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„Haben im Keller geschlafen“: Plettenbergerin nimmt einstiges Pflegekind aus der Ukraine auf

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Von: Johannes Opfermann

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Flohen aus der Nähe von Kiew nach Plettenberg: Zusammen mit ihrem Sohn Wanja ist Katja Aleksiichuk (rechts) nun bei Rita Bieker untergekommen, die sie seit fast 30 Jahren kennt.	Foto: opfermann
Flohen aus der Nähe von Kiew nach Plettenberg: Zusammen mit ihrem Sohn Wanja ist Katja Aleksiichuk (rechts) nun bei Rita Bieker untergekommen, die sie seit fast 30 Jahren kennt. © Opfermann, Johannes

Nächtelang suchte Katja, die viele Plettenberger als Kati kennen, mit ihrer Familie Schutz im Keller, dann entschied sie sich zur Flucht. Nach einer mehrtägigen Reise ist sie mit ihrem Sohn nun bei Rita Bieker in Plettenberg angekommen.

Plettenberg – Am Küchentisch in Plettenberg wirkt Katja Aleksiichuk sehr gefasst, konnte sich von den Strapazen der Flucht etwas erholen. Immerhin ist Deutschland, ist Plettenberg ihr im Gegensatz zu anderen Ukraine-Flüchtlingen nicht fremd. „Ich kenne die Familie Bieker fast 30 Jahre“, sagt die 34-Jährige, die das erste Mal mit sechs Jahren bei den Biekers zu Gast war. Sie war das erste Kind aus der Region um Tschernobyl, das Rita Bieker und ihr verstorbener Mann Wolfgang aufnahmen, sie ist Teil der Familie. Auch Rita Bieker ist erleichtert, ihre „Kati“ zusammen mit ihrem achtjährigen Sohn Wanja nun in Sicherheit zu wissen. „Ich bin so froh, ich habe so gehofft. Ich hab am Telefon immer gesagt: Kati, komm! Kati, komm!“

Bis kurz vor dem Krieg hätten sie gar nicht mehr so häufig telefoniert, aber seit dem Krieg jeden Tag, sagt Katja. „Rita hat sich solche Sorgen gemacht und immer gefragt, was los ist.“ Obwohl Katja fast perfekt Deutsch spricht, ist es nicht immer leicht, die richtigen Worte zu finden. Wie hätte sie auch ahnen können, dass sie ausgerechnet einmal das Vokabular benötigt, um einen Krieg und die Flucht aus dem eigenen Land zu schildern?

Völlig vom Krieg überrascht

Der Krieg habe auch sie völlig überrascht, gibt Katja zu. Zunächst hatten westliche Medien – gestützt auf Geheimdienstberichte – für den 16. Februar einen russischen Angriff angekündigt, der dann aber noch nicht kam. „Wir haben alle gebetet und unseren Zusammenhalt gefeiert“, erinnert sie sich. Der Krieg kam aber dann doch, eine Woche später.

Angesprochen darauf, ob sie wegen des Kriegs Wut oder Hass empfindet, sagt sie: „Ich habe keinen Hass auf die russischen Leute, sondern auf die Regierung, die so eine Entscheidung getroffen hat. Ich kann das gar nicht verstehen. Unser normales Leben können wir jetzt nicht mehr leben, und deswegen bin ich wütend auf die russische Regierung.“

Am Mittwoch sei sie noch normal zur Arbeit im Rathaus in Kiew gefahren, am Donnerstag ging das nicht mehr, berichtet die Ukrainerin. Von einem Tag auf den nächsten war alles anders. „Wir sind am 24. Februar von Explosionen aufgewacht“, sagt Katja, die bis zu ihrer Flucht mit ihrer Familie südwestlich von Kiew wohnte. Es war wohl ein Angriff auf einen Militärflughafen in 30 Kilometer Entfernung. „Es war sehr laut und stressig.“

Gemeinsam mit ihrem Mann und dem achtjährigen Sohn Wanja zog sie zu den Schwiegereltern, die nicht weit entfernt wohnen. „Wir haben alles, was man zum Leben braucht, in den Keller gebracht.“ Dort verbrachten sie viel Zeit, suchten Schutz vor möglichen Bomben- und Raketeneinschlägen, vor allem nachts. „Wir haben im Keller geschlafen, denn es war zu stressig, die Explosionen oben zu hören.“

Jede halbe Stunde schauten sie Nachrichten, konnten verfolgen, wie die russischen Truppen näher an Kiew heranrückten, dass es Gefechte mit ukrainischen Soldaten gab oder dass im Norden von Kiew der Strom ausfiel.

„Ich hatte das Gefühl, dass es näher zu uns kommt, wir haben jeden Tag Explosionen gehört. Gott sei dank wurde unser Haus nicht getroffen.“ In unmittelbarer Nähe von ihrem Wohnort habe es keine Einschläge gegeben, aber die zehn Kilometer entfernte Stadt Butscha sei fast komplett zerstört worden.

Nach einer Woche Krieg habe sie dann die Entscheidung getroffen, aus der Ukraine zu fliehen. Vor allem machte sich Katja Sorgen um ihren Sohn Wanja. „Er hat im März Geburtstag und ich wollte nicht den Geburtstag meines Sohnes im Keller ,feiern’“, sagt sie. „Ich habe dann Rita angerufen und gesagt: Wir möchten gerne kommen, denn wir wissen nicht, wie lange es noch dauert und wie lange wir noch gesund und lebendig bleiben.“

Katja konnte nur Wanja mitnehmen, ihr Mann durfte wegen der Generalmobilmachung die Ukraine nicht verlassen. Er musste bleiben, um irgendwie bei der Verteidigung des Landes zu helfen, aber auch um die alten Eltern zu unterstützen, die auf Hilfe angewiesen sind. Auch die ganzen anderen Verwandten, die meisten in der Region um Kiew, sind noch in der Ukraine. Katja hält weiter mit ihnen Kontakt. „Das Telefonieren geht noch, aber nicht mit allen, weil einige Städte keinen Strom mehr haben.“

Die Flucht mit Zug und Bus dauerte insgesamt 63 Stunden. „Wir mussten vier Stunden vor Abfahrt am Bahnhof in Kiew sein, weil so viele Leute raus wollten“, sagt Katja. Sie ist dankbar, dass die ukrainische Staatsbahn so viele Züge Richtung Westen bereitstellte, sodass diese nicht zu sehr überfüllt waren. „Es waren viele Leute im Zug und einige mussten stehen, aber für Kinder waren Plätze da.“ Zur Sicherheit fuhren die Züge verdunkelt, es wurde kein Licht angemacht und die Fensterrollos mussten heruntergelassen sein.

63 Stunden auf der Flucht

In Lwiw in der Westukraine ging es nach zehnstündigem Aufenthalt mit dem Bus weiter, an der Grenze zu Polen mussten Katja und ihr Sohn wieder neun Stunden warten. Von dort ging es wieder weiter mit dem Zug. „Ich bin sehr dankbar, dass die Deutsche Bahn kostenlose Züge für die ukrainischen Flüchtlinge bereitgestellt hat“, sagt sie. Auch in Berlin sei sie von der großen Hilfsbereitschaft der Menschen in Deutschland sehr überrascht gewesen. „Am Busbahnhof in Berlin waren viele Freiwillige, die uns Flüchtlingen in vielen Sprachen geholfen haben. Und es gab ein heißes Essen“, berichtet Katja. „Wir hatten vorher drei Tage nichts Warmes gegessen, wir hatten nur Brot und ein Stück Käse dabei.“ Die Unterkunftsmöglichkeiten, die die Freiwilligen in Berlin anboten, habe sie aber nicht gebraucht: „Ich kannte zum Glück eine gute Familie in Plettenberg.“ Rita Biekers Bekannte Mascha, eine in Berlin lebende Ukrainerin, holte Katja und Wanja vom Busbahnhof in Berlin ab und sorgte dafür, dass sie im richtigen Zug nach Plettenberg sitzen.

Dort ist sie spät abends am Mittwoch vergangener Woche eingetroffen. Von der Hilfsbereitschaft, die sie und Wanja, aber auch Rita Bieker, die die beiden bei sich aufgenommen hat, erleben, sind alle überwältigt. Mehrere Kisten mit Kinderkleidung in Wanjas Größe hatten Plettenberger abgegeben, die KFD brachte Spenden vorbei, die in der Gemeinde St. Johann Baptist gesammelt wurden – um nur zwei Beispiele zu nennen. „Ich freue mich über soviel Anteilnahme der Plettenberger“, sagt Rita Bieker und meint damit die Hilfsbereitschaft so vieler in der Vier-Täler-Stadt, die den Flüchtlingen aus der Ukraine helfen, obwohl sie teilweise selbst nicht viel hätten. „Ich freue mich sehr darüber, dass so viele helfen und Leute aufnehmen, ohne dass sie sie kennen.“ Das sei noch etwas anderes als bei ihrer Kati. „Die ist ja quasi hier zuhause.“

Für Wanja hingegen ist Plettenberg eine fremde Stadt. Die Trennung von seinen Klassenkameraden, mit denen er – nach viel Unterrichtsausfall wegen Corona – erst seit kurzem gemeinsam zur Schule gegangen ist, fällt ihm schwer, aber zu einigen kann er noch Kontakt halten. „Sie sind jetzt aber überall verstreut, in Kiew, in der ganzen Ukraine – das ist schwierig“, sagt Katja.

Sie bemüht sich, den Krieg möglichst weit von dem Achtjährigen fernzuhalten. Der Fernseher in Rita Biekers Haus bleibt aus, damit die Nachrichten ihn nicht ängstigen. Schon auf der Flucht erzählte Katja ihrem Sohn nicht viel, um ihn nicht zu überfordern. „Ich wollte nicht, dass er diesen Stress sein ganzes Leben mitnimmt. Ich habe gesagt, wir machen ungeplanten Urlaub“, erklärt die 34-Jährige.

Hoffen auf baldiges Kriegsende

Und doch haben sich Eindrücke wie Explosionen in der Nähe eingebrannt und kommen auch in Plettenberg noch hoch. „Wir waren mit Ritas Hund spazieren und da hat er ein lautes Geräusch gehört – einen Knall von einem Auto – und hat gleich die Hände über den Kopf gehalten. Er dachte, wir müssen wieder in den Keller“, sagt Katja. „Aber wir sind jetzt hier in Sicherheit.“

Wie es jetzt für Mutter und Sohn in Plettenberg weitergeht, wissen sie noch nicht. Erst einmal hat Katja einen Termin zur Registrierung im Rathaus. Neben dem Aufenthaltsstatus geht es dabei auch um die Frage, ob Katja hier arbeiten kann. Der Wunsch ist aber, möglichst schnell in die Ukraine zurückkehren zu können. „Ich habe noch Hoffnung, dass der Krieg bald aufhört und ich zurück kann, denn da ist mein Zuhause.“

Und so froh Rita Bieker ist, Katja und Wanja bei sich zu haben, so macht sie sich immer noch Sorgen um ihre andere Gasttochter Anja. Die hatte mit ihrer kleinen Tochter bei den Eltern in der Kleinstadt Slawutytsch nahe der Grenze zu Belarus Schutz gesucht. Inzwischen ist die Gegend von russischen Truppen umzingelt. „Sie kommt nicht raus, aber wir telefonieren noch jeden Abend, solange es geht.“

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