Prozess nach Tod eines Pflegekindes

Handelte der Pflegevater des getöteten Kleinkindes im Affekt?

Gutachter Dr. Nikolaus Grünherz trug das forensisch-psychiatrische Gutachten vor. Der Angeklagte vermied dabei jeden Blickkontakt.
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Gutachter Dr. Nikolaus Grünherz trug das forensisch-psychiatrische Gutachten vor. Der Angeklagte vermied dabei jeden Blickkontakt.

Im Revisionsverfahren gegen einen 32-jährigen Plettenberger, durch dessen Gewalteinwirkung ein 17 Monate altes Pflegekind Stunden später nach einer Notoperation im Uniklinikum Essen verstarb, sollte es am Donnerstag am Landgericht Hagen zur Urteilsverkündung kommen.

Plettenberg/Hagen - Dabei bekräftigte Nikolai Odebralski als Strafverteidiger des Plettenbergers, dass er eine verminderte Schuldfähigkeit des Angeklagten nicht ausschließe. Er werde für ein Strafmaß von achteinhalb Jahren plädieren. Doch zu den Plädoyers und dem Urteil kam es nicht mehr, denn nach den zweistündigen Ausführungen des forensisch-psychiatrischen Gutachtens durch Dr. Nikolaus Grünherz entschied Richter Potthast, einen Folgetermin anzusetzen.

Zielperson war die Ehefrau

Gutachter Grünherz schloss ein Affektverhalten bei der Tat nicht aus. „Die Zielperson war eigentlich die Ehefrau und nicht das Pflegekind“, sagte Grünherz. Das Verhalten sei ein Stück weit atypisch, denn der Angeklagte habe die Tat nicht geplant.
Zu Beginn skizzierte der Gutachter den Lebenslauf des Plettenbergers, der als erster von drei Brüdern geboren wurde und mit zwei weiteren Pflegekindern aufwuchs. Die Trennung der Eltern, die beide mit ihren Partnern die Verhandlung verfolgten, aber kein Wort miteinander wechselten, sei schwierig für den damals 14-Jährigen gewesen.

Sein Vater, der früher zwei Berufe gleichzeitig ausgeübt habe, sei arbeitstechnisch ein Vorbild für den Angeklagten gewesen. Dieser habe stets große Probleme gezeigt, sich seine körperlichen Leistungsgrenzen einzugestehen, habe in Beziehungen viel in sich hineingefressen und sei Konflikten aus dem Weg gegangen. Zudem habe er wenig auf sein Wohlbefinden geachtet und vor seinem Herzinfarkt pro Tag 40 Zigaretten geraucht, eine Kiste Bier pro Woche getrunken und sich ungesund ernährt. Nach dem Infarkt habe er 25 Kilo abgenommen, doch seine Arbeitseinstellung habe sich nicht geändert, denn nach der Reha sei er beruflich sofort wieder voll eingestiegen. Unterstützung von seiner damals schwangeren Frau habe er wenig bekommen und nach der Arbeit noch Wäsche und Essen gemacht.

„Steif wie ein Puppe“

Am Tag der Tat kam noch ein abgelehnter Urlaubsantrag hinzu. Auf dem Balkon hätten sich Pakete der kauffreudigen Ehefrau gestapelt und der Pelletofen musste gesäubert werden. Als er nach Hause kam, habe das Pflegekind geschrien, das der Angeklagte ins Zimmer nach oben brachte. Als dann der Staubsauger verstopfte, passierte jene Tat, über die der Angeklagte nach Aussage des Gutachters nichts sagen könne, weil er keine Erinnerungen habe. „Er träumt aber manchmal davon, dass er es (das Kind) schüttelt.“ Und er habe sich erinnert, dass das Kind „steif wie eine Puppe“ gewesen sei. Was er anschließend zu seiner Frau, später zu den Ärzten und bei der Vernehmung durch die Polizei gesagt habe, wisse er nicht.

Grünherz sah keine Hinweise auf eine Persönlichkeitsstörung. Er sei deutlich aggressionsgehemmt und habe ein hohes Arbeitsideal. Grünherz konnte ein sogenanntes Affektdelikt und eine Minderung der Steuerungsfähigkeit nicht ausschließen. Richter Potthast relativierte diese Aussage abschließend ein Stück weit: „Wenn man kein gefühlskalter Killer ist, ist bei jeder Tat ein gewisser Affekt im Spiel.“ Wie sich das Gutachten auf das Urteil auswirkt, zeigt sich am 30. April.

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