Händler mit Corona-Hilfen nicht vollends zufrieden

Überbrückungshilfen? „Es ist ziemlich kompliziert“

Das komplizierte Antragsverfahren hat Bettina Neumann vom Juweliergeschäft Bitzhenner bisher davon abgehalten, Überbrückungshilfen für Fixkosten zu beantragen.
+
Das komplizierte Antragsverfahren hat Bettina Neumann vom Juweliergeschäft Bitzhenner bisher davon abgehalten, Überbrückungshilfen für Fixkosten zu beantragen.

Die staatlichen Corona-Hilfen sind für die Einzelhändler ein schwieriges Thema. Wir haben mehrere Plettenberger Geschäftsleute nach ihren Erfahrungen mit den Corona-Hilfen gefragt.

Plettenberg - Überbrückungshilfen hat Inhaberin Bettina Neumann für das Juweliergeschäft Bitzhenner bisher nicht beantragt. „Ich denke auch, dass mir da nichts zusteht“, sagt sie. Zumindest die Erstattung für den Wertverlust von verderblicher und Saisonware, die Teil der dritten Überbrückungshilfe ist, trifft für das Juweliergeschäft nicht zu. Zwar können auch Fixkosten geltend gemacht werden, doch das komplizierte Antragsverfahren hält Neumann davon ab, die Überbrückungshilfen in Anspruch zu nehmen.

„Es ist ziemlich kompliziert“, sagt sie. „Für jemanden, der sich nicht damit auskennt, ist es ziemlich unübersichtlich, was man beantragen kann oder nicht.“ Zudem höre man, gerade aus der Gastronomie, wie schleppend die Auszahlung der Überbrückungshilfen zum Teil laufe.

Positive Erfahrungen hat Neumann dagegen mit den Soforthilfen am Anfang der Corona-Pandemie gemacht. „Ich habe die Soforthilfen beantragt und das hat auch alles super geklappt“, sagt sie über die staatliche Unterstützung. Allerdings müsse ein Teil dieser Hilfen zurückgezahlt werden. Die Rückzahlung war bisher noch nicht fällig, jetzt im Frühjahr müssen noch einmal neue Formulare ausgefüllt werden.

„Wegen der Rückzahlung bin ich auch vorsichtig bei den Überbrückungshilfen“, sagt Neumann. Sie werde erst einmal versuchen, ohne weitere Hilfen durchzukommen.

Mehr als das komplizierte Antragsverfahren stört sich die Geschäftsfrau aber an der fehlenden Perspektive für den Einzelhandel. Die Ergebnisse der letzten Bund-Länder-Beratungen seien eine große Enttäuschung: „Es wird von Woche zu Woche verschoben.“

Man habe zunächst gehofft, nach der Verlängerung des Lockdowns bis zum 7. März könne es weitergehen, doch dann wurde ein Inzidenzwert von 35 als neues Ziel ausgegeben. Das sei frustrierend, weil eine Perspektive fehle. „Ich hatte mir da mehr von der Politik erhofft, einen Plan für den gesamten Handel, sodass man sagen kann, es geht unter bestimmten Bedingungen weiter.“ Man fühle sich alleingelassen. „Der Einzelhandel wird ein wenig wie ein Stiefkind behandelt“, so Neumann.

Für Ivonne Hübner ist die Lage im Lifestyle-Geschäft Mariposa schwierig. „Die ganze Situation ist bescheiden“, sagt sie. „Man bemüht sich zwar und dadurch, dass wir auch Feinkost haben, haben wir zum Teil geöffnet, aber die Leute sind sehr viel vorsichtiger, es ist nicht viel los.“ Auch über Click and Collect, also Klicken und Abholen, verkauft sie ihre Ware teilweise. Die Kunden teilen Hübner über die sozialen Medien oder Whatsapp mit, was sie möchten. Aber zur Situation vor Corona und den Einschränkungen für den Einzelhandel sei das kein Vergleich.

Die ersten vom Staat angebotenen Hilfszahlungen habe sie seinerzeit noch beantragt. „Das hat super funktioniert und ich habe das Geld sehr schnell bekommen“, sagt Ivonne Hübner. Allerdings war ihr zu dem Zeitpunkt nicht klar, dass diese teilweise zurückgezahlt werden müssten. „Hätte ich gewusst, hätte ich das vielleicht gar nicht beantragt.“ Wegen der großen Unklarheit beim genauen Ablauf hat sie die zweite Überbrückungshilfe nicht beantragt und wird wohl auch die dritte nicht in Anspruch nehmen. „Im Moment muss ich ohnehin gucken, ob ich etwas kriegen würde, dazu fehlen mir noch die Informationen.“ Erst einmal werde sie versuchen, mit ihren Ersparnissen irgendwie klarzukommen.

Erfahrungen mit den Corona-Hilfen kann Philip Fries, Inhaber des Modehauses Otto, nicht schildern. Die ersten und zweiten Überbrückungshilfen seien für sein Geschäft nicht infrage gekommen, da die Voraussetzungen dafür nicht gegeben waren. „Ich glaube, dafür brauchte man ein negatives Geschäftsergebnis“, sagt Fries. Da man bis Mitte Dezember aber noch habe öffnen dürfen, seien die Voraussetzungen nicht erfüllt gewesen.

Nun gibt seit Kurzem die Überbrückungshilfe III. „Die würde uns betreffen, denn man kann darüber Fixkosten geltend machen und die Winterware abschreiben“, sagt er. Da das Portal für die Beantragung aber erst seit wenigen Tagen freigeschaltet sei, fehlen auch da noch die Erfahrungswerte. „Die ganze Branche diskutiert darüber, wie es laufen soll“, sagt Fries.

Nach seinem Verständnis würde der Staat die Kosten der nicht verkauften Ware entweder zu 90 Prozent übernehmen und man verkaufe die restlichen zehn Prozent, oder die Warenkosten würden zu 100 Prozent übernommen, wobei die Ware dann verschenkt oder vernichtet werden müsse.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare