffe ich nicht mehr“, sagt ihre Mutter Nicola Cramer.

Also hat sie auf anderem Wege gesucht. Sie schrieb die Chefärzte der umliegenden Kliniken an, platzierte Stellenausschreibungen in der Praxisbörse der Kassenärztlichen Vereinigung und beim Hausärzteverband, führte Gespräche mit deren Verantwortlichen, aber nichts davon brachte den gewünschten Erfolg.

Hausarzt im MK schließt Praxis: Auch Kooperation mit der Uni Bochum hat nicht geholfen

Selbst, als sie sich als akademische Lehrpraxis an der Universität Bochum einschrieb, um Medizinstudenten für ein Praktikum in ihrer Praxis zu gewinnen, brachte es am Ende nichts. Zwar konnte sie tatsächlich Medizinstudenten aus Plettenberg und Werdohl zum Praktikum begrüßen, aber sie befanden sicht in den ersten Semestern und brauchten daher noch zu viel Zeit.

„Ich hatte mal einen Anwärter, kurz nachdem mein Mann verstorben ist, der sich vorstellen konnte, in meine Praxis nach Plettenberg zu kommen“, erinnert sich Dr. Cramer. „Es ist aber letztlich daran gescheitert, dass seine Lebensgefährtin nicht nach Plettenberg wollte.“

Ein beispielhafter Fall, der das oft erwähnte und typische Problem zeigt, dass Plettenberg für Mediziner und ihre Familien häufig nicht attraktiv genug erscheint.

Nun ist Dr. Nicola Cramer mit ihrem Latein am Ende. Die letzte Hoffnung, die sie habe, seien die Verantwortlichen von Stadt und Politik vor Ort. Sie hofft auf zusätzliche finanzielle Anreize seitens der Stadt, um einem Nachfolger die Praxisübernahme schmackhaft zu machen, und auf ein ähnliches Engagement wie für die Praxis Hülsmann/Csapo in Ohle, die auf den letzten Drücker doch noch eine Nachfolge gefunden hat.

Alle Hoffnungen liegen nun auf der Stadt und der Politik

Sollte sich eine Lösung finden, wäre sie auch gerne bereit, noch ein Vierteljahr dranzuhängen, sagt Nicola Cramer. Hauptsache, die weitere medizinische Versorgung ihrer Patienten sei irgendwie gesichert. Denn die anderen Hausärzte in Plettenberg sind weitestgehend ausgelastet und auch die Verschreibung von Medikamenten für das Quartal nach ihrem Abschied, die einige Patienten schon angefragt haben, ist ihr durch die Vorgaben der Kassenärztlichen Vereinigung nicht möglich, erklärt die Ärztin.

All das sind keine guten Nachrichten zum Jahresstart, und deshalb fällt es Nicola Cramer auch so schwer, darüber zu reden. Aber sie hat nun bewusst den Weg der Öffentlichkeit gewählt, um vielleicht doch noch etwas bewirken zu können – in der Hoffnung, dass sich innerhalb des nächsten halben Jahrs für ihre Patienten und ihre sechs Mitarbeiterinnen irgendwie eine Nachfolge finden lässt.

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